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Ansicht eines Reviews
Hölle der lebenden Toten, Die (1980)
Eine Kritik von Schergenbjørn eingetragen am 12.04.2006, seitdem 326 Mal gelesen
Zwei Jahre nach George A. Romeros Erfolgsfilm DAWN OF THE DEAD machte sich auf Wunsch des Produzenten auch ein gewisser Bruno Mattei daran, einen Zombiefilm zu inszenieren, wie es schon ein paar seiner italienischen Regiekollegen vor ihm taten. Weil das zeitgenössische Publikum ein Faible für die Untoten-Thematik besaß, besann man sich jedoch darauf, einen weniger ernsthaften als weitgehend unterhaltsameren Streifen zu inszenieren. Wie sich Mattei in einem Interview äußerte, existierten zwei verschiedene Drehbücher. Allerdings wurde sein favorisiertes Skript vom Produzenten abgelehnt. Die andere Story offenbart sich nun in dem vorliegenden Streifen – mit dem Ergebnis ist Mattei allerdings weniger zufrieden. Ob das nun ein Ausweichmanöver für die unterirdische Inszenierung ist oder nun den Tatsachen entspricht, bleibt mal dahingestellt. Fakt ist, daß sich der Regisseur schon seit Anfang der 70er Jahre weniger durch große Kinofilme als viel mehr durch kleine, dreckige Sleaze- und Exploitation-Streifen verantwortlich zeichnete. Darunter befinden sich verschiedene Werke, die trotz billiger Machart immer wieder durch ungewöhnliche Szenen auffielen.
Nicht anders ist auch sein in fünf Wochen fertig gestellter VIRUS einzuordnen, der in Deutschland mit dem reißerischen Titel “Die Hölle der lebenden Toten“ in die Kinos kam. Hier präsentiert sich ein wilder Mix aus grotesker Action, blutrünstigen Effekten und plakativer Kritik. Das Ergebnis ist nicht mehr als ein auf billigste Art und Weise zusammengeklauter Schnellschuß, der sich inhaltlich völlig schamlos an den Grundideen aus Romeros THE CRAZIES (1976) und eben DAWN OF THE DEAD bedient. Da ist zum einen die Fabrikkatastrophe, in der die in Schutzanzügen gekleideten Arbeiter von tödlichen Viren befallen und in Zombies verwandelt werden. Und zum anderen die anfängliche Actionsequenz mit der Anti-Terror-Truppe, das ein von Öko-Terroristen belagertes Konsulat stürmt. Sogar die Uniformen scheinen identisch. Auch die Idee mit den Fernsehsprechern, die in hektischen Diskussionssendungen versuchen der panischen Notstandsituation entgegenzuwirken, lehnt sich an das Romerosche Vorbild.
Aber auch bei den heimischen Kollegen bediente man sich. So erinnert die völlig bescheuerte Körperbemalung von Margit Evelyn Newton, als sie das Eingeborenendorf betritt, an Laura Gemsers Auftritt in Joe D’Amatos Kannibalenfilm EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI (1977). Allerdings stellt sich hier die Frage, woher sie nur die Farbe so plötzlich hat. Zum Teil erinnert der Kamerastil auch etwas an die Werke eines Lucio Fulci, wenn die Protagonisten in Großaufnahme und mit aufgerissenen Augen in die Kamera stieren oder selbige in langsamen Fahrten auf verunstaltete Körper zoomt und dort etwas verweilt. Mit diesen unverblümten Imitationsunternehmungen kristallisiert sich Matteis zweite Eigenschaft als Regisseur heraus. Und damit die Ähnlichkeit zu den großen Inspirationsquellen noch deutlicher wird, verwurstete man für die Musikuntermalung sogar die bekannten Goblin-Scores von DAWN OF THE DEAD und Luigi Cozzis CONTAMINATION (1980). Zuerst erscheint dieser Umstand eine Unverschämtheit ohne gleichen zu sein und es wurden schnell Stimmen aus nicht involvierten Kreisen laut, daß es sich hierbei um einen glasklaren Diebstahl handeln würde. In einem Interview dementierte der Regisseur diese Unterstellung. Die Rechte der einzelnen Stücke seien für den Verwendungszweck erworben worden und damit wäre alles legitim über die Bühne gegangen. Sicherlich, es wirkt zum Teil etwas befremdend, aber es ist nicht zu leugnen, daß die Musik ein geregeltes Maß an Tempo in den teils zähen Handlungsablauf bringt und obendrein einen Hauch an Spannung und Atmosphäre erzeugt.
Eine weitere, ungemein deutliche Auffälligkeit sind die eingefügten Szenen von Eingeborenenritualen. Die Ritualszenerie zeigt tatsächlich Ureinwohner aus Neu-Guinea, die Mandefehufos. Der hier zu sehende Tanz repräsentiert einen Kampf, den ihre Ahnen angeblich gewannen, in dem sie sich als Geister verkleideten (daher auch die Lehmmasken); der Kontext im Film ist demzufolge natürlich völliger Humbug. Der Ursprung dieses Archivmaterials, das u. a. auch Aufnahmen von Grabstätten verstorbener Eingeborener beinhaltet, entzieht sich meiner genauen Kenntnis, da wild spekuliert wird. Eine Quelle behauptet, es wären nicht verwendete Sequenzen eines japanischen Films aus dem Jahre 1974, eine andere wiederum, daß es sich hierbei um Dokumentationsmaterial des Mondo-Streifens GUINEA AMA (1974) eines gewissen Akira Ide handelt. In der englischsprachigen IMDb (The Internet Movie Database) gibt es einen weiteren Hinweis, der besagt, daß die Natur- und Tieraufnahmen aus dem französischen Film LA VALLÉE aus dem Jahr 1972 stammen. Diese Hintergründe sind aber nicht unbedingt wichtig, wenn man sich vor Augen führt, daß dieses so bezeichnete Archivmaterial aus dem einen Grund verwendet wurde, um die Produktionskosten niedrig zu halten. Ansonsten hätte man in tropischen Landen drehen müssen, was die Kosten selbstverständlich in die Höhe getrieben hätte. Doch so konnte man den Sitz im spanischen Barcelona lassen – die Studioaufnahmen wurden jedoch in Italien besorgt – und paßte die Kulissen dem Filmmaterial mehr oder weniger gelungen an. Jedoch wirkt das Material ziemlich fremd und paßt nicht in die Gesamtoptik des eigentlichen Films; genau wie die verwendeten Aufnahmen verschiedener Tiere (hauptsächlich von Vögeln). Zwar ergeben diese Szenen einen konträren Aspekt zu dem blutigen Treiben, wobei man automatisch an diverse Kannibalenfilme erinnert wird, aber wirken wie gesagt deplaziert.
Aber ein Bruno Mattei schreckt eben vor nichts zurück, ebenso wenig sein Titel gebender Film-Virus. Daher wird der Zuschauer Zeuge des vielleicht hemmungslosesten Zombie-Machwerks italienischer Prägung, das zugleich Brunos bekanntester Film ist. Trotz des vieldiskutierten und stark kritisierten Kopierwahns präsentiert VIRUS zahlreiche bizarre Einfälle: z.B. eine Katze, die aus dem aufplatzenden Bauch einer alten Frau springt oder das Zombiekind, das mit grimmigen Blicken seinen Vati verspeist. Bizarr sind auch die großen Logiklöcher – warum schießen die Soldaten auf die Körper, wenn sie doch schon herausgefunden haben, daß nur Kopfschüsse etwas bewirken? – und die überzogenen Charakterdarstellungen der Soldaten. Diese machen keineswegs einen seriösen Eindruck, sondern geben ihr machohaftes und mordlustiges Wesen zum Besten. Und das ist noch fast harmlos ausgedrückt! Besonders die vielen, unglaublichen Dialoge, die dem Zuschauer besonders in der deutschen Synchronfassung ein Feuerwerk an Ungereimtheiten und Kraftausdrücken um die Ohren knallen („Als Chemikerin ist sie eine Pflaume, aber als Pflaume ist sie nicht zu schlagen, Junge!“), vermitteln ein psychopathisches Dasein. In der Originalversion kommt der Film allerdings noch eine Spur Frauen verachtender herüber. Dabei bleibt ganz besonders Franco Garofalo, der auch u. a. in Matteis L’ALTRO INFERNO und dem 1981 inszenierten Nonnenfilm LA VERA STORIA DELLA MONACA DI MONZA zu sehen ist, mit seinen größenwahnsinnigen Aktionen und Grimassenschneidereien eindringlich in Erinnerung und stellt somit den Höhepunkt der „schauspielerischen Talente“ in diesem Film dar.
Einige Szenen standen gar nicht im Drehbuch und wurden von ihm improvisiert. So zum Beispiel seine wahnwitzige Diskussionsrunde mit den Zombies, die er anschließend mit einem Bleihagel beendet. Eine weitere spontan eingespielte Szene ist, wie Gaby Renom mit Zylinder, Ballettröckchen und einem „Singing in the Rain“ auf den Lippen durch ein scheinbar unbewohntes Haus tänzelt. Allerdings wirkt diese Szene eher unbeholfen als komisch. Übrigens ist der weitgehend unbekannte José Gras, der hier zwar die männliche Führungsposition einnimmt, aber sonst kaum relevant in Erscheinung tritt, in Paul Graus unglaublichem Biker-&-Revenge-Reißer LOS VIOLADORES (1981) zu sehen, der gleichzeitig seinen Karrierehöhepunkt darstellt. Die Leistungen seiner anderen Schauspielkollegen erreichen ein durchweg überzeugungsloses Niveau und agieren zum größten Teil sogar recht dämlich, wodurch eine Identifikation mit dem Zuschauer erst gar nicht zustande kommt. Aber das ist auch nicht der Sinn und Zweck dieses Streifens.
Die aufgesetzte Kritik bezüglich der gewissenlosen Ausbeutung des Menschen gegen seinesgleichen, die Claudio Fragasso, der auch die Regieassistenz bei Mattei übernahm, und in seinem Drehbuch verwurstet hat, zeigt Ähnlichkeiten mit Umberto Lenzis INCUBO SULLA CITTÀ CONTAMINATA. Logischerweise darf dann die finale Antiutopie natürlich nicht fehlen und führt den ohnehin schon sarkastischen Namen der Chemieanlage – HOPE (!) – ad absurdum. Und gerade die Einstiegsszene und das Ende, welche beide in der Anlage spielen, gehört zu den atmosphärischen Höhepunkten, um nicht zu sagen, sind es doch die einzigen atmosphärischen Parts in VIRUS. Da der Film von Grund auf nicht ernst zu nehmen ist, ist es auch nicht verwunderlich, daß die Story in keiner Sekunde wirklich überzeugen kann. Vielmehr dient sie als hintergründiger Knüpfpunkt für teilweise blutdürstige Effekte, die aber alles andere als eine technische Perfektion erreichen. Oftmals kann man erkennen, daß die Zombies nicht an einem Bein oder Arm knabbern, sondern ihre Zähne in aufgelegte rohe Fleischstücke graben, die dann mit roter Farbe verziert wurden. Sogar die Auftritte der lebenden Toten regen mit ihren zuckenden Bewegungsabläufen teilweise zur Heiterkeit an.
Diese haarsträubende Kombination aus Billig-Effekten und Laienschauspielerei macht einen großen Anteil des hohen Trash-Faktors aus, der eingefleischten Fans nicht selten das Wasser in die Augen treiben dürfte, und erfüllt somit ihren Zweck. Zwar war die alte deutsche Kino- und Videofassung um knapp 10 Minuten kürzer als die italienische Originalversion (es fehlten hauptsächlich Handlungsszenen), dennoch sollte man nicht in Versuchung kommen, diesem Splatter-Trash eine Genre bezogene Bedeutung zu verleihen, war er doch nicht mehr und auch nicht weniger als eine gewinnbringende Einnahmequelle für die Produzenten. Dessen ungeachtet ist es selbstredend nicht entschuldbar, einen derart massiven Eingriff vorzunehmen. Darüber hinaus muß man gestehen, daß Matteis Zombie-Streifen über einen recht hohen Unterhaltungswert verfügt, vorausgesetzt die Zuschauer schrauben ihre Ansprüche herunter. Und nebenbei gesagt, die schlechtesten Beiträge zum (italienischen) Zombiefilm sollten einige Jahre später noch folgen. Aber das ist eine andere Geschichte…
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