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Marathon-Mann, Der (1976)
Eine Kritik von McClane (Bewertung des Films: 6/10) eingetragen am 20.05.2006, seitdem 1009 Mal gelesen
Für seine intensiven Zahnbohr-Szenen ist „Der Marathon-Mann“ weltweit bekannt, doch ähnlich berühmt ist der Rest vom Film leider nicht.
Die Fieslingsfigur bei der ganzen Angelegenheit ist Dr. Christian Szell (Laurence Olivier), ein ehemaliger KZ-Arzt, der jedoch erst auf den Plan gerufen wird, als sein Bruder das Zeitliche segnet. Szell will nämlich einen riskanten Diamantendeal über die Bühne ziehen, mit Reichtümern, die er Juden im KZ abgenommen hat, doch bei seiner Vergangenheit ist es natürlich ratsam im Untergrund zu bleiben. Da ist die Aufmerksamkeit natürlich eine Störung.
Davon bekommt Thomas Babington 'Babe' Levy (Dustin Hoffman) jedoch vorerst nichts mit. Der junge hochintelligente Student arbeitet derweil an seiner Abschlussarbeit an der Universität und hält sich mit Training für den Marathonlauf fit. Dadurch wird er als Heldenfigur glaubwürdiger, da nicht jeder x-beliebige Student den Mumm hätte, im weiteren Verlauf sich mit den Schergen Szells anzulegen.
In die ganze Sache involviert wird Babe dadurch, dass sein Bruder Henry (Roy Scheider), ein amerikanischer Doppelagent, als Kontaktmann bei Szells Deal dient. Doch Henry hat eigene Pläne mit den Diamanten…
Die Folterszenen mit Zahnarztmethoden haben ihren Ruf wirklich zu Recht erhalten, denn sie gehören klar zu den intensivsten Momenten des Films. Babes Schmerzen sind fast körperlich fühlbar, ebenso wie seine Verwirrung, als der Terror so unerwartet in sein sonst geordnetes Leben einbricht. Erst so langsam kann er aufgrund seiner Fähigkeiten mit dieser ungewöhnlichen Situation fertig werden, ohne dabei unglaubwürdig zum Supermann zu mutieren, selbst wenn er Schergen des Fieslings beseitigt.
Hilfreich sind da vor allem die famosen Leistungen der Darsteller, allen voran ein junger Dustin Hoffman, der den Wandel Babes sehr glaubwürdig spielt. Ebenfalls famos ist Laurence Olivier als dämonischer, aber in erster Linie von Profitgier getriebener Fiesling, der gerne mal mit versteckter Klinge mordet und keinerlei Skrupel hat. Roy Scheider gibt den Doppelagenten auf überzeugende Weise und auch die Nebendarsteller liefern keinen Anlass zur Klage.
Doch abgesehen von dem tollen Schauspiel und der damit verbundenen Intensität der Charakterszenen ist „Der Marathon-Mann“ dann doch etwas schwachbrüstig geraten. Das Gerangel um die Diamanten ist herkömmliches Material, wirklich überraschende Twists bleiben aus. Allenfalls die Identitäten der obligatorischen Verräter kann man vielleicht nicht sofort erraten, doch große Überraschungen sind ihre Enttarnungen nicht, da man es bereits vorher ahnt. Zudem ist „Der Marathon-Mann“ ein gutes Stück zu lang geraten, denn die vergleichsweise simple Geschichte kann keine zwei Stunden Film tragen, mögen die Charaktere noch so glaubwürdig sein.
So findet sich gerade in den Subplots immer wieder Material, das man weglassen könnte. Gerade der Strang um das Schicksal von Babes Vater greift die Thematik von Verfolgung zwar auf, wird aber nur rudimentär verfolgt und könnte daher weggelassen werden (vermutlich wurde in der Romanvorlage mehr daraus gemacht). Ebenfalls unschön sind teilweise extreme Logiklücken, z.B. wenn der Streit eines Altnazis und eines Juden direkt zu einer Jagd voller Blechschaden durch die halbe Stadt führt oder ehemalige KZ-Häftlinge ihrem früheren Peiniger Jahre später über den Weg laufen und ihn trotz Verkleidung und Alterserscheinungen noch identifizieren können.
Doch trotz offensichtlicher Mängel ist „Der Marathon-Mann“ durchaus solide geraten: Die Handlung ist wenig komplex, gewinnt aber durch die Charaktere, Schauspieler und die sehr gute Regie John Schlesingers an Atmosphäre und Intensität. Sicher kein Meisterwerk des Thrillers, aber überdurchschnittlich gut gemacht.
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