Review

Von einem Kalaidoskop begleitete Credits lassen Erinnerungen an eine Zeit weit vor der Jahrhundertwende erwachen. Reporter belagern das Wohnhaus von Michio Kurahashi (Kazuma Suzuki), der des Mordes an mehreren Mädchen verdächtigt wird, doch bisher gibt es keine Spur vom mutmaßlichen Täter. Michio ist verschwunden. Im Haus wohnen jedoch noch seine Mutter und seine zwei Schwestern. Eben bahnt sich Satomi (Hitomi Miwa) ihren Weg durch die Journalisten. An ihrer Hand klebt Blut, darauf weist uns der Moderator in die Kamera sprechend hin.
'Was ist passiert?' Fragen ihre Angehörigen besorgt und leisten Erste Hilfe.
Ein Stein kracht durch ein Fenster. 'Stirb, du Perversling!'
'Ich war an der Haltestelle und plötzlich hat mich jemand geschnitten!' berichtet Satomi. Im Fernsehen weitere Berichte über die unaufgeklärten Gewalttaten.
Ein Anruf: 'Mörder!'
Eins ist wohl sicher, idyllischer Familienalltag sieht anders aus.
'Wir müssen die Polizei rufen!' 'Das hat doch keinen Sinn', entgegnet Mutter, 'Ich wünschte Vater wäre noch bei uns.'
Ein Polizist in Zivil betritt das Haus, spuckt herzhaft Hochgezogenes auf den Boden. Er zieht seine Schuhe nicht aus. Er stellt sich nicht vor, zeigt keine Marke, nur eine Lederbörse. Ein größeres Zeichen der Mißachtung kann man in Japan kaum erbringen. Der Beamte ist nicht an der Angst seiner Gastgeber interessiert. Wenn sie ihm sagen würden, wo Michio steckt, ja, dann würde man mit ihnen kooperieren. Er zieht Rückschlüsse zum toten Vater, die ganze Familie sei verrückt, das sei Vererbung.
Für asiatische Verhältnisse deutliches Overacting des Polizisten gibt ein erstes Indiz, daß wir es bei Crazy Lips kaum mit einem Drama oder einem seriösen Horrorstreifen zu tun haben werden.

Es gilt den wahren Mörder zu entlarven und deshalb hat Satomi ein Medium konsultiert. Zu sphärischer Musik sitzt die gute Frau im rauchigen Gegenlicht und sorgt dafür, daß Crazy Lips zunächst doch düsterer wirkt, als der Film sich im Folgenden verkaufen will.
Eine Seance wird vereinbahrt, zu der die Seherin ein Anch trägt und das an eine Zigeunerin erinnernde Kopftuch mit übertriebenem Soundeffekt abnimmt. Dies definiert in wenigen Sekunden das eigentliche Paradigma des Films. In einer surrealen Collage werden unterschiedlichste Ideen zusammengetragen, nie jedoch abseits des kaum oberhalb des Niveaus eines MacGuffin beschuldigten Bruder greifbare Thesen und Begründungen ausgearbeitet.
Drehbuchautor Hiroshi Takahashi, der nach dem durchschlagenden Erfolg mit Ring von Shintoho darum gebeten wurde, mit dem Regisseur Hirohisa Sasaki eine Low Budget Variante eines solch übersinnlichen Films zu gestalten, gab nach einem halben Jahr intensiver Ausarbeitung eine Vorlage ab, die vom Studio abgelehnt wurde. Erst Takashige Ichise, Produzent von Ring und Ju-On, interessierte sich für den Stoff, gibt aber an, von Sasaki eine Erhöhung des Budgets verlangt haben zu müssen, da er die Geschichte ansonsten für nicht umsetzbar hielt.
Takahashi, der sich im Einfluß des französischen Kinos sieht, seine dunkle Ader jedoch lieber mit dem englischen Film vergleicht, steht offenbar konträr zu Sasakis Absicht einen unseriösen Horrorfilm mit sexuellen Inhalten zu bieten. Dabei hatten sich beide in den Vorbereitungen über Motive aus Kyuketsu dokuro sen und Ghost Story of Yatsua, aber auch Filmen der Hammer Studios und von Mario Bava unterhalten. Produzent Ichise schließlich sah Parallelen zu einer Horrorkomödie wie Braindead und fügte, um den humoresken Aspekt stärker zu betonen, eine Gesangseinlage von Hitomi Miwa hinzu.

Es gleicht einem Kontrollverlust, wenn die mit positiv irritierenden Szenen durchsetze Einleitung mit der erzeugten Spannung bricht und Crazy Lips bei noch weitgehend auf nationaler Ebene schäumende Gischt der Erfolgswelle des neuen japanischen Horrorfilms bereits das Genre subtil zu parodieren beginnt. Ungezogen wird die Mutter verführt, auf den Fingergeruch nach Selbstbefriedigung hingewiesen, Kaori Kurahashi (Hijiri Natsukawa) als ihren Freund auslaugendes, nymphoman dürstendes Weib dargestellt, welche sich trotz anfänglicher Gegenwehr auch an zeremonieller Vergewaltigung und dem Vergleich mit der sexuellen Empfindlichkeit ihrer Mutter zu erfreuen scheint.
Während Satomi in zunehmder Realitätsverfremdung Psi-Kräfte entdeckt, wird sie von japanischen FBI Agenten aufgegriffen, deren weiblicher Sidekick Lucy (Tomomi Kuribayashi) ein Faible für den Geruch ihrer eigenen Schuhe offenbart. Agent Narimoto (Hiroshi Abe) hingegen klärt Satomi darüber auf, daß sie sich ihrer Kräfte nicht bewußt sei und einen Fehler begangen habe. Sie hat keinen Schimmer worum es sich dreht und dem Zuschauer geht es dabei gar nicht so unähnlich. Ein Strudel unterschiedlicher Realitätsebenen reißt uns in sein Zentrum, in dem das Medium und ihr Helferling die Fäden ziehen.
Ein Moloch aus Erbrechen, unterschwelligem Sadismus (dessen vollständige Ausmaße eher dem japanischen Kulturkreis vorbehalten bleiben), weiterem sexuellem Mißbrauch mit teils nekrophiler Note und implizierter analer Penetration, schemenhaften Morden in Schwarz/Weiß oder durch eine rote Tafel entschärft, mündet anstatt einer dezidierten Auflösung in einem Finale von Kung Fu an flotten 70er Jahre Rhythmen, choreographiert von Hung Yan-Yan, der bei der an The New Big Boss angelehnten Szene den verhinderten Donnie Yen ersetzte.

So zerspringt Crazy Lips ausgehend von japanischem Grusel in die ungestüme Stilistik eines Independent Films und überspitzten Hongkong Kinos. Ähnlich einem Konventionen wie glibberndes Slimy durch die Finger rinnendem Takashi Miike Film scheint sich diese Produktion mit einem Verzicht auf einen roten Faden jedem Anspruch nach Stringenz zu entziehen. Daß dies mehr die aus der Not entsprungene Tugend darstellt, belegen verhaltene Goreszenen, die sich durch das Budget erzwungene Selbstzensur bis zum etwas, aber nicht bedeutend, graphischer ausgefallenem Showdown belegen lassen. Statt des zum Stilmittel erhobenen niedrigen finanziellen Aufwandes liest man hier doch zu direkt heraus, daß man durchaus weiter gegangen wäre, wenn eine Möglichkeit bestanden hätte, oder wenn das Team sich darauf hätte einigen können. Immerhin nutzt man sonst jede Gelegenheit, im Rahmen der Möglichkeiten zumindest psychisch über die Stränge zu schlagen.
Hier kondensiert der interne Konflikt zwischen dem um grausamer ausgearbeitete Szenen bemühten Hiroshi Takahashi, der sich im Nachhinein zurückhaltend über entschärfende Einstellungen beschwerte und dem eben die beklemmenden Szenen mit skurriler Komik aufzubrechen suchende Hirohisa Sasaki. Dies macht es Crazy Lips gleichwohl schwerer, von einer recht einfach zu befriedigenden Zielgruppe der Splatterkids abgefeiert zu werden, die sich tendenziell eher an einem aalglatt kalkuliert umwobenem Sujet wie jüngst The Machine Girl erfreuen dürften.

Ein zumindest vom amerikanischen Vertrieb Adness geschickt auf Ring und Ju-On fokussierendes Namedropping steht der korrekten Addressierung des Films ebenfalls im Weg. Zwar stützten sich die japanischen Gruselfilme nicht maßgeblich auf üppige Geldpolster, jedoch erwartet der Anhänger des Genres kaum einen sich selbst nicht für voll nehmenden Film, sondern bei allem Surrealismus ein doch eher nüchtern versiertes Werk.
Blenden wir alle Namen und Erwartungen kurzzeitig aus und nehmen Crazy Lips als den kleinen, anarchischen Spaßfilm, den er abgeben kann, so dürfen sich Fans von solch kantig-verrückten Ergüssen durchaus auf ein paar amüsante Minuten einstellen. Dadurch sticht Crazy Lips zwar nur schwachbrüstig als Highlight in einem unüberschaubaren Ozean von Mitbewerbern hervor, kann dank mittlerweile niedrigen Abverkaufspreisen und günstigem Dollarkurs aber durchaus eine Alternative darstellen.
Ungeachtet der breiten Rezeption ihres Publikums gab das Team bereits auf der Premiere die Absicht an, ein eher in Richtung Science Fiction tendierendes Sequel nachzusetzen, welches mit Gore From Outer Space nur wenige Zeit später in den japanischen Kinos anlief. Ob sich hier wohl Antworten auf die offenen Fragen finden lassen?

Details
Ähnliche Filme