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Warum erfreut sich der Stummfilm heute eigentlich so mäßiger Beliebtheit? Es muß das fehlen akkustischer Dialoge sein, an deren Gegenwärtigkeit sich das Publikum über die Jahre gewöhnt hat. Es ist ja auch irgendwo ein gutes Recht auf das Hörerlebnis zu bestehen, welches das heiß ersehnte Lichttonverfahren, das Ende der Zwanziger Jahre standartisiert wurde, ermöglicht hat. Nur muß man sich fragen, ob sich das Kino wirklich auch so schnell in seiner Darstellungsform entwickelt hätte, wenn das Fehlen von Gesprächen und Geräuschen nicht völlig andere Wege der Übermittlung von Stimmungen und Aussagen bedingt hätte. Heute schnell in die intellektuelle Ecke abgeschoben, war der Stummfilm einst die Attraktion der Jahrmärkte und Wanderkinos, erreichte schließlich besonders die ländliche Bevölkerung durch die Wochenschauen, in denen Bilder aus der noch so fernen Welt zu sehen waren. Erst beschwerlich mußte sich das Kino in der Konkurrenz zum Theater oder der Oper einen Zugang zur Mittelschicht erkämpfen.
Kaum verwunderlich ist es daher, daß sich die Themen der Filme oftmals am Sujet der Kolportagen- und Groschenromane orientierten und man selbst dem weltkulturschaffenden Fritz Lang eine Volksnähe nicht absprechen kann. Filme wie Der Bettler vom Kölner Dom wurden keinesfalls gedreht, um den Bildungsbürger zu beeindrucken. Viel mehr dienten sie reiner Unterhaltung. Dies spricht jedoch nicht dagegen, daß Rolf Randolf für seine Wiederaufbereitung des erfolgreichen Detektivthemas auf die technischen Errungenschaften der vorangegangenen dreißig Jahre der Filmproduktion zurückgreift und somit alles bietet, was ein moderner Kriminalfilm benötigt.

Die Geschichte von Emanuel Alfieri, der zuvor schon Lokalkolorit in Die Lindenwirtin am Rhein verarbeitet hatte, setzt hoch an, als die einleitende Texttafel von einer internationalen Einbrecher- und Hochstaplerbande berichtet, die ihre Tätigkeit nach Köln verlegt hat. Mächtig ragen die beiden Turmspitzen des Kölner Doms, der in diesem Porträt nur mit seinem obersten Teil das Bild erfüllt, aus einer sich lichtenden Bildmaskierung empor. Ehrfürchtig gleitet die Kamera hinab zu seinem Fuße, wo der Zuschauer geschäftiges Treiben im Ameisenformat betrachtet, was die imposante Erscheinung des vor dem zweiten Weltkrieg noch unbeschädigten Bauwerks unterstreicht. Mit monumentalem Grollen ordnet sich hier sofort die von Pierre Oser neu komponierte (Die Originalmusik von Hans May gilt als verschollen.) und vom WDR-Rundfunkorchester unter der musikalischen Leitung von Titus Engel eingespielte Musikbegleitung der Bildsprache unter und fällt somit positiv dadurch auf, nicht zu stark aufzufallen.
Nach einem Blick auf die titelprägenden Gestalt überrascht Der Bettler vom Kölner Dom durch die Inszenierung der Ankunft unseres Protagonisten Tom Wilkens (Henry Stuart). Der zu den besten Beamten der Internationalen Fahndungspolizei gezählte Ermittler rast mit einer seinerzeit respektablen Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern herbei. In Nahaufnahmen vermittelt heute wohl eher das sich flink drehende Speichenrad als der hervorgehobene Tacho das rasante Gefühl. Mit einer Schutzbrille bekleidet, lenkt der Beamte seinen Wagen bei sportlich offenem Verdeck vor das Hotel Excelsior, welches er durch die Drehtüre betritt. Noch nicht fertig eingerichtet, erblickt Wilkens bereits durch sein Fernrohr den vor dem Dom postierten Bettler, der just in diesem Moment leblos zusammenbricht.

Es stellt sich heraus, daß ein verdeckter Ermittler in dieser Verkleidung gesteckt hatte. Just zeigt dieses schreckliche Ereignis auf, daß die Polizei hier ins Wespennest gestochen und einen informellen Knotenpunkt der Verbrecherbande aufgetan hat. Diese ist auch bereits über die Ankunft von Tom Wilkens im Bilde, der sogleich aus dem Hotel Excelsior auszieht, um eine Überraschung vorzubereiten. Der Meister der Verkleidung kehrt zurück in der Maske eines schwerreichen Inders, hinterlegt sogleich seine unbezahlbare Habe im Hoteltresor - der perfekte Köder für das Diebesvolk, welches sich im Karneval unter alle Schichten gemischt hat.
Unter die von Willy Hameister, der auch am expressionistischen Meilenstein Das Cabinet des Dr. Caligari beteiligt war, gedrehten Aufnahmen der Kölner Originalschauplätze und in Berlin getätigten Studioarbeiten, mischt Rolf Randolf in Der Bettler vom Kölner Dom dokumentarische Szenen aus der Karnevalssaison 1926/27. Die eher triviale, jedoch beliebte Mär vom maskierten und frauenbetörenden Meisterdetektiv profitiert ungemein von der auflockernden Darstellung taktvoll montierter, unterschiedlicher Einstellungen, in denen das Geschehen an seinen Spitzen schon einmal als mehrfach geteiltes Bild komponiert wird.

Auf dem Höhepunkt in einer rasanten Jagd zwischen KFZ und Schnellboot eskalierend scheint es gar, als hätte das Genre außer der Sprache in den folgenden Jahren nicht viel hinzugelernt. Allenfalls naiv mögen manch Kniffe heute wirken. Gerade die Figur der Mabel Strong (Elza Temary) ist zum Himmel schreiend leichtgläubig. Trotz dieser dramaturgischen Abstriche sollten sich Freunde abenteuerlicher Kriminalgeschichten insbesondere wegen der raren Aufnahmen von historischem Wert dieses ungewöhnliche, weil einzig erhaltenes, Relikt des populär gewordenen Kölner Stummfilms nicht entgehen lassen. Der Bettler vom Kölner Dom ist ein hervorragendes Exempel für die frühe Perfektion des seichten Unterhaltungskinos und vielleicht deshalb die Gelegenheit für Skeptiker, ihre Distanz zur Filmgeschichte zu verringern.

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