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Bittersweet Life (2005)
Eine Kritik von Der Ewige Lawrence (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 10.08.2006, seitdem 483 Mal gelesen
Also ich weiß ja nicht, welchen Film alle Reviews, die ich zu diesem Film im Vorfeld gelesen hatte, gesehen hatten, aber anscheinend war es nicht derselbe Film.Ich hatte erwartet, einen gegen Ende hammerharten Actionfilm irgendwo zwischen Woo und Scarface vorgesetzt zu kriegen, zwischendurch sehr viel Leerlauf, und immer sehr schön bebildert, mit einer Ausstattung, die sehr stark an A Tale of Two Sisters erinnern würde.
Inhaltlich hatte ich mich auf ein Nichts eingestellt, visuell auf ein monumentales Ereignis.Und das ging soweit, dass ich mir einreden ließ, dass dieser Film wohl den langsamen Niedergang der koreanischen Filmkreativität darstellen würde.
So weit so gut. Um es vorweg zu nehmen, dieser Film erreicht nicht die Klasse von A Tale of Two Sisters, Oldboy (mit dem er ja viel zu oft fälschlicherweise verglichen wurde), Memories of Murder, Joint Security Area, Sympathy for Mr Vengeance oder sogar Save the Green Planet. Ihn aber nur deswegen als Fehlschlag abzukanzeln, tut dem Film auf jeden Fall unrecht. Denn jene Filme gehören mit zum Besten überhaupt, was in den letzten Jahr(zehnt)en produziert wurden. Jeder Topfilm hätte es schwer, gegen jene Filme zu bestehen, und es sollte auch nicht als Maßstab genommen werden. Und nur weil das zentrale Thema Rache ist, sollte man nun nicht jeden Film mit Oldboy vergleichen, denn dafür ist Oldboy prinzipiell viel zu komplex, um nur in dieses Genre gepresst zu werden.
A Bittersweet Life ist tatsächlich ein sehr guter Film, dessen Protagonist in seinen besten Momenten tatsächlich an den Eiskalten Engel (Alain Delon) erinnert. Ähnlich zurückhaltend und emotional weit in sich zurück gezogen agiert er, dabei fast genauso gut aussehend. Und tatsächlich ist ja auch Melville vor seiner Karriere als Regisseur Architekt gewesen und achtete mehr auf Style als auf Story. Insofern passt dieser Vergleich schon sehr gut. Aber anders als Delon in jenem legendären Film, welcher im Original Le Samurai (womit sich ja der Kreis mit A Bittersweet Life ja quasi schließen würde: Franzose zitiert Asien, Koreaner zitiert Europa) heißt, kaum Emotionen zeigt und dessen Gesicht immer regungslos wie eine Porzellanpuppe wirkt, zeigt uns dieser Film einen Protagonisten, in dem es tief drinnen brodelt, einer der tief unterdrückte Wünsche und Träume hat.
Träume, von denen er schon immer weiß, dass er sie nie erreichen kann. Dabei ist er emotional so verkümmert, dass es ihm einfach nicht gelingen will, seine Gefühle überhaupt in Worte zu fassen.
Statt dessen wählt er sanfte Gesten, die nicht erhört werden können, da sie so gar nicht zu seinem vordergründig seit Jahren aufgebauten harten makellosen Image passen wollen. Dass diese unterdrückten Emotionen so urplötzlich aus ihm heraus explodieren, ist vom Timing her zwar unglücklich – um es mal neutral zu formulieren – aber von der Inszenierung her nur eine logische Konsequenz.
So bleibt er immer glaubwürdig und die vielerorts als zu langweilig monierte viel zu lange dauernde Einführung von angeblich einer Stunde ohne große Action ist in Wahrheit ein zart vorgetragener Einblick in eine nur zu leicht verletzbare Seele, die sich durch den Mythos harter Kern nur selbst zu schützen sucht.
Genauso muß ich mich auch gegen die so furiose Action am Ende verwehren. Es ist nie so, wie beispielsweise in Oldboy, dass der Protagonist übermenschlich erscheint und alles und jeden niedermetzelt, statt dessen läuft er in dem Wissen, dass er es vielleicht nicht zurück schaffen könnte in dieses Finale hinein, weil er sich einfach stellen muß. Selbst hier kommt des öfteren seine Unfähigkeit zum Vorschein, sich wenn es sich um seine Emotionen handelt richtig auszudrücken. Er will Sachen sagen, seine Enttäuschung ausdrücken, statt dessen will es ihm einfach nicht gelingen, die richtigen Worte zu finden und er greift zur Gewalt.
Im Finale wirkt er auch nicht wirklich wie ein Übermensch, sondern eher wie ein sterbender taumelnder Elefant, der noch möglichst viele mit sich nehmen will. Viele seiner Aktionen sind sehr ungelenk, wie zum Beispiel als er einen der Waffenhändler erschießt.
Als Gesamtwerk kann ich dem Film von daher auf jeden Fall eine gute Story attestieren, die ungleich anderen Filmen aus Korea relativ einfach gehalten ist und eher ein actionlastiges Psychogramm ist denn ein knallharter Mega-Actioner.Von daher passt auch der Titel Action Noir eher als Kategorie als Rachethriller.
Dennoch zum Genre Noir fehlt dem Film einfach die kalkulierende perfide Femme Fatale, wir haben eine Frau, die es dem Protagonisten antut, ihn aber zu keinem Zeitpunkt zu etwas ermutigt oder ihn auch zweideutig anmacht. Alles spielt sich in seinem Kopf ab.Und das macht diesen Film eigentlich umso tragischer. In seiner grenzenlosen selbst auferlegten Einsamkeit steigert er sich in etwas hinein, was nie existiert hat oder wird, und geht dafür bis zur letzten Konsequenz.
Die Bebilderung des Films und sein Style sind tatsächlich formidabel, vor allem sein Kampf auf der Flucht ist äußerst innovativ gefilmt und man fragt sich, wieso es das nicht schon früher gab. Auch ansonsten ist alles auf Hochglanz getrimmt und sehr schön anzuschauen. Wenn man also nicht mit übersteigerten Vorstellungen an den Film herangeht, weiß, dass die Story schon zigmal so ähnlich verfilmt wurde, hier aber auf andere Aspekte mehr wert gelegt wurde, kann man den Film ganz gut mitnehmen. Auch ist in diesem Zusammenhang der Aspekt verstoßener Sohn, enttäuschter Vater sehr schön dargestellt, sowie die Tatsache der Unmöglichkeit die Sache mit Worten zu bereinigen.
Es macht Spaß sich die Bilder anzuschauen, obwohl hier jetzt nie etwas so betörendes wie in A Tale of Two Sisters dargeboten wird, man wird öfter an andere Filme erinnert (Die Palette reicht von Kill Bill über Scarface bis hin zu Revenge, um nur einige zu nennen). Gleichzeitig bleibt der Film doch eigenständig genug, dass man ihm die Referenzen gerne als Verbeugung denn als dreisten Ideenklau abnimmt.
Hinzu kommt eine absolut passende musikalische Untermalung, die dem Film noch ein bißchen mehr an Klasse gibt.
Die Darstellung des emotional verstümmelten Antihelden ist glaubhaft, ja fast sogar schmerzhaft.
Der Film an sich ist absolut sehenswert und in dieser Kategorie auch auf jeden eine Hausnummer. Wie gesagt, die geschürte Erwartungshaltung ist auf jeden Fall zu hoch und unverhältnismäßig. Es gab in letzter Zeit so viele überdurchschnittlich exzellente Filme aus Südkorea, dass man als Zuschauer fast geneigt war, anzunehmen, dass das eigentlich der Durchschnitt sein sollte. Das ist weder dem Film noch dem Regisseur gegenüber fair. Auch hier liegt ein überdurchschnittlich guter Film vor, der halt nur ein bißchen unter dem Maß aller Dinge ist. Und seien wir mal ehrlich, solche Machwerke wie 2009, Yesterday oder Shiri steckt dieser Film noch lange in seine kleinste Gesäßtasche.
Auch nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass man sich an dem Film gar nicht satt sehen oder hören kann und möchte, verdient er eigentlich mehr als die 8 Punkte, aber dafür ist er dann irgendwie doch noch nicht groß genug. Vielleicht mit etwas zeitlichem Abstand.
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