|
 |

Ansicht eines Reviews
Olsenbande stellt die Weichen, Die (1975)
Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 24.03.2004, seitdem 800 Mal gelesen
Achtung- in der Kritik sind einige Spoiler !
Von den 13 Teilen der Olsenbande sind nicht alle auf gleicher Höhe, die ersten Teile sind inzwischen wirklich nur noch für den harten Kern der Fans interessant. Herz der Serie ist für mich die klassische Phase, als die Autoren die Möglichkeiten ihrer Figuren ausgelotet hatten und das freie Spiel mit ihnen genial beherrschten. „Die Olsenbande stellt die Weichen“ gehört sicher dazu und ist eine der besten Folgen.
Der Film schließt nahtlos an die vorige Folge an: Ausnahmsweise hatte die Olsenbande mal Glück und konnte mit den erbeuteten 100 Millionen nach Spanien fliehen, um dort nun das Leben zu genießen. Doch recht froh werden Egon, Benny, Kjeld, Yvonne und Börge nicht. Obwohl sie nun Millionäre sind, haben sie kein Geld, denn Egon bewahrt in seinem Geiz und Misstrauen alles Bargeld in einem Koffer auf, den er immer mit sich führt.
In diesem ersten Teil parodiert der Film das gerade erst anbrechende Zeitalter des Massentourismus, der es erstmals auch dem Durchschnittsbürger möglich machte, bisher fast unerreichbare Traumziele im Süden zu bereisen. Doch grotesker Weise können unsere Helden, einmal angekommen, ihr bisheriges Leben nicht ablegen und vermissen die kleinbürgerliche Welt Kopenhagens, der sie gerade noch um alles in der Welt entkommen wollten. Alles soll eben anders sein, aber eben doch auch wie gewohnt. Kurzum: Wie der Durchschnittstourist ist die Olsenbande unfähig ihren Urlaub wirklich zu genießen.
Sarkastisch wird das Spanien der Siebziger Jahre porträtiert. Die gerade noch wunderschönen Strände werden mit Bettenburgen zubetoniert, windige Scheinfirmen spekulieren mit Bauruinen. Eine dieser Investitionsruinen wird Egon zum Verhängnis. Zweimal wird er auf groteske Weise reingelegt und aus ist der Traum vom Reichtum. Zu allem Überfluss landet Egon wie üblich im Knast.
Teil Zwei des Films spielt in Kopenhagen und beginnt mit dem bekannten Ritual der Entlassung aus dem Gefängnis. Egon kommt wegen guter Führung frühzeitig aus dem Knast und hat natürlich schon wieder einen Plan ausgearbeitet, das Geld zurückzubekommen. Dieses wurde nämlich inzwischen in Goldbarren umgetauscht und befindet sich in einem speziellen Tresorwaggon (natürlich von Franz Jäger Berlin hergestellt), der demnächst per Bahn in die Schweiz geschickt werden soll.
Damit setzt Egons brillanter Coup gegen die Dänische Staatsbahn ein. Was folgt ist unbeschreiblich. Wie sooft macht sich Egon die festgefahrenen Rituale einer perfekt durchorganisierten Institution zu Nütze. Die Staatsbahn mit all ihrer beamtenhaften Ehrpusslichkeit, ihrem Sinn für Ordnung und Pünktlichkeit passt exakt zu Egons geradezu manisch bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Plänen. Schon im Gefängnis hat Egon den kompletten Fahrplan der Staatsbahn auswendig gelernt. Alles ist eine Frage des Timings: Man muss nur die Weichen richtig stellen, den Rest erledigt die Staatsbahn pünktlich auf die Minute. Nur: Je exakter man plant, desto wirkungsvoller vermag einen der Zufall und die menschliche Unzulänglichkeit zu treffen.
Alles scheint zu klappen. Die Goldbarren sind schon eingesackt, da bricht (buchstäblich) der Plan in sich zusammen.
Die Olsenbande gibt nicht auf, nach einer kurzen Krise hat Egon einen neuen Plan und einen Tag später wird erneut die Staatsbahn überfallen. Der Tresorwaggon wurde inzwischen an einen anderen Zug angehängt. Kein Problem, doch aus purem Zufall macht die Kopenhagener Polizei ihren Jahresausflug ebenfalls per Bahn und hat zu diesem Zweck einen Ausflugwaggon angemietet, der natürlich direkt noch hinten an den Tresorwaggon angehängt wird.
Auch das wäre noch zu verkraften, doch alles hängt vom Fahrplan ab. Der eine Tag Verzögerung ist nämlich fatal, wie sich erweisen wird. Ist der Fahrplan mit einem, so greift ein Rädchen ins andere und alles ist wundersam geordnet bei der Staatsbahn. Ist man vom Fahrplan verlassen, so herrscht auf den Gleisen das Gesetz des Dschungels. Egon greift zum letzten Mittel, und auf Kopenhagens Schienen bricht das Chaos aus.
Einsame Insel der Ordnung im Meer des Wahnsinns: Das Stellwerk mitten zwischen den Gleisen, wo Herr Brodersen und Stellwerkassistent Gottfriedsen rechtschaffen bei Kaffee und Kuchen ihren Dienst tun. Wie gut, dass Kjelds Sohn Börge als Lehrling ausgerechnet hier eingeschleust wird. Gottfriedsen und Brodersen sind geniale und sehr liebevoll angelegte Figuren. Sie verkörpern den Geist des kleinen Beamtentums mit seinem gerne akzeptierten engen Horizont, innerhalb dessen Grenzen alles wohlgeordnet sein muss. Heutzutage mag Jüngeren derartiges kaum noch glaubhaft oder lustig erscheinen, doch diese alte Welt des Staatsbeamtentums bei der Bahn, sie gab es einstmals wirklich.
Was soll man sagen: genial ist die Idee des Überfalls auf die Staatsbahn, lustig wie selten sind die einzelnen Mitglieder der Olsenbande. Der Film schwankt zwischen Satire, politischer Anspielung, Groteske, Parodie und reinem Klamauk. Was ihn von den zumeist unsäglichen deutschen Komödien unterscheidet, ist, dass Autoren und Schauspieler ihre Figuren und Rollen lieben, mit Leben füllen und noch in den albernsten Momenten ernst nehmen. Auch wenn es reiner Klamauk ist, nie verirrt sich der Film auf das Niveau platten Dumpfhumors. Wer es nicht glaubt, sollte sich „Der Schuh des Manitu“ und einen Olsenbandefilm mal vergleichend anschauen. Welten liegen dazwischen.
Was soll ich noch sagen: Das Paradies auf Erden, das weiß ich nun, es liegt in einem Stellwerk in Kopenhagen. Der hohe Grad von Unschuld und Einfalt dort ist gleich dem Traum vom Leben auf einer Südseeinsel. Leider fürchte ich, dass diese vollendete Welt der siebziger Jahre nach diversen herzlosen Bahnreformen wohl endgültig entschwunden ist. Wir sind für immer aus dem Garten Eden vertrieben.
Die Bewertung dieses Films dürfte sehr schwanken. Wem die Filme der Olsenbande seit der Jugend vertraut sind, der wird sie immer wieder mit Begeisterung sehen. Jüngeren Zuschauern dürfte die ganze Welt der Siebziger Jahre-Komödie nicht mehr so unmittelbar einleuchten. Für Anhänger der Olsenbande aber gehört dieser Film unbedingt ins Regal.
 | "Surprise me!" BETA |
Zur Übersichtsseite des Films Liste aller lokalen Reviews von Fastmachine
Zurück
 |
 |
|