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2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß (2004)

Eine Kritik von niklas90 (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 21.11.2009, seitdem 237 Mal gelesen


Malte Ludins Vater war ein ranghoher Nationalsozialist, weswegen er, der jüngste Sohn des mehrfachen Vaters, von seiner Familie nie sonderlich viel über seinen Vater und sein Wirken erfahren hat. Im Rahmen seines Dokumentarfilms rollt er nun die Vergangenheit seines Vaters auf, der nachweislich an der Deportation zahlreicher Juden beteiligt war und nach Kriegsende von den Alliierten zum Tod durch den Strang verurteilt wurde. Mit seinen Erkenntnissen konfrontiert er seine Geschwister, seine Mutter und den Rest seiner Familie, doch niemand scheint wahr haben zu wollen, wie viel der Vater und Ehemann gewusst und getan hat.

Die Soldaten der Alliierten, die Beteiligten der Nürnberger Prozesse und auch die Nachfolgegenerationen: So ziemlich die ganze Welt war und ist erstaunt, wie wenige Nazis es in Deutschland doch gab, wie viele Deutsche von nichts gewusst haben und, wie unauffällig die Vernichtung von mehreren Millionen Juden doch durchgeführt worden sein musste. Doch Malte Ludin gibt sich nicht mit den zwei oder drei Dingen zufrieden, die er von seinem Vater weiß und mit den Aussagen seiner älteren Geschwister, ihr Vater habe von nichts gewusst, keine Juden wissentlich in den Tod geschickt und sei mehr ein Opfer des Charismatikers Adolf Hitler und dessen Propaganda, als ein Täter und Mörder.

Und auch wenn es sich bei der Geschichte von Hanns Elard Ludin und seinen Hinterbliebenen um eine Situation handelt, die zahlreiche Deutsche während und nach dem Nationalsozialismus haben durchleben müssen, so sollte doch jedem Zuschauer im Vorhinein klar sein, dass es sich bei dieser Geschichte um ein Einzelschicksal handelt, das nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden kann und nicht kollektiv die Vergangenheitsbewältigung aller Deutschen umfasst, wobei sich Malte Ludin dessen auf jeden Fall bewusst ist und zu keinem Zeitpunkt den Anspruch geltend macht, sein Werk wäre mehr als eine Dokumentation über die Geschichte seines Vaters, seiner Familie und ihm.

So ist "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" im Endeffekt eine sehr persönliche Dokumentation, die die Geschichte von Hanns Elard Ludin interessant aufarbeitet, seine Taten deutlich aufzeigt und authentisch wie glaubhaft vermittelt, wovon Hanns Ludin wusste und was er im Rahmen seiner Tätigkeit als SA-Führer alles getan hat. Noch beeindruckender ist darüber hinaus das Privatleben des zum Tode verurteilten Nazis, der auch als Familienvater und Ehemann durchaus an Profil gewinnt, sodass am Ende ein ambivalentes Zerrbild vom SA-Führer entsteht, das zumindest in diesem Fall greifbar macht, um was für Menschen es sich bei den Nazi-Verbrechern so handelte, nämlich nicht ausschließlich um brutale unmenschliche Bestien.

Noch interessanter sind dabei die Reaktionen der Familienangehörigen, die zum Großteil nicht wahr haben wollen, dass ihr Vater wusste, was mit den Juden, die er in die Konzentrationslager deportieren ließ, im Endeffekt geschah, die ihn lieber in der Rolle eines von Hitler geblendeten Opfers, als in der Rolle eines mehrfachen Mörders und Kriegsverbrechers sehen. Besonders eindrucksvoll sind dabei die Gespräche von Malte mit seiner Schwester Barbel, die nur deshalb für den Dokumentarfilm ihres Bruders vor die Kamera tritt, um ihren Vater zu verteidigen und ein (vermutlich falsches, verklärtes) Bild von ihm zu vermitteln. Und spätestens in der Szene, in der Barbel ihrem Bruder schließlich entgegnet, es sei ihr gutes Recht, das Bild ihres Vaters so zu sehen, wie sie will, liefert die sehr emotionale und eindringliche Dokumentation schließlich Stoff zum Nachdenken, der jeden Deutschen nach wie vor persönlich betrifft.

Hier und da sind vielleicht ein paar überflüssige Szenen vorhanden, die das Geschehen ein wenig ausbremsen, der eine oder andere der gezeigten Dialoge versandet im Nichts und man sieht dem Dokumentarfilm durchaus seine verhältnismäßig bescheidenen Mittel an, sodass die Umsetzung des diskussionswürdigen Stoffes hier und da Schwächen aufzeigt, aber diese sind weitestgehend im marginalen Bereich anzusiedeln.

Fazit:
Malte Ludins Dokumentation liefert vor allem wegen der Fakten über seinen Vater und des Umgangs seiner Geschwister mit den Taten ihres Vaters während des Nationalsozialismus einigen Stoff zum Nachdenken, auch wenn das Einzelschicksal sicherlich kaum Schlüsse auf die kollektive Vergangenheitsbewältigung in Deutschland zulässt. Dennoch ein sehenswerter, emotionaler und sehr persönlicher Dokumentarfilm.

72%


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