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Last Days (2005)
Eine Kritik von McKenzie (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 08.03.2007, seitdem 824 Mal gelesen
Die zahlreichen erbosten Online-Rezensionen zu Gus van Sants „Last Days“ demonstrieren eindrucksvoll was für fatale Folgen es hat wenn ein Autorenfilm der sich radikal von den narrativen Konventionen des modernen Unterhaltungskinos lossagt, in die Hände von Mainstream-Zuschauern gerät die nicht von ihren nivellierten Sehgewohnheiten lassen können. Ein Publikum das nie begreifen wird das Film nicht als kurzlebige Konsumware in erster Linie sondern als seriöse Kunstform und damit nicht alleine als Unterhaltung zu begreifen ist. Gleichzeitig hat sich der Regisseur der in den letzten Jahren eine beachtliche Wandlung von Hollywoods Prestige-Regisseur („Good will hunting“) zu einem der wagemutigsten Autorenfilmer der USA vollzogen hat, keinen Gefallen getan als er offenbarte, das ihm als Inspiration die letzten Tage im Leben von „Nirvana“-Sänger Kurt Cobain als Motiv dienten. Hunderte enttäuschter Nirvana-Fans sind nun die Folge denn van Sants Film ist selbstverständlich fiktiv, bezieht sich nur vage auf den zur Jugendikone avancierten Sänger und seine Musik.
Nichts als Undankbarkeit auf nahezu allen Seiten, Enttäuschung im Lager der Fans und Mainstream-Zuschauer, reserviertes Schweigen in der Kritiker-Ecke. Dabei sollte man vor van Sant den Hut ziehen denn ihm ist es in seiner Sturköpfigkeit gelungen einen Film zu drehen mit dem man aus den Staaten heutzutage in dieser Form kaum noch rechnet. Das europäische Autorenkino habe ihn nachhaltig beeindruckt und ihm ein befreiendes Gefühl gegeben, so van Sant im Zusammenhang mit seiner „Trilogie des Sterbens“ die er mit „Last Days“ nach „Gerry“ (2002) und „Elephant“ (2004) vollendet. Und dieser Aussage entspricht der Regisseur mit „Last Days“ vorbildlich denn den halbdokumentarischen und zugleich doch artifiziell verfremdeten Blick auf die Tatsachen, den etwa ein Rainer Werner Fassbinder einst warf, findet man auch in „Last Days“ wieder, ohne van Sant jemals mangelnde Souveränität vorwerfen zu müssen.
„Last Days“ beginnt ohne Vorspann, ohne Titel augenblicklich: Die Kamera verfolgt passiv seine zentrale Figur, die ziellos durch Wald und Feld taumelt. Blake (Michael Pitt) ist das Cobain-Lookalike, dem der Zuschauer nun 95 Minuten folgt ohne dabei konkrete Informationen über die Ursachen für seinen lethargischen Zustand, seine völlige Gleichgültigkeit und schlussendlich seine Todessehnsucht zu erhalten. Im ganzen Film spricht Hauptdarsteller Michael Pitt- selbst Musiker und für Teile des sparsam eingesetzten Soundtracks verantwortlich- vielleicht gerade einmal eine Handvoll zusammenhängender Sätze. Unverständliches Gemurmel und träge, ungelenke Gesten sind augenscheinlich die einzige Kommunikationsbasis zwischen ihm und dem Zuschauer. Dennoch nimmt sein betäubtes Innenleben zunehmend schmerzlich Gestalt an und gestaltet sich zu einem intensiven Trip in die Seele eines Menschen der mit der Welt abgeschlossen hat und keine Bedeutung mehr in nichts sieht.
Seine Freunde und Bandkollegen die ihm in seiner Villa „Gesellschaft“ leisten nehmen seine Gegenwart ebenso wenig wahr wie er die ihre, man lebt aneinander vorbei. Es ist keine Abneigung, nur gelassene Akzeptanz auf beiden Seiten. Als Asia (Asia Argento) die Tür zum Wohnzimmer öffnet und ihr der mutmaßlich benebelte Blake entgegen fällt richtet sie ihn lediglich wieder auf und verschwindet, überlässt ihn sich selbst. Später bittet sein Freund Scott (Scott Patrick Green) ihn um Geld. Als er von Blake keine Reaktion erhält zieht er ihm ungehindert den Geldbeutel aus der Tasche. Im Hintergrund ist „Venus in Furs“ von Velvet Underground zu vernehmen- mit der bedeutungsschwangeren und treffenden Line „I am tired, I am weary / I could sleep for a thousand years / a thousand dreams that would awake me / different colours made of tears.“
Trotz der fatalen und morbiden Gleichgültigkeit seines Protagonisten ist „Last Days“ kein fatalistischer Film. Er versucht spürbar Verständnis für den gebrochenen Blake zu wecken, der am Ende seiner Lebens-Reise angelangt ist. Nicht jedoch auf extrovertiertem Weg, vielmehr ist es die präzise Auslotung seiner Mitmenschen und seiner materiellen Umgebung die wie Fremdkörper wirken. Als Zuschauer sind einem sowohl Menschen als auch Äußerlichkeiten ebenso wie Blake gleichgültig. Und „Last Days“ sucht gar nicht nach der Antwort auf die Frage des Zuschauers „Wie konnte es soweit kommen?“, er zeigt uns nur den Baum und zwingt uns, anhand des Falls seiner Blätter die Wurzeln selbst auszugraben. Trotzdem ist nicht die „Wurzel des Übels“ sein Ziel, vielmehr zeigt uns van Sant einen Menschen der nicht mehr leben kann. Einfach nicht kann. Nicht weil ihn ein explizit benennbarer äußerer Umstand dazu treibt. Es geht nicht mehr, es ist vorbei. Das Leben ist unerträglich geworden, nach dem Warum darf der Zuschauer selbst suchen, der Regisseur schweigt sich bewusst darüber aus und maßt sich nicht an, Wissen zu behaupten das er- genauso wenig all die selbsternannten Cobain-Experten, Fans, Kritiker und Psychologen besitzen dürfte. Seine formal brillante Kameraführung bemüht sich erfolgreich um eine strenge Objektivität. Vielleicht ist eine unerträglich langsame Kamerafahrt aus dem Fenster von Blakes Übungsraum heraus, die schließlich in einer Totalen endet, die subjektivste Einstellung die den Musiker symbolhaft gesehen in ein schwarzes Loch fallen lässt, ihn alleine lässt. „Last Days“ ist deswegen ein so ungemein faszinierendes Filmerlebnis da er weder Informationen vermitteln, noch unterhalten, schockieren oder eine Botschaft vermitteln will. Er bemüht sich darum, den Zuschauer zum unvoreingenommenen Beobachter der letzen Momente im Leben eines Menschen zu machen, der ganz friedlich, heimlich still und vor allem leise scheinbar seinen Frieden mit der Welt geschlossen hat und nun in resignierter Lethargie verweilt- und schließlich entpuppt sich diese Lethargie doch nur als Zuflucht vor dem Leben an sich das durch den Mangel einer Perspektive nicht zu bewältigen ist. Das Blake im Verlauf des Films seinen Weg zu ende geht und dieser im Tod endet wird dem Zuschauer bereits in den ersten zehn Minuten klar.
Langweilig? Vorhersehbar? Sinnlos? Depressiv und pessimistisch? Banal? Sicherlich nicht. Gus van Sant verlangt seinem Publikum viel, sehr viel ab. Geduld ebenso wie die Bereitschaft, seinen Film intensiv zu reflektieren und sich auf seine Erzählweise einzulassen, die den Zuschauer zwangsläufig in die gleiche Trance versetzen wird die auch den Protagonisten Blake ausfüllt. Ein Kritiker schrieb, „Last days“ sei kein einfacher Film und habe deswegen so lange gebraucht, in die deutschen Kinos zu gelangen. Er würde aber auf merkwürdige Weise seinen Zugang zum Publikum finden. Wie groß sich jener Kritiker dieses Publikum wohl vorstellt? „Last days“ ist ein Film den man zum einen wirken lassen muss, zum anderen aber auch einer sorgfältigen Analyse unterziehen muss um die Intention seiner filmischen Sprache zu erfassen. Vielleicht ist es sogar von Vorteil das System seiner filmischen Mittel zu verstehen. Ich habe „Last days“ als einen der herausragendsten, intensivsten und handwerklich erstaunlichsten amerikanischen Filme seit Jahren empfunden. Wer von Langeweile oder Feigheit des Regisseurs vor expliziter Stellungnahme spricht kann diesen faszinierenden Seelentrip unmöglich verstanden haben. Als Künstler beweist van Sant mit „Last days“ wahre Größe. Als Filmschaffender hat er sich damit aber wohl das Grab seiner eigenen Freiheit geschaufelt. Ich wünschte, ein Film wie dieser würde auch nur ein Quäntchen mehr Anerkennung erhalten. Doch das kann man wohl nicht mehr erwarten.
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