Der ein oder andere hat bei seinen Streifzügen durch die Videoregale vielleicht schonmal den Namen Dick Randall registriert. Der amerikanische Produzent und Schauspieler ist gemeinhin zu assozziieren mit Filmen die schön billig waren und bevorzugt irgendwo auf der Welt gedreht wurden, wo man richtig billg drehen kann und zwar fast überall in Südamerika, Italien oder Asien. In seiner Filmographie finden sich Titel wie Das Auge des Bösen, Nackt unter Affen, Der Einzelkämpfer oder Pieces - Stunden des Wahnsinns. Hier nun, bei Krokodile, der heute unverschämt verwechelbar als Der Horror-Alligator - Das letzte Kapitel vertrieben wird und damit eigentlich nur frech auf Käufer des am deutschen Markt schwer zu erwerbenden Der Horror-Alligator abzielen kann, läßt sich die Motivation relativ einfach erahnen.
Nach dem Erfolg von Der weiße Hai mußte es Kopisten geben, darunter ein relativ erfolgreicher Piranhas aus der Corman-Schmiede, ja, warum geht man da nicht einfach nach Thailand und dreht fast die gleiche Geschichte mit einem der Ordnung der Krokodile angehörigen Riesenviehs; die Schreiber-Kollegen munkeln von einem Kaiman, ich halte mich aus der genauen Familienzuordnung lieber raus, da es im Grunde ja eh ein Phantasiewesen ist. Genauso offen muß man wohl den Einfluß von Der Horror-Alligator auf Krokodile halten, denn hier schwanken die Veröffentlichungsdaten zwischen 1979 und 1981.
Die schwammig verfügbaren Details passen jedoch hervorragend zu diesem Film, der sich wohl am ehesten dazu eignet, als B-Programm in einem Double Feature mit Frogs - Killer aus dem Sumpf gezeigt zu werden. Krokodile greift nämlich quasi die dort angerissene Rache der Natur auf, läßt einleitend Unwetter auf den Menschen los, spricht damals schon von einem Klimawandel und hat schließlich eine einfache Erklärung für den Gigantismus des Monsters: Mal wieder sind die Atombomben schuld.
Frei nach Spielbergs ebenso freier Adaption des Benchley-Romanes geht es bevorzugt Besuchern eines Strandes an den Kragen, es wird aber auch eine ältere Dame von ihrem Einbaum gerissen und genüßlich ein Wasserochse verspeist. Überhaupt ist an dieser Stelle erwähnenswert, daß Krokodile nicht gerade auf einen festen Maßstab setzt, oder es sich tatsächlich um einen Plural von Tieren handeln soll. Es gibt verschiedene Ansichten des Tieres, darunter echte Aufnahmen, eine Modellwelt und offensichtlich mehrere Krokodilmäuler, was sich daran erkennen läßt, daß mal gerade ein Kleinkind in den Schlund paßt, später aber bequem ein Bikinimädchen und eben besagter Ochse im Maul Platz finden. Todesrollen gibt es keine. Die Opfer spaddeln eher einsam im Wasser. Dafür gibt es in der Miniaturkulisse ein bisschen putziges Chorake Fad Hang - Das Krokodil schägt mit dem Schwanz, wenn ich mich hier richtig aus der Muay Thai Welt bedient habe.
Bevor hier jedoch jemand in falsche Hoffnung verfällt, sei angemerkt, daß die Effekte zwischen Belanglosigkeit, stümperhafter Montage und Wiederholungen ihre Wirkung auch auf die Lachmuskeln weitestgehend verfehlen, weshalb ein objektives Urteil, ob es nun zu viel oder zu wenig Kreatur zu sehen gibt, kaum gefällt werden kann.
Worunter die ungeschnittene Version von Krokodile jedoch definitiv zu leiden hat, ist die epische Länge, von der man gute 20 Minuten locker hätte wegrationalisieren können. Viel zu viel Zeit wird sinnfreien Aktionen verschwendet, die im besten Fall noch die Familiensituation einer Figur nahebringen, jedoch kein echtes Einfühlen ermöglichen. Nachdem seine Angehörigen dem Krokodil zum Opfer gefallen sind, stellt sich der Mann zunächst die Frage, ob ein solches wirklich im Meer schwimmen kann. Aus einer Rachemotivation formiert sich schließlich ein Dreiertrupp, der auf offener See und bei Unterwasseraufnahmen manchmal auch plötzlich im hüfthohen Wasser, einen lang angelegten Endkampf auszufechten gedenken.
Die Parallelen zu Der weiße Hai sind hier nicht nur zu deutlich, es wird gar stellenweise direkt kopiert. Was Krokodile aber nicht kann, ist die Spannung nachempfinden. So hockt man eine gefühlte Stunde auf dem Kahn, ohne, daß etwas geschieht. Weder Mimik noch Dialoge verhelfen der Szene zu einer erzählerischen Dynamik oder können die Einöde zumindest auflockern.
Die Emotionslosigkeit möchte ich aber gar nicht den Schauspielern vorwerfen. Eher scheint es, daß wirklich niemand mit Herzblut hinter dem Projekt stand und Krokodile von vorn bis hinten ohne große Lust heruntergekurbelt wurde. Daß im Schnitt dann Tieraufnahmen nicht unbedingt zu dem Rest des Films passen, sind wir ja auch aus manchem Italo-Exploiter gewohnt. Hier allerdings holpert sich manche Szene durch einen echten Stolperpfad, was unter anderem dem Einsatz von Miniaturen geschuldet ist. Doch auch reine Spielszenen wirken nicht wirklich sauber. Unterstrichen wird das Chaos durch einen ebenso wirren Soundbrei, der willkürlich zwischen verschiedensten Musikstilen wechselt und das Teils innerhalb weniger Takte. Es scheint, als habe man einfach vorhandenes Material auf diese Art recycled und das schmerzt auf Dauer in den Ohren.
Ausgehend von der Frage nach Unterhaltung ist Krokodile eine Hardcoreprüfung für die jenigen, die durch die Hölle gehen wollen. Dabei gibt es noch schlimmeres. Gegenüber Die Todesinsel von Cirio H. Santiago zum Beispiel ist der Film schon wieder fettes Hollywoodkino. Trotzdem müssen wir uns im Klaren darüber sein, daß es bei diesem Machwerk nur ein wirkliches Ziel gegeben haben kann und das dürfte das Klingeln in der Kasse gewesen sein. Natürlich funktioniert das. Ein schickes Plakat oder nettes Cover dazu gebastelt und wir fallen wieder drauf rein. Zumindest wir paar wenige, denen es egal ist, wer die Stars des Films sind und die sich an der Tatsache ergötzen können, daß der in unseren breiten vollkommen unbekannte Regisseur Sompote Sangduenchai erste Sporen in japanischen Spezialeffektproduktionen verdienen konnte und neben dem vorliegenden Erfolgsfilm unter anderem mit Krai Thong, in dem der Legende nach wie in jedem weiteren Film das Chorake-Krokodil Verwendung gefunden hat, die Fahne des thailändischen Kaijus hoch hielt.
Was den Fußwegen der Stadt der Hundekot sind diese Machwerke der Videothek. Nun kann man diese Haufen gekonnt im Slalom umgehen, oder man kann genüßlich hineintreten und darauf warten, einmal ein Michael Jackson Portrait in den Abdrücken zu entdecken. Es ist die Frage, wie man kreativ mit den Exkrementen umzugehen weiß. Es ist eine Gratwanderung, das Zünglein an der Waage der subjektiven Wahrnehmung. Für mich hat es in diesem Falle eher schlecht als recht funktioniert. Vielleicht findet jemand anderes genau diesen Film ungemein witzig. Soll man ihn nun hassen, verdammen, verabscheuen? Ohne Frage ist Krokodile oberflächlich eine Zumutung, Zeitverschwendung. Andererseits benötigt es nur etwas Phantasie, wie mit wenigen Kniffen schon ein echter Knaller daraus hätte werden können. Es ist gar fast traurig, daß die vorhandene Action nicht besser umrahmt werden konnte, was zu einem halbwegs erträglichen Film geführt hätte. Am Ende hilft nur ein Selbstversuch, der aber bitte nur Hartgesottenen anzuraten ist.