"Der Mordfall Marcus-Nelson" gilt heute als Pilotfilm zur Fernsehserie "Kojak" (Einsatz in Manhattan) und wurde von Regisseur Joseph Sargent, einem Spezialisten für TV-Unterhaltung, auch für das Fernsehen gedreht. Im deutschen Programm lief er erst nach dem Start der Serie, so dass dieser Eindruck noch verstärkt wurde. Tatsächlich entstand der Film ganz unabhängig von den späteren knapp 120 Folgen der Serie, aber aus deren Schatten konnte er sich nicht mehr lösen.
Telly Savalas hatte als desillusionierter Polizeioffizier im Film so sehr überzeugt, dass um ihn herum die Fernsehserie entworfen wurde, die anders als die bis dahin gewohnte Verbrechensbekämpfung unter der Sonne Kaliforniens im dreckigen, slumartigen Milieu von South - Manhattan stattfand und damit einen Hauch Realität in die Fernsehunterhaltung brachte. Möglich wurde das durch den dokumentarischen Charakter des "Mordfall Marcus-Nelson", der 1973 ein erst kurze Zeit zurückliegendes reales Ereignis in einer Art beschrieb, die in ihrer Deutlichkeit in der Kritik an Rassenbenachteiligung und dem amerikanischen Justizsystem nur noch wenige Nachfolger fand. Selbst der zeitgleich gedrehte Polizeifilm "Serpico", der ein ähnliches Thema behandelte, blieb in seiner Konsequenz dahinter zurück, obwohl der "Mordfall Marcus-Nelson" emotional und - dem Fernsehmedium geschuldet - optisch zurückhaltender gestaltet wurde.
Es erstaunt deshalb auch nicht, dass die später daraus entstandene Fernsehserie diese unverhohlene Kritik an der Polizei nicht mehr wiederholte, sondern sich nur noch auf den unangepassten Charakterkopf "Kojak" konzentrierte, der immerhin weiter im realistischen Milieu schnüffeln durfte. Der Film selbst hat damit nur wenig zu tun, denn Kojak ist hier mehr ein Beobachter, der zufällig als Erster am Tatort eintraf. Schnell übernehmen Andere den Fall und erst als sie einen Schuldigen gefunden zu haben glauben, wird er wieder hinzugezogen. Entscheidend bleiben während der gesamten Laufzeit seine Kommentare aus dem Off, die in einer so klaren und lakonischen Art vorgetragen werden, dass sie das in seiner perfiden Konsequenz ablaufende Geschehen bis heute, ohne auf eine emotionale Schürung der Ereignisse setzen zu müssen, nachvollziehbar werden lassen.
Der Doppelmord an zwei jungen Frauen aus dem Prominentenmilieu brachte damals den gesamten New Yorker Polizeiapparat auf Trab, was einerseits dem hohen Druck seitens der Bevölkerung geschuldet war, andererseits Belobigungen und Beförderungen für den erfolgreichen Aufklärer versprach. Als nach Monaten und einem weiteren unaufgeklärten Mord, der ähnliche Vorzeichen hatte, eine versuchte Vergewaltigung durch einen Streifenpolizisten verhindert wurde, wurde einem Zeugen dessen Aussage zum Verhängnis. Der junge Schwarze Lewis Humes (Gene Woodbury) hatte den Flüchtigen gesehen, weshalb er unter dem Vorwand der Zeugenaussage ins Brooklyner Revier gerufen wurde. Dort spielten die Polizisten ein perfides Spiel mit ihm, in dem sie den obdachlosen Mann mit Gewalt zu einem falschen Geständnis zwangen, ohne ihm überhaupt mitzuteilen, dass dabei Menschen getötet wurden. Auch die beinahe vergewaltigte Frau will ihn als ihren Angreifer wieder erkennen, obwohl Lewis nicht nur der Einzige ist, den man ihr zeigt, sondern in keiner Weise ihrer unmittelbar nach der Tat gemachten Täterbeschreibung entspricht.
Gene Woodbury spielt den etwas schwächlichen Mann sehr überzeugend als zwar naiven, aber keineswegs dummen Typen, der vor Gericht, als man ihn erstmals mit den tatsächlichen Ausmaßen seiner Aussage konfrontiert, vehement widerspricht. Doch natürlich glaubt ihm Niemand und auch der Staatsanwalt will möglichst schnell ein Exempel statuieren. Kojak fallen dagegen immer mehr Ungereimtheiten auf und er sucht den Häftling auf, um dessen Version zu erfahren.
Den dokumentarischen Charakter unterstreichen auch die durchgehend guten Darsteller, die auf jegliches Overacting verzichten. Selbst Ned Beatty als verlogener Polizist lässt sich nie aus der Ruhe bringen, selbst wenn man ihm Fakten vorhält, die seiner Aussage widersprechen. Seine Rassenvorurteile sind so selbstverständlicher Bestandteil seines Charakters, dass es ihm gar nicht in den Sinn kommt, etwas falsch gemacht zu haben, weshalb er seine Tricks nur als legitime Methode ansieht. Ähnliches gilt auch für das Verhalten seiner Kollegen und dem Staatsanwalt, deren Verdrehung der Umstände und Weglassen entlastenden Beweismaterials gar nicht selbstkritisch betrachtet werden, selbst als sie eindeutig überführt werden.
Einzig das Auffinden des tatsächlichen Mörders, dessen Entdeckung eher zufällig gelingt, verhindert die Todesstrafe für den Jüngling. Parallel zu den Ereignissen um ihn, die immer mehr im Gerichtssaal stattfinden, entsteht eine neue Story, die ähnlich differenziert betrachtet wird, und letztlich verdeutlicht, dass wenig Sensationelles hinter dem Doppelmord an den beiden jungen Frauen verborgen ist, sondern viel Tragisches und Alltägliches.
Den hier geschilderten Ereignissen war es zu Verdanken, dass es zu den „Miranda“ - Verordnungen kam, die gesetzlich vorschrieben, dass Jedem bei einer Verhaftung seine Rechte vorgetragen werden. Aus heutiger Sicht wirken diese, selbst in unseren Breitengraden bekannten Sätze, manchmal überflüssig, aber wer in diesem Film erlebt, wie ein Mensch unter Vorspielung falscher Tatsachen und ohne zu ahnen, was man mit ihm vorhat, für Jahre ins Gefängnis befördert wird, erkennt die Qualität darin. Für Lewis Humes kam das zu spät, aber allein dieses neue Gesetz hätte ihm gegen die latenten Rassenvorurteile auch nichts genutzt und so bleibt vor allem der Eindruck im Gedächtnis hängen, als Kojak von Humes Mutter zu sich nach Hause eingeladen wird, um ihm für die Unterstützung des Sohnes zu danken. Nicht nur, dass es Kojak schwer fällt, dorthin zu gehen, er bleibt auch ein Fremdkörper, dem teilweise der Handschlag verweigert wird (9/10).