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Königreich der Himmel (2005)

Eine Kritik von AdvocatusDiaboli (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 08.09.2006, seitdem 1913 Mal gelesen


„Gladiator“ war eine doppelte Wiedergeburt. Plötzlich war Ridley Scott, Schöpfer der so wegweisenden wie lange zurückligenden Klassiker „Alien“ und „Blade Runner“, wieder zurück, nachdem er eigentlich schon weg gewesen ist. Und noch viel plötzlicher war mit ihm der bereits begrabene Historienfilm wieder zurück – hier ausgerechnet in der Variante des Sandalenfilms. „Gladiator“ war ein Blockbuster. „Gladiator“ gewann Oscars. Sogar manche Kritiker mochten den Film. Ich liebte Ridley Scotts „Alien“ und insbesondere seinen „Blade Runner“ seit meiner Jugend, aber mochte viele seiner anderen Filme nicht. Ich liebte auch Historienfilme, trotz dem großen und durchaus großartigen „Ben-Hur“ insbesondere die eher säkularen ohne religiösen Schnickschnack wie z. B. „Der Untergang des römischen Reiches“ oder „Spartacus“. „Gladiator“ machte vor Jahren im Kinosessel wieder einen richtigen Jungen aus mir. Alles war wieder so wie früher und scheinbar noch besser. Ich liebte „Gladiator“ und liebe ihn noch, denn er ist sehr einfach, aber trotzdem wahrhaft groß.

Und was kam danach? Scott drehte den soliden „Black Hawk Down“, den katastrophalen „Hannibal“ und dem höchst egalen, aber immerhin kurzweiligen „Tricks“. Es ging unverkenbar wieder abwärts. Und das just revitalisierte Genre war schon kurz danach längst nicht mehr so vital wie erhofft. „Troja“ war eine aufgeblähte Soap-Opera, die einige, aber zu wenige gute Szenen vor dem totalen Debakel rettete. „Alexander“ war ein anspruchsvoll gescheitertes Stück Kino, ein Fiasko, wenn auch nicht ansatzweise so schlecht wie viele ihn sahen. „King Arthur“ hatte außer Clive Owen, dem man von Herzen eine bessere Rollenauswahl wünscht, absolut gar nichts zu bieten. „Last Samurai“ – ein entfernter Verwandter – ließ, obwohl überhaupt nicht originell, dafür aber trotzdem sehr schön, das Licht des Historienfilms immerhin noch weiterleuchten. Aber weder für Scott noch für das Genre sah es wirklich gut aus, doch mit „Königreich der Himmel“ bot sich für beide die Chance, sich gegenseitig ein zweites Mal zu retten. Es kam jedoch nicht so. Noch nicht.


Als ich ihn im Kino sah, da wollte ich „Königreich der Himmel“ lieben, aber ich konnte es nicht. Dieser Film war einfach nur Stückwerk: Es war eine in gehetztem Erzähltempo vorgetragene, lückenhafte Geschichte ohne Fokus und mit vielen losen Enden voller Charaktere ohne klar erkennbare und überzeugende Psychologie und Handlungsmotive. Es passte wenig wirklich zusammen – und trotzdem erkannte man das ungenutzte Potential dieses Films in vielen Szenen, sie passten alle nur irgendwie nicht zueinander.


Im Director’s Cut, der nun endlich veröffentlicht worden ist, bekommt man es nun mit einem fast vollkommen neuen Film zu tun. Ein Film, der das maue Kinoerlebnis dank 47 zusätzlicher Filmminuten in einen späten Triumph verwandelt. „Königreich der Himmel“ ist in dieser langfassung ein wirklich großartiges Filmerlebnis, in dem endlich all das harmoniert und ineinander greift, was in der Kurzfassung im Kino noch unverbunden und widersprüchlich nebeneinander stand. Ich glaube, Fox hat diesen Film durch zu viele Eingriffe ruiniert. Es ist fraglich, ob er daher jemals den Status erreicht, den er verdient hätte. Man fühlt sich ein wenig an Sergio Leones Jahrhundertfilm „Es war einmal in Amerika“ erinnert, der auch erst in einer hoffnungslos verstümmelten Kinofassung das Licht der Leinwand erblickte.


Es ist für mich schwer, sachlich über diesen Film zu sprechen, da es mir schwer fällt, hier überhaupt klare Gedanken zu fassen und zu artikulieren. „Königreich der Himmel“ ist kein genialer Film, aber er ist absolut überwältigend, trotz seiner nicht unbrisanten Thematik überraschend besonnen in seiner Haltung, sowohl klassisch als auch modern und als Epos höchst stimmig. Im Gegensatz zu „Gladiator“ gibt es hier keine Schwarzweißmalerei (wenn auch Guy de Lusignan und Reynald de Chattillon als Bösewichte sehr einseitig gezeichnet sind) und eine komplexere Geschichte, die auf mehreren Ebenen operiert, ohne direkt in intellektuellen Tiefsinn zu verfallen. Endlich hat sie den Raum, sich voll zu entfalten - auch emotional. Und Scott bringt sie - trotz gernetypischem Pathos - zu einem glaubhaft gefühlvollen und erstaunlich kitschfreien Ende, das sowohl auf der politischen wie auch der persönlichen Ebene voll überzeugt, da wir es hier im Director’s Cut endlich mit dreidemiensionalen Charakteren zu tun haben. Die Schauspieler, überstrahlt von Ghassan Massoud als König Saladin, sind in ihren Rollen alle höchst glaubwürdig, sogar – und das möchte ich an dieser Stelle mit Nachdruck betonen – der sonst nicht zu unrecht vielgeschmähte Orlando Bloom, auch wenn er natürlich kein Russell Crowe ist und niemals sein wird. Lediglich musikalisch fehlt es diesem Film ein wenig an Prägnanz, dafür überzeugt er mit seinen schönen wie auch häufig sehr brutalen Bildern umso mehr, auch wenn man mittlerweise viele Stilmittel Scotts schon sehr genau aus anderen Filmen kennt und dementsprechend leicht hier wiedererkennt. Typisch für Scott, ist dieser Film ein visuelles Meisterwerk, rein ästhetisch vielleicht sein schönster Film überhaupt. Aber diesmal überzeugt er – und das ist bei ihm keine Selbstverständlichkeit – nicht nur formal, sondern auch auf ganzer Linie inhaltlich.


Auch wenn es für viele, die den Film nur in der Kinofassung kennen, vielleicht etwas unglaubwürdig klingt, ist „Königreich der Himmel“ im Director’s Cut zu einem wirklich großen Film gewachsen, der nur in dieser Langfassung eine faire Beurteilung erfahren kann.


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