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Die Sechziger- und Siebziger Jahre waren längst nicht so friedlich, wie man es beim Gedanken an Flower Power Hippies und beim Tee diskutierende Latschenträger noch vor Augen haben mag. Die Zeit war auch geprägt vom Ungehorsam, Revolution, Aufstand, Terror. Zum Teil natürlich in positiver Absicht, teils als Friedensaktivisten kriminalisiert. Doch in den Schlagzeilen befanden sich auch Chaoten, die das Volk nicht nur beunruhigten, sondern ein herzensgutes Ziel vermissen ließen. Neben den Hell's Angels war es unter Anderem die Manson Family, eine pseudo-satanische Sekte, die vor Mord nicht zurück schreckte, die ihren Einfluß auf die Genrefilmwelt verübten. Letztere lieferte den grundlegenden Stoff für Die Tollwütigen.
Man merkt sehr deutlich, wie sehr sich dieser Grindhouse-Streifen von psychedelischen Kunstwerken, abstraktem Surrealismus, unterscheidet. Filme, die eher aus der Bewegung entstanden. Hier entstand ein Film über eine Bewegung, macht es sich plump zur Aufgabe seinen sensationshaschenden Vorteil aus Geschichten zu ziehen, die das Leben schreibt. Dinge, die dem Publikum vertraut sind oder sogar Angst machen. Reine Exploitation.

Es ist ein Glück für Die Tollwütigen, so zeitgenössisch zu sein und gleichzeitig am Anfang einer Welle zu stehen, die der Wegfall des amerikanischen Production Codes 1968 begünstigte. Amerika hatte sich auf eine Welle des des Terrorfilms vorzubereiten, wobei in Asien und Europa unlängst der Kinoflaute entgegenwirkend auf niedere Instinkte angesprochen wurde. Zwar waren es nach Blood Feast und Todesangst weiter vermehrt die Independentproduktionen, die sich niederträchtigen Werken widmen sollten, darunter folgend auch Das letzte Haus links und Blutgericht in Texas, jedoch war allgemein ein Anzug des harten Klimas zu verspüren, das sich 1971 außerdem im Startschuß einer urbanen Selbstjustizwelle mit Dirty Harry manifestierte und in Sam Peckinpahs Wer Gewalt sät niederschlug, der dem Terrorfilm einen der wohl tiefgründigsten Stempel aufdrücken konnte.
Dagegen macht es sich Die Tollwütigen schier einfach. Das Böse, die Bedrohung steht von vornherein fest. Es ist eine Bande von satanistischen Acidheads, die Hühner opfern, Ratten verspeisen und Frauen vergewaltigen. Wer will die schon in seiner Einöde begrüßen? Da die Hippies sogleich in ihrem Tun fortschreiten, wird auch hier ein Akt der Selbstjustiz zum Zündfunken. Da dieser aber weiteres Übel heraufbeschwört, kann man nur schwerlich von Glorifizierung sprechen.

Ein kleiner Junge schießt einen tollwütigen Hund im Wald. Wissend, daß die Hippies sich bald ihre Dosis Fleischkuchen abholen werden, injeziert er infiziertes Blut in die Leckereien, bewirkt einen fatalen Seuchenausbruch. Mit Schaum vor dem Mund rasen die Wilden durch das kleine Örtchen, es gibt kein Halten mehr. Die Effekte finden im Off statt, oder reichen technisch nicht weit über die von Herschell Gordon Lewis hinaus, jedoch genügt die Darstellung, um den Rezipienten zu kitzeln, ihm gegebenenfalls ein flaues Gefühl im Magen zu verschaffen. Daß hierbei leider auch wenige echte Tiere ihr Leben lassen mußten, ist ein Tribut an die Naivität der damaligen Zeit. Doch auch, wenn sich eine Schwangere selbst zum Abbruch führt, indem sie sich einen Pflock in den Bauch rammt, sollte dies niemanden kalt lassen.
Auf dem Gipfel des Kontrollverlustes kommt dann tatsächlich die Kamera in Wallung, nutzt mehr als zweckmäßige Bilder und kann zumindest einen Hauch des Drogeneinflusses deutlich machen. Unterstrichen wird dies von vermehrt drastischerem, nervöseren Musikeinsatz. Seine Haltung gegenüber Hippies macht Die Tollwütigen jedoch klar, in dem die Kranken schließlich ausgerechnet an einem Symptom leiden, das sich in Wasserscheue ausprägt. Dementsprechend ist der Film heute wenig ernst zu nehmen und entwickelt seine Komik bevorzugt unfreiwillig, so man sich in diesem schmutzigen Massaker denn zu einem Schmunzeln hinreißen lassen mag. Die Tollwütigen ist politisch inkorrekt, niederträchtig und überholt. Dennoch entwickelt sich hieraus ein besonderer Charme, der das Werk als Exponat einer so blutrünstigen Epoche des Kinos als eins der sehenswerteren erscheinen läßt. Ein Film wie die Bildzeitung - Ansprüche sind hier fehl am Platz.

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