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Wenn eine Institution wie Hollywood, die sich längst den Titel “Traumfabrik” mit all seinen positiven und negativen Konnotationen angeeignet hat, seine “Golden Ages” erlebt und innerhalb dieser nochmals den Höhepunkt, so muss man darauf vorbereitet sein, dass die Pfeiler der Wahrnehmung in diesem Moment der Euphorie pulverisiert werden. Unter Fanfaren und in einem gleißenden Lichtstrahl. Ob des überwältigenden Kontrastes, der ein Zeichen von Entschlossenheit und dem unbeirrbaren Glauben an die eigenen Ideale ist, bleiben nurmehr zwei Farben übrig, die im eigentlichen Sinne nicht einmal welche sind: Schwarz und Weiß. Kein Zweifel daran, dass das Gute siegen wird, schlussendlich.

Nicht wenige Filmhistoriker sind der Meinung, ebendieser Klimax der “Traumfabrik” sei im Jahr 1939 erreicht worden. Die goldenen Jahre der Krone der Filmschöpfung, die auf ewig unerreicht bleibende Erklimmung der Bergspitze, der Weltrekord, der nie wieder erreicht wurde - nur dass in der Filmkultur nicht mit dem Zollstock, sondern mit einem anderen Maß gemessen wird: der Subjektivität.

Die bereits zweite Verfilmung von Lyman Frank Baums Kinderbuch fungiert in dieser posthum vage als “bestes Filmjahr der Geschichte” betitelten Phase als Etikett für die schiere Kraft der Vorstellung. Obwohl das Buch sich noch durch einen realistischen und einfachen Schreibstil von der Landschaft abheben und mit den Farbillustrationen progressive Zeichen setzen wollte, wird uns am Ende der 1939er-Verfilmung mit aller Überzeugung die konservative Formel “Zu Hause ist’s doch am schönsten” entgegen geworfen. Nicht der geringste Zweifel besteht an dem Wahrheitsgehalt dieser These, die im Grunde weit mehr ist als das, nämlich ein Gesetz.

Schreiten wir knapp 70 Jahre in die Zukunft, gelangen wir in ein Zeitalter des Zynismus, in dem die Menschen durch fortschreitende Globalisierung nicht nur den Bezug zu ihrer Heimat verlieren, sondern zu allem, was in “Der Zauberer von Oz” noch an hohen Werten propagiert wird. Welch drolliges Schauspiel sich den viel weiter entwickelten Menschen von heute da bietet, um wie viele Äonen unser Zeitgeist dem damaligen voraus ist, so scheint es. Denn wer so offensiv von seinen eigenen Werten überzeugt vorprescht, präsentiert dem Zyniker von heute seine Weichteile auf dem Silbertablett - der muss dann nur noch herzhaft zutreten.

“Der Zauberer von Oz” ist voll von diesen köstlichen Momenten der positiven Energie. Mit dem Moment, in dem Judy Garland aus dem grauen Landhof ins Technicolor hüpft, lässt das frohlockende Treiben alle Waffen fallen. Die Farben sind so knallig, die Sets so überzuckert konturiert, die Kostüme so erstaunlich professionell, was im ersten Augenblick gar nicht zu der ausgeprägten Naivität der Phantastik-Matinée zu passen scheint, aber eben doch künstlich, dass ein Heftzwecken in der Hand des Rationalisten ausreichen würde, um den bunten Ballon platzen und Miss Garland eine Fratze der Verdrossenheit auflegen zu lassen. Eine Persiflage hätte leichtes Spiel, müsste sie doch einfach nur den Handlungsverlauf eins zu eins kopieren und eine jede Szene mit einer Pointe zum Schluss bringen, die der Regie von Victor Fleming und King Vidor zuwiderläuft.

Ironischerweise bewahrt sich das grelle Musicalspektakel ausgerechnet durch die scheinbare moralische Überlegenheit nachfolgender Gesellschaften seine Zeitlosigkeit. Denn das Magische des Werkes liegt retrospektiv gesehen nurmehr an seiner grotesk-romantischen Friede-Freude-Eierkuchen-Konsequenz. Und in Anbetracht der Überlebensgröße von Evergreens wie “Over the Rainbow” stellt sich für den Zyniker die Frage: Wie kann etwas derart Un- um nicht zu sagen Schwachsinniges so lange überleben?

Nicht im ästhetischen Sinne, sondern im Sinne des nackten Überlebens muss man das zuckersüße Vermächtnis betrachten, um es schätzen zu können und um zu dem Schluss zu kommen, dass “Der Zauberer von Oz” der Antichrist ist und das von Filmhistorikern gepriesene Jahr 1939 das Jahr der Übernahme durch das Böse. Er ist der Antichrist, weil er weiß, wie er alles andere überlebt - das Böse, so heißt es in Tausenden Filmen, überlebt immer - obwohl diese These im nächsten Moment durch den Film widerlegt wird, als das Gute doch noch triumphiert. Mag sich der Mensch in der Realität als erstes an die schlimmen Dinge erinnern, wenn er an sein Leben zurückdenkt; die Welt des Films funktioniert in vielerlei Hinsicht umgekehrt proportional zur Wirklichkeit, da sie Wünsche und Träume seiner Macher in die Tat umsetzt. Also überlebt in der Fabrik der Träume das Gute. Ergo und frei nach Aristoteles muss das Gute in der Welt des Films das Böse sein, sprich die Partei, die am Ende gewinnen wird. An zwei partielle Stücke, die zueinander gehören, sich einen Film lang suchen und ein Filmende lang finden, erinnert man sich immer. Eine Vogelscheuche voller Stroh im Kopf, die ein Hirn sucht; ein Blechmann, dem das wichtigste aller Organe fehlt; ein Löwe, der dem Gefühlszustand nacheilt, der für sein Überleben notwendig ist. Kein Wunder, dass “Der Zauberer von Oz” ein Klassiker ist. Alles die Bestandteile der Dorothy, deren Gefühls- und Gedankenwelt Oz erst entstammt. Und natürlich eine hinderliche Variable X, die sich zwischen die Vereinigung der Teile stellt, das abgrundtief Böse - die Hexe. Auch sie gehört zu Dorothy, entstammt sie doch ihrem Universum. Das kosmische Gesetz der Gleichmäßigkeit regiert über alle Naturgesetze, die wie im Lande Oz auch mal ausgeschaltet werden können.

Es ist eine Reise, die wie eine geodätische Linie verläuft (also stringent von Punkt A nach Punkt B - einem knallgelben Weg wird gefolgt wie Alice einst dem weißen Kaninchen). Doch Dorothy widerstrebt es manchmal, diesen Weg zu gehen; sie läuft nicht etwa, nein sie tanzt den Weg entlang, hält ihr blaues Kleidchen hoch und macht nicht nur Schritte vor, sondern auch zurück. Sie springt über den Zaun ins Maisfeld, um der Vogelscheuche zu helfen, schenkt dem Blechmann Beachtung, obwohl der sich nicht einmal mehr bewegt und vor dem Löwen schreckt sie gar zurück, um dann doch seinen Kontakt zu suchen.
Parallel dazu haben Analysten “Der Zauberer von Oz” niemals nur als Verfilmung eines Kinderbuchs genommen, sondern sind in Anbetracht seines Status stets der Versuchung erlegen, nach gesellschaftlichen Allegorien zu suchen. Auch sie tanzten ihren Weg, anstatt die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten zu suchen. Möglicherweise wurde an den falschen Stellen gesucht, denn das Intentionale ist nicht unbedingt des Werkes Metier.
Heute produziert Tim Burton solche Filme aus einer postmodernen Perspektive, den Gegenstand der Sehnsüchte des Filmemachens - das Gute und das Böse - bewusst reflektierend. “Der Zauberer von Oz” macht das Gleiche, nur eben unbewusst. Instinktiv tapst er die Schritte entlang, die Hollywood als Option anbietet, um Träume wahr werden zu lassen. Dieses naive Fantasy-Märchen ist genauso unschuldig wie des Teufels Brut, und doch hat es Jahre und Filme überlebt und übt nun seinen “schrecklichen” Einfluss nach wie vor auf die Filmindustrie aus. Während umwälzende Phasen wie das New Hollywood der Siebziger Jahre zwar nie ihre filmhistorische Bedeutung, aber vielleicht mit der Zeit doch ihren Glanz verlieren werden, strahlt das satte Butterblumengelb auch in tausend Jahren immer noch in Technicolor aus dem Lande Oz und postuliert unbeirrt seinen Glauben, der schon längst nicht mehr zeitgemäß ist. Man kann sich davor ekeln, so wie man sich vor des Teufels Antlitz ekeln würde, doch seinem Triumph in der Darwinschen Welt muss man Tribut zollen. Schön, dass es Filme wie diesen gibt, denn welchen Sinn hätte sonst der cineastische Nihilismus unserer Zeit, wenn nicht dem verblendeten Frohsinn entgegen zu wirken?

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