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Tagebuch einer Kammerzofe (1964)

Eine Kritik von Bretzelburger (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 24.04.2007, seitdem 1621 Mal gelesen


"Tagebuch einer Kammerzofe" läutete Bunuels letzte Schaffensperiode ein, die ihn nach seinem langen Aufenthalt in Mexiko wieder nach Europa zurück brachte. Angesichts der damals nach wie vor in seinem Heimatland Spanien herrschenden Diktatur, die ihn während des einzigen Anfang der 60er dort gedrehten Films "Viridiana" stark anfeindete, drehte er wieder wie zu Beginn der 30er Jahre seine Filme in Frankreich. Doch seine Erinnerungen an Frankreich waren auch keineswegs positiv, da auch dort der rechtsradikale Mob die Filmvorführung seines zweiten Films "L'Age d'or" angriff und als Konsequenz daraus, der Film in Frankreich 50 Jahre lang verboten wurde.

Bunuel machte aus seinen kritischen Ansichten gegenüber dem reaktionären, fremdenfeindlichen und selbstverliebten Bürgertum nie ein Geheimnis, was ihn schon immer im Auge der staatstragenden Institutionen verdächtig sein ließ und ihn deshalb auch ins mexikanische Exil führte. Vielleicht hat deshalb "Tagebuch einer Kammerzofe" in seinem Oevre eher den Ruf, ein Film zweiter Klasse zu sein, weil der inzwischen 64jährige hier - oberflächlich betrachtet - optisch gefällig und unterhaltend erzählt. Zwar bedient er sich einer sehr schönen Schwarz/Weiß Optik , die den leicht historischen Charakter der Geschichte, die etwa 1928 angesiedelt ist, unterstreicht, aber er bleibt konventionell und verzichtet auf jegliche surreale Effekte, für die er berühmt wurde.

Ähnliches läßt sich zur Erzählstruktur sagen, die auf Octave Mirbeaus gesellschaftskritischen Roman aus dem Jahr 1900 basiert. Bunuel schildert seine Geschichte um die Erlebnisse der Pariser Kammerzofe Celestine in einem kleinen Ort in der Normandie schnell, immer abwechslungsreich und mit hohem Unterhaltungswert. Celestine (Jeanne Moreau) tritt ihre Stelle in einem herrschaftlichen Anwesen an, in dem neben dem Ehepaar Monteil nur noch der Vater der Hausherrin lebt. Schnell stellt sich heraus, daß Madame Monteuil (Françoise Lugagne) hier das Sagen hat und entsprechend kleinlich Celestine einweist.

Der erste Bruch in der bis zu diesem Zeitpunkt homogenen Geschichte, zeigt sich, als eine andere Hausangestellte Celestine nach ihrem Eindruck zu Madame fragt, und diese, die sich bis dahin nur eines äußerst gepflegten Sprachstils befleißigt hatte, die Hausherrin als "Hure" bezeichnet. Bunuel läßt sich viel Zeit die gesamten hier versammelten Personen auf das Genaueste zu sezieren und er ist dabei von einer konsequenten Härte, die kaum noch ein zeitgenössischer Regisseur wagen würde. Schon gar nicht in diesem beiläufigen Stil, der auf Übertreibungen und Persiflierungen völlig verzichtet und damit die menschlichen Abgründe erst ernsthaft erfahrbar macht.

Gerade angesichts heutiger Inszenierungen, die Perversitäten nur noch übertrieben oder eingebettet in Horrorfilmen zu schildern vermag ( und damit vor der eigentlichen Konfrontation ablenkt ), sind die schauspielerischen Leistungen mehr als bewundernswert. Michel Piccoli ist hier ein verklemmter, notgeiler Hausherr, den seine Frau hasst ,der nichts zu sagen hat und der nur in der Lage ist, sich am schwächsten Glied der Kette zu vergehen. Piccoli spielt diesen Typen in einer Mischung aus bürgerlicher Anständigkeit und völliger Unfähigkeit, normal auf das andere Geschlecht zuzugehen, nicht nur authentisch, sondern regelrecht vertraut.

Genauso hält seine Frau immer die Fassade als verantwortliche Hausherrin aufrecht. Bunuel verzichtet völlig auf übertriebene despotische Verhaltensweisen - im Gegenteil, Madame ist freundlich und keineswegs besonders streng. Nur kleine Momente zeigen ihre wahre Geisteshaltung, als sie sich mit einem Einlauf auf den Besuch des Priesters vorbereitet und diesen unverhohlen mit ihrer gehemmten Sexualität konfrontiert. Auch ihr Vater (Jean Ozenne) wirkt fast liebenswert in seiner Höflichkeit gegenüber Celestine und nahezu schüchtern, sie dazu zu benutzen, seinem Schuh-Fetischismus zu fröhnen. Als er tot ,die beiden zuvor von Celestine getragenen Schuhe umarmend, fast nackt in seinem Bett liegt, wirkt er in seiner Embryo-Haltung wie ein Kind.

Bunuel liegt es völlig fern, die herrschende bürgerliche Klasse frontal anzugreifen, vielmehr verdeutlicht er menschlich nachvollziehbar die tatsächlichen Verhaltensmuster hinter der Fassade. Und wesentlich unbarmherziger ist sein Blick auf das "normale" Volk, daß sich ständig in antisemitischen und rechtsradikalen Reden äußert. So ist vor allem Joseph (Georges Géret) ,der schon lange dort angestellt ist, ein Radikaler, der zusammen mit einem Kollegen Flugblätter mit rechtsradikalen Hetzreden entwirft und dem es ersichtlich Vergnügen bereitet, andere zu quälen. Auch Captain Mauger (Daniel Ivernel) , ein verdienter Soldat im Ruhestand, ist ein besonders verlogenes Exemplar, der auf der einen Seite modern tut und damit rechtfertigt, daß seine Hausangestellte mit ihm schläft, und auf der anderen Seite rücksichtlos seine Armeevergangenheit zu seinem eigenen Vorteil nutzt.

Doch das Herzstück ist Jeanne Moreau, deren Spiel erst die Abläufe zwischen den Protagonisten glaubwürdig macht. Ihre Anwesenheit in dem Normandie-Ort, erzeugt katalysatorgleich erst die Veränderungen, die Bunuel die Gelegenheit geben, ein abgrundtief pessimistisches Bild der französischen Gesellschaft zu zeichnen. Gerade ihr ungewöhnliche Schönheit, gepaart mit einer absoluten Coolness und einem leicht verbitterten Mundzug, macht es nachvollziehbar, daß ihr zum Einen die diversen Herren zu Füßen liegen, zum Anderen sie ein fast überlegenes Selbstbewußtsein ausstrahlt. Sie ist die Einzige der Hauptdarsteller, aus der kurz so etwas wie Gewissen oder Verantwortung herausstrahlt, aber sie ist sich auch ihrer schwachen gesellschaftlichen Position bewußt und entscheidet letztlich wie alle Anderen - zum eigenen Vorteil.

So liegt die einzige notgedrungene Schwäche des Films darin, daß trotz oder gerade wegen der sehr differenzierten Charakterisierungen eine Identifikation schwerfällt - eben auch ,weil die Nähe selbst zur heutigen Realität sehr offensichtlich ist.

So schreckt Bunuel auch nicht vor einem brutalen pädophilen Verbrechen zurück, daß er ins Zentrum des Geschehens stellt. Celestine, die den Ort schon verlassen wollte, kehrt deshalb wieder zurück, aber wer darauf hofft, daß es hier zu irgendeiner moralischen Läuterung kommt, hofft vergebens. Bunuel ist in seiner Betrachtung und Sezierung des Bürgertums selbst in diesem fast leicht daher kommenden, unterhaltenden Film deutlich konsequenter als heutige Filmemacher.

So fällt unser letzter Blick auf den marschierenden rechtsradikalen Mob, der laut seine Parolen "Frankreich den Franzosen" schreit, von Josephs begeisterten Rufen begleitet, der jetzt eine Kneipe führt. Die Rufe gehen über in das Hochleben des Polizeipräfekten Chiappe, also genau des Mannes, der Bunuels zweiten Film verbieten ließ - trotz aller kritscher Gedanken bleibt Bunuel bis zuletzt locker und leistet sich noch einen ironischen Witz (9,5/10).


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