Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 16.02.2005, seitdem 430 Mal gelesen
Die klirrende Kälte und die gleißende Weißnis des Schnees sind ein Gleichnis für die dauernde Nähe des Todes. Sein Kommen ist dann aber stets ein gewaltsamer Schock, in dessen Folge die pulsierende Wärme und das tiefe Rot des Blutes den äußersten Kontrast zum eisigen Weiß bezeichnen. Das kalte Weiß der Schneelandschaft und das Rot des Blutes spiegeln sich im Namen von Lady Snowblood. Ihre strahlend weißen Gewänder sind blutbesudelt, wenn sie die stählerne Klinge ihres Schwertes durch die Körper ihrer Feinde treibt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit schlitzt sie dabei die Hauptarterien auf, wenn man nach den sprühenden Blutfontänen urteilt, die ihren Schwertstreichen folgen.
Das klingt nach einer Mischung aus französischem Kunstfilm und amerikanischem Splatter, ist aber japanisches Samuraigenrekino der frühen siebziger Jahre. Lady Snowblood balanciert zwischen den simplen Handlungsmustern eines typischen Rachefilms und dem spürbaren Willen zur kunstvollen Stilisierung durch anspruchsvolle Optik und verschachtelte Erzählweise. Auch versucht der Film nicht irgendwo im historisch weit entfernten Japan der Samurai zu spielen, sondern in der Übergangsphase zum modernen Japan Ende des 19.Jahrhunderts. Immer wieder wird dieser Umbruch zum Thema gemacht, welcher der zeitlos-klassischen Rachegeschichte einen realen gesellschaftlichen Hintergrund und auch eine neue Ausrichtung geben soll. Inwieweit dieser Film damit aus den japanischen Filmproduktionen jener Jahre herausragt oder auch nicht, vermögen wohl nur Experten zu sagen, die einen hinreichenden Überblick aus eigener Anschauung haben. Für den Normalzuschauer dürfte ein vergleichendes Urteil schwierig sein, da wirklich vergleichbares Material in ausreichender Anzahl für ihn derzeit leider kaum greifbar ist. So bleibt man auf den unmittelbaren Eindruck des Films selbst angewiesen, was die Beurteilung einiger seiner Leistungen sehr geschmacksabhängig beeinflusst, da einem die Vergleichsgrößen fehlen, um einen halbwegs objektiven Maßstab zu finden.
Der Film erzählt von der Rache der jungen Frau Yuki Kashima an den Mördern ihres (Stief)Vaters und den Schändern ihrer Mutter. In Rückblicken erfahren wir nach und nach die Hintergründe des Geschehens. Die Rückblicke erfolgen meist ist Form von peinigenden Erinnerungen Yukis, die schubweise in ihr zu Tage treten, während sie auf dem Weg ihrer Rache voranschreitet.
Der Film beginnt mit der Geburt Yukis im Frauengefängnis, wo ihre Mutter Sayo wegen des Mordes an einem ihrer Schänder lebenslänglich einsitzt. Sie hat Rache geschworen, kann sie aber selbst nicht mehr vollstrecken. Also lässt sie sich schwängern, um ein Kind zur Welt zu bringen, dessen Lebenszweck ausschließlich die Rache der Mutter sein soll. Schon die schmerzensreiche und schließlich tödliche Geburt hinter Gittern geschieht bei Schneefall, wie Zwischenschnitte auf das Zellenfenster zeigen.
Der Film blendet dann zur Gegenwart der zwanzigjährigen Yuki, die Bösewicht Nr.1 samt Leibgarde blutig niedermetzelt, während es, versteht sich wohl, wieder schneit. Gnadenlos vollzieht sie die Rache, die nicht mal ihre eigene ist.
In den Erinnerungsrückblenden erfahren wir von Yukis entbehrungsreicher und harter Ausbildung. Schon als Kind wird sie von einem Mönch zur Kämpferin gedrillt, einzig auf ein Ziel hin ausgerichtet. Aus Yuki Kashima wird Lady Snowblood.
In einer späteren Rückblende erst werden wir Zeuge der Bluttat, die den Kreis der Rache eröffnete. Die Geschichte des Mordes wird mit dem Wandel Japans vom abgeschotteten Feudalstaat zur westlich orientierten Industrienation verknüpft. Wie wir von einem Erzähler aus dem Off erfahren, wurde 1873 in Japan erstmals die Wehrpflicht eingeführt, um mit einem Heer die Grundlage für einen modernen Staat zu schaffen. Gegen die Einziehung zum Wehrdienst gab es Revolten in der Bevölkerung und skrupellose Kriminelle nützten die Unruhen aus. So erzählen vier Gangster der Bevölkerung eines Dorfes, dass man sich auch gegen Zahlung eines Geldbetrages von der Wehrpflicht freikaufen könne und kassieren schamlos ab. Gleichzeitig macht das Gerücht die Runde, die Regierung schicke einen Beamten, der die Einhaltung des Gesetzes überprüfe. Man könne ihn aber an seiner weißen Kleidung erkennen. Tatsächlich kommt zu dem Zeitpunkt zufällig der neue Dorflehrer Kashima zusammen mit seiner Frau Sayo an, der tragischerweise mit einem weißen Anzug gekleidet ist. Er wird ohne viel Gerede von den vier Schurken bestialisch abgestochen, womit hier auch die leitmotivischen Farben weiß/rot anklingen. Seine Frau Sayo wird brutal vergewaltigt und schwört Rache, die sie, wie wir wissen, nicht mehr selbst vollenden kann.
Aufmerksame Zuschauer werden spätestens an dieser Stelle stocken. Wie können diese Rückblenden Erinnerungen Yukis sein, wenn sie Ereignisse vor ihrer Geburt schildern? Wer ist eigentlich der merkwürdige Erzähler im Off, der den Film in mehrere poetisch überschriebene Kapitel unterteilt? Jeder Kapitelbeginn wird von ihm mit historischen Informationen angereichert, die oft mit Einblendungen aus klassischen Mangas bebildert werden. Dem Zuschauer wird nach und nach klar, dass die Erzählperspektive des Films noch komplizierter ist, als er bisher dachte. Viel später im Film wird enthüllt, wer hier eigentlich erzählt hat. Es handelt sich um den Zeitungsmacher und Schriftsteller Ashio, der nach einer ersten Begegnung mit Lady Snowblood so von ihr fasziniert ist, dass er beschließt, ihre Geschichte in einem Roman zu erzählen. Der Roman findet sofort reißenden Absatz. Entsetzt muss Lady Snowblood feststellen, dass ihr Geheimnis nun allgemein bekannt ist. Doch woher hat Ashio seine profunden Kenntnisse? Es stellt sich heraus, dass Lady Snowbloods alter Lehrer ihn mit den Details versorgt hat. Er hat erkannt, dass die Schurken so gut getarnt leben, dass Lady Snowblood sie niemals finden kann. Also muss man sie aus ihren Verstecken hochscheuchen. Und in der Tat: Bald schon kommt die beiden fehlenden Schurken aus ihren Löchern.
Fast schon scheint es, allerdings nur in winzigen Andeutungen sichtbar, dass Yuki alias Lady Snowblood doch noch hinter ihrer gleichgültigen Maske ein Herz besitzt, das für Ashio etwas empfinden könnte. Doch Ashio ist auf eine fatale Weise, die sie nicht einmal ahnt, ganz tief in ihre Geschichte verstrickt. Das Ende wird beide zu einer grausamen Entscheidung zwingen.
Nachdem Ashio somit als Erzähler der bisherigen Geschichte dem Publikum vorgestellt wurde, verschmelzen nun der Erzähler und seine Geschichte. Das letzte Kapitel erlebt er an eigenem Leibe mit.
Obwohl es dem Film wahrlich nicht an sehr blutigen Kämpfen mangelt, ist es doch in erster Linie kein Film für Kampfkunstfreunde. Die Kämpfe sind sehr schön stilisiert, aber eben mehr stilisiert, als athletisch oder technisch anspruchsvoll inszeniert. Die Hauptdarstellerin Meiko Kaji verfügt zweifellos über eine Ausstrahlung, die den Film trägt, ist aber sicher nicht mit den Heldinnen des modernen Actionkinos zu verwechseln. Wenn man den Informationen trauen darf, ist sie von Haus aus Sängerin und hat auch einen schönen Song zu Filmmusik beigesteuert. Weit mehr als über die reine Action einerseits oder psychologische Erforschung andererseits, wie es im westlichen Kino üblich wäre, wirkt der Film über die stimmungsvollen Bilder. Auf dieser Ebene funktioniert der Film durchweg gut, ja streckenweise großartig, so dass einige Logikschwächen und Unebenheiten in der Handlungsführung nicht sonderlich ins Gewicht fallen.
Der Film wird durch ein genresprengendes Finale würdig abgeschlossen. Lady Snowblood tritt aus der Welt des alten Japan in die Welt des neuen, modernen Japans über. Sie besucht den Maskenball, auf dem sich der Hauptschurke verlustiert. Es ist ein ganz und gar europäisches Kostümfest, bei dem sich die Fremden aus dem Westen mit den ersten, verwestlichten Japanern treffen. Yuki ist die einzige, die in einem traditionellen japanischen Gewand gekleidet ist. Das alte europäische Filmmotiv eines Maskenballes, auf dem im Verborgenen die ruchlosesten Taten geschehen, trifft auf das klassische Samuraimotiv vom Ziel der Rache. Der Film taumelt seinem tragischen und blutigen Ende entgegen. Und als man glaubt, es sei vorbei, da schließt sich noch ein zweiter Kreis der Rache, den Yuki durch ihre Taten ausgelöst hat.
Fazit: Lady Snowblood ist ein sehenswerter Rachefilm aus dem Samuraigenre, der kunstvoll stilisierte Szenarien glücklich mit reißerischer Action verbindet. Der ambitionierten Regie gelingen dabei wundervoll stimmungsvolle Bilder, jedoch ist die Kameraführung zuweilen nicht immer ganz sattelfest. Dies irritiert umso mehr, als sie dann wieder über längere Strecke absolut großartiges leistet. Die Handlung verbindet genretypisch simples Rachemotiv mit einer interessanten historischen Unterfütterung, kann aber keine wirklich tiefer gehenden Einblicke in die japanische Gesellschaft bieten. Letztendlich reicht der Film dann doch nicht über die Grenzen seines Genres hinaus. Innerhalb der Genregrenzen aber erstrahlt er in großer Schönheit. Schneeweiß und blutrot. 8/10.