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Jack rechnet ab (1971)

Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 21.10.2005, seitdem 1143 Mal gelesen


Längst gehört er zur Gattung stilprägender Filme, die ihr Rezept an die nächsten Generationen weitergaben. Der Einfluss von „Get Carter“ währt auch heute noch und lässt sich nicht zuletzt im jüngeren, sehr erfolgreichen, britischen Gangster-Kino von Guy Ritchie („Snatch.“, „Revolver“) wiederfinden. Dem Stallone-Remake aus dem Jahr 2000, konnte er hingegen keinen guten Rat mit auf den Weg geben. Aber gut beraten lassen die Amerikaner sich von uns Europäern ohnehin ungern. Hier ist das mal ein Vorteil, denn so erscheint das Original noch einmaliger.

Regisseur Mike Hodges („Pulp”, „A Prayer for the Dying”) inszeniert nach seinem eigenen Drehbuch, das auf dem Roman „Jack's Return Home“ von Ted Lewis basiert, einen gleich in vielerlei Hinsicht unkonventionellen Thriller, der über alle Maße auf seiner unnahbaren Hauptperson aufbaut.

Jack Carter (Michael Caine, „The Italian Job”, „On Deadly Ground”) ist ein Mann vom Fach, ein Geldeintreiber, der für die Londoner Unterwelt seinen Dienst verrichtet, nun aber nach Newcastle, seinem Geburtsort, will, weil sein Bruder verstarb – angeblich im Suff mit dem Auto in den Fluss gerast. Aber Carter kennt seinen Bruder besser und forscht nach...

„Get Carter“ verhält sich unorthodox und war auch damals kein gewöhnlicher Film. Dafür verhält sich die Hauptfigur einfach zu eigen und unberechenbar. Hodges zeigt ein Newcastle der Arbeiterklasse in einer tristen, farblosen Optik mit stimmungslosen, aber lebhaften Pubs, leeren Docks und ärmlichen, dreckigen Vierteln. Eben eine Gesellschaft der es nicht gut geht und in der das Verbrechen blüht.

Eine nahezu ideale Kulisse für Jack Carter, dem die Entschlossenheit ins Gesicht gemeißelt wurde. Dieser Mann ist niemand mit dem man spaßt, denn er versteht keinen Spaß, misstraut jedem und kennt keinen Scham. Vor seiner Vermieterin treibt er Telefonsex mit seiner heimlichen Geliebten (Britt Ekland, später Bond-Girl in „The Man with the Golden Gun“), nur um später auch über die zu steigen und schläft überhaupt mit (fast) jeder Frau, die ihn aufgrund seiner dominanten, erbarmungslosen Unnahbarkeit so anziehend findet. Dabei wissen sie gar nicht, was für ein eiskaltes, skrupelloses Monster in ihm lauert und auch ausbricht.

Aber Carter hat keinerlei Eile damit, denn er hat Zeit. Er kann abwarten und schauen, wie sich die Dinge entwickeln werden Er weiß, wen er besuchen muss, um Antworten zu bekommen, wen er töten und wen er nur einschüchtern muss, um die Wahrheit zu erfahren. Seine Sätze beschränkt er auf das Nötigste. Wer erst mal in Carters Visier gerät, hat ohnehin keine Chance mehr. Auch nicht seine beiden Kollegen, die angewiesen sind den schnüffelnden Killer nach London zurückzuholen.

Michael Caine, der mir oft zu teilnahmslos spielt, stellt sich hier als Idealbesetzung heraus. Seine stoische Miene und sein stahlharter Blick projizieren Gnadenlosigkeit und Zielstrebigkeit, egal ob sie auch zu seinem Ende führen könnte. Carter will hier in Newcastle den Dingen auf den Grund gehen und gerade weil man ihm in die Quere kommt, weiß er, dass etwas nicht mit dem Tod seines Bruders stimmen kann. Also bearbeitet er die lokale Unterwelt – bis ganz nach oben und wird dabei nie zum sympathischen Rächer oder Antihelden, weil er selbst ein verkommenes, Menschen ausnutzendes, gefühlskaltes Individuum ohne Skrupel ist und sich seiner Verantwortung nur wenn nötig stellt.

Sein rücksichtsloses Vorgehen begründet sich in seinem Charakter, denn Carter hat, als schwarzes Schaf der Familie, völlig die Bindung zu anderen Menschen verloren. Er vögelt die Frauen, aber mehr ist da nicht. Für die Tochter seines toten Bruders will er das Beste, aber als diese freundlich seine Hilfe ablehnt, tut Carter eben das einzig für ihn richtig Erscheinende: Er rächt seinen Bruder.

Die Erzählweise selbst, die lange Zeit nur minimal portionierte Informationshäppchen zum Zuschauer hindurchlässt, verdient besondere Aufmerksamkeit, da sie ein Großteil des Erfolgs ausmacht. Wir wissen weder genau wer Carter ist, zunächst noch was er vor hat und erst recht nicht, wie es enden wird. Umso überraschender dann, dass Carter so kompromisslos und eisern zuschlägt und wirklich jeden Beteiligten seiner Strafe zuführt. Nur die Suche nach dem Hebel, den er zum Ansetzen braucht, gestaltet sich etwas gemächlich, weil der Rächer keine Initiative ergreift, sondern schlicht auf Unvorsichtigkeiten der Gegenseite wartet. Er besucht sie, spricht mit ihnen, zieht sein Fazit, aber wartet auf den entscheidenden Fehler, der den Stein, beziehungsweise ihn, dann ins Rollen bringt und eine Orgie der Gewalt auslöst, weil des Rätsels Lösung, das Mordmotiv, selbst Carters Vorstellungen übersteigt und, das ist das Gefährliche daran, ihm emotional zusetzt.

„Get Carter“ ist ein harter Thriller, für heutige Verhältnisse und Sehgewohnheiten zu gemächlich in der Inszenierung und zu direkt in den Handlungen seiner Figuren, entspricht damit aber seiner Zeit. Das wenig einladende Newcastle von seinen hässlichsten Seiten ist dabei das Spiegelbild der kompromisslos handelnden Hauptfigur, die konsequent sein Ziel verfolgt. Insbesondere Carter, der lange Zeit gefühlstot scheint und in seiner rationalem, logischen, ja prinzipiellen Handlungsweise umso erschreckender rüberkommt, entspricht längst nicht mehr den Antihelden der Moderne, sondern genießt Klassikerstatus.


Fazit:
Stimmungsvoller, herber, rauer Gangster-Thriller, der nicht nur über einen erstklassigen Michael Caine und ein zutiefst pessimistisch bebildertes Newcastle, sondern auch sparsame Musik von Roy Budd („Soldier Blue“, „The Wild Geese“) verfügt und ganz auf seiner faszinierenden Hauptfigur bauen darf, die so wenig von sich preisgibt, dass der Zuschauer nicht drum herum kommt, sich die Informationen selbst zusammenzusuchen. Das Tempo hätte eine Spur höher sein dürfen, die Handlung selbst etwas komplexer, aber für einen guten, weil sehr unkonventionellen Film mit konsequentem Ende reicht es immer noch. Die Legendenbildung mutet überzogen an, ein Klassiker, dem man seinen europäischen Ursprung ansieht, ist das dennoch.


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