Dass ein Film aus dem Jahre 1919, der den Titel UNHEIMLICHE GESCHICHTEN trägt, seinen Zuschauern selbst im neuen Jahrtausend noch das Fürchten lehrt, ist zwar nicht ausgeschlossen, jedoch nicht unbedingt die Regel. Dieser Episodenfilm von Richard Oswald bildet da keine Ausnahme. Wenn man UNHEIMLICHE GESCHICHTEN allerdings als Produkt seiner Zeit betrachtet und als einer der ersten Filme, die man heutzutage mit dem Label Horror belegen würde, wobei er wohl einer der ersten ist, die mehrere kürze Geschichten durch eine Rahmenhandlung miteinander verknüpfen, liefert einem das Werk zwei ziemlich unterhaltsame und kurzweilige zwei Stunden.
Insgesamt fünf Episoden sind es, die UNHEIMLICHE GESCHICHTEN präsentiert, die meisten von namhaften Genreautoren inspiriert. Zunächst jedoch setzt die Rahmenhandlung ein, die dem Zuschauer die drei Schauspieler vorstellt, die in allen kommenden Episoden die Hauptrollen verkörpern werden. Conrad Veidt ist darunter wohl der bekannteste und gibt, bis auf eine Ausnahme, stets den Held der Geschichten, derjenige, der unverschuldet in das Grauen hineingerät und sich irgendwie gegen es zur Wehr setzen muss, die Identifikationsfigur des Publikums. Reinhold Schünzel ist, mit Ausnahmen von zwei Episoden, der Antagonist, entweder wahnsinnig, trunksüchtig oder ein Mörder. Anita Berber schlussendlich darf meist die damsel in mistress darstellen, das holde Weib, das von einem oder im besten Fall mehreren Männern gleichzeitig begehrt wird. Die Rahmenhandlung ist im Antiquariat eines schrulligen alten Mannes angesiedelt. Jede Nacht, wenn der das Licht löscht, erwachen drei Gemälde zum Leben und vertreiben sich die Zeit damit, in den unzähligen Büchern zu stöbern. Da sind der Teufel (Reinhold Schünzel), der Tod (Conrad Veidt) und die Dirne (Anita Berber), die sich aus den herumliegenden Bänden die herauspicken, in denen die folgenden fünf Geschichten zu lesen sind.
Es beginnt mit DIE ERSCHEINUNG, in der Conrad Veidt Anita Berber zu Beginn das Leben rettet. Reinhold Schünzel als ihr geisterkranker Ehemann versuchte sie ein weiteres Mal, diesmal in einem öffentlichen Park, zu ermorden. Veidt nimmt die aufgebrachte Frau mit sich und fährt mit ihr in eine fremde Stadt. Schnell verliebt er sich in sie und will dafür sorgen, dass sie in Zukunft von den Nachstellungen ihres irren Gatten sicher ist. Erstmal bringt er sie in einem Hotel unter und, züchtig wie er oder die Moralvorstellungen des Jahres 1919 sind, nimmt ein Zimmer, das nicht mal in der Nähe des ihren liegt, sondern ein Stockwerk darüber. Nachdem sie sich zur Ruhe gelegt hat, um sich von dem stürmischen Tag zu erholen, nutzt ihr Retter die Gunst der Stunde und trifft sich mit ein paar alten Freunden. Es geht lustig zu und der Alkohol fließt in Strömen. Recht betrunken schleppt er sich nachts ins Hotel zurück und beflügelt von dem vielen Wein entscheidet er sich, der Frau einen Besuch abzustatten. Ihr Zimmer allerdings ist vollkommen verwüstet, von ihr selbst keine Spur. Veidt hat eine Erscheinung ihres wahnsinnigen Ehemanns und flüchtet sich in sein eigenes Zimmer. Erst bei Sonnenaufgang fasst er sich ein Herz und verlässt es, um sich davon zu überzeugen, dass ihn seine Trunkenheit nicht in ein falsches Zimmer führte oder er sich das alles nur einbildete. Doch nun wohnt niemand mehr in dem Raum, in dem er die Frau am Tag zuvor unterbrachte. Und keiner der Hotelangestellten kann ihm bestätigen, dass er in weiblicher Begleitung gekommen sei, jeder überzeugt ihn davon, er sei allein im Hotel eingetroffen. Veidt beginnt allmählich an seinem Verstand zu zweifeln…
DIE ERSCHEINUNG trägt einen etwas irreführenden Titel, denn um eine Erscheinung geht es hier, wie die Inhaltsangabe zeigt, nicht wirklich. Nichtsdestotrotz ist diese Episode eine der besten des Films, da mag die finale Auflösung des Rätsels um die verschwundene Dame noch so wirr daherkommen, immerhin ist sie regelrecht innovativ. Reinhold Schünzel gibt eine Vorstellung als Wahnsinniger, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Natürlich herrschte 1919 ein anderes Verständnis von Filmschauspiel als heute und sämtliche Akteure agieren etwas bis sehr überzogen, doch Schünzels Over-The-Top-Performance stellt vieles in den Schatten, was ich schon in Filmen aus jener Zeit zu Gesicht kriegte. Auch wenn es der paranoiden, beklemmenden Stimmung, die die Episode hervorrufen will, etwas zuwiderläuft, hat mich sein Schauspiel, das schon fast als Parodie durchgehen könnte, nicht wenig amüsiert, und der Spannung, die die Episode auch heute noch versprüht, nicht wirklich einen Abbruch getan.
In DIE HAND sind Conrad Veidt und Reinhold Schünzel zwei Herren, die die gleiche Frau begehren (um wen es sich dabei handelt, kann man sich denken). Auf die glorreiche Idee, dass man doch darum würfeln könne, wer von ihnen sie bekommen solle (Anita Berber wird natürlich nicht vorher gefragt), folgt ein Mord, den Schünzel begeht, da er sich nicht damit abfinden kann, dass Veidt souverän die höchste Würfelzahl erzielt. Er erdrosselt ihn und lässt ihn auf einem Sofa liegen, wobei an seiner Leiche vor allem die in Agonie zu einer Kralle verkrampfte rechte Hand auffällt, die sich sterbend nach seinem Mörder streckt. Schünzel flieht und Berber findet den Verscheidenden, der ihr nicht mehr mitteilen kann, wer ihn ermordet hat. Jahre später treffen Schünzel und Berber sich zufällig wieder. Sie findet ihn wohl nach wie vor anziehend und handelt ein Date mit ihm aus, während in Schünzel die Begegnung mit ihr alle alten Erinnerungen und Schuldgefühle wieder wachrufen. Dass ihre Verabredung in einer Seánce gipfelt, in der die Toten beschworen werden sollen und der Geist von Veidt nicht lange auf sich warten lässt, macht die Sache nicht unbedingt besser…
DIE HAND ist, meiner Meinung nach, die schlechteste Episode des Films. Zu behaupten, dass die Geschichte nicht wirklich innovativ sei, ist wohl mehr als untertrieben. In DIE HAND geschieht nicht das Geringste, was mich in irgendeiner Weise überrascht hätte. Die Episode kann jedoch mit ein paar komischen Szenen bei der Seánce glänzen, wenn Schünzel sich immer seltsamer benimmt, und einer interessanten, wenn auch viel zu kurzen Tanzszene Anita Berbers (bei dir mir vor allem ihr Kleid gefallen hat).
Anders sieht es bei DIE SCHWARZE KATZE aus, eine Adaption der berühmten Kurzgeschichte von Poe, und dabei eine der werktreusten, die ich kenne, denn die Originalgeschichte wurde hier, mit einigen winzigen Änderungen, nahezu identisch übernommen. Schünzel ist ein Trunkenbold, der seine Frau alles andere als gut behandelt. Eines Tages lernt er in einer Kneipe Veidt kennen, nimmt ihn mit sich nach Hause und muss erschreckt feststellen, dass der sofort beginnt, sich an seine Frau heranzumachen, was diese auch noch erwidert. Voller Alkohol und Wut wirft er erst Veidt heraus und tötet dann seine Frau im Affekt. Veidt indes, der die Frau tatsächlich zu lieben scheint, kommen Gerüchte zu Ohr, dass Schünzel sich seiner Gattin entledigt habe, und stellt Nachforschungen an, ruft schließlich die Polizei auf den Plan, die das gesamte Haus durchkämmt, ohne etwas zu finden. Erst im Keller werden die Beamten auf ein klägliches Maunzen hinter einer Mauer aufmerksam…
Auch DIE SCHWARZE KATZE ist alles andere als schlecht. In dem minimalistischen Stil, der den gesamten Film durchzieht, hat man es tatsächlich geschafft, Poes short story einigermaßen gerecht zu werden, auch wenn das Ergebnis natürlich zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise mit der Vorlage mithalten kann. Spannend ist das Ganze dennoch und besonders amüsiert hat mich wie schnell Veidt und Berber sich ineinander verlieben. Bei einem Episodenfilm bleibt eben keine Zeit, um Gefühle sich lang und breit entfalten zu lassen, und so sitzen sie schon beisammen und halten Händchen, während Schünzel direkt hinter ihnen steht und einen Humpen nach dem andern leert.
DER SELBSTMÖRDERKLUB basiert auf einer mir unbekannten Kurzgeschichte von Robert Louis Stevenson und bedeutet einen Bruch in der bisherigen Rollenverteilung. Diesmal ist Schünzel und nicht Veidt der Held, und Berber tritt so gut wie gar nicht in Erscheinung. Veidt leidet einen geheimnisvollen Club, in den Schünzel gerne aufgenommen werden würde. Jenen Club, so wird ihm erklärt, verlasse niemand lebend und die regelmäßigen Treffen bestehen offenbar einzig daraus, dass die adrett gekleideten Herren beisammen sitzen und Karten ziehen. Derjenige, der das Pik-Aß empfängt, soll noch in derselben Nacht sterben. Damit kein Clubmitglied fliehen kann, stehen zwei wachsame exotische Hünen in den Ecken des Saals. Natürlich zieht Schünzel die schreckliche Karte und wird sodann von Veidt in dem Saal eingeschlossen. Punk Mitternacht soll er sein Leben aushauchen. Bis dahin bleiben ihm noch zwanzig Minuten…
Neben einer gelungenen Pointe und einigen wirklich spannenden Szenen, in denen Schünzel verzweifelt versucht, aus dem Saal zu entwischen, bevor es Glock zwölf schlägt, ist diese Episode keine, die sich durch besondere Logik hervortut. Fragen wie die, was denn dieser Club nun genau soll und wieso man ihm beitreten sollte, wenn man dadurch nur, falls man Pech hat, seinen eigenen Tod hervorruft, werden nicht beantwortet und alles wirkt, übrigens wie auch vieles in den restlichen Episoden, mehr als konstruiert und zurechtbogen, doch in gewisser Weise funktioniert es dann doch und über Albernheiten wie einen Knopf, mit dessen Drücken man angeblich jemanden auf einem Stuhl fesseln kann, lässt sich leicht hinwegsehen, wenn das Ergebnis derart kurzweilig geraten ist.
Die letzte Episode schließlich wurde von Richard Oswald selbst verfasst, nennt sich schlicht SPUK und ist von der komischen Sorte. In gereimten Zwischentiteln (die manchmal das Versmaß außer Acht lassen) erfahren wir, dass irgendwann zu Barockzeiten eine adlige Dame sich einsam und verlassen auf dem Schloss ihres Gatten fühlt, der so gut wie nie Zeit für sie hat. Deshalb begrüßt sie es ungemein, dass ein zweiter Edelmann, der in der Nähe des Schlosses einen Unfall erlitt, zur Erholung bei ihnen unterkommt. Während ihr Gatte sich in seiner Bibliothek vergräbt, hat sie lange Gespräche mit dem Fremden, der ihr die männlichsten Berichte seiner Erlebnisse in Kriegen für Volk und Vaterland liefert, und sie dadurch schnell für sich gewinnt. Eines Abends verlässt ihr Ehemann das Schloss und der Edelmann sieht seine Chance gekommen, sich der ihm zugeneigten Dame endgültig anzunähern. Doch plötzlich geschehen merkwürdige Dinge. Kronleuchter surren von der Decke. Bilder schweben umher. Ein Spuk beginnt, der den Edelmann aus Feigling entlarvt, natürlich inszeniert von Veidt, der sich damit die Liebe und die Bewunderung seiner sich kurzzeitig auf Abwegen befindenden Herzensdame zurückgewinnt, während sich Schünzel schlotternd unter der Tischdecke versteckt.
SPUK entlässt mit einem nostalgischen Grinsen aus einem spaßigen Episodenfilm, der gerade wegen seiner Naivität überzeugt. Wo andere Filme der 1910er Jahre heute nur noch aus historischer Sicht interessant sind, hat UNHEIMLICHE GESCHICHTEN mich prächtig unterhalten. Trotzdem wundert es mich nicht, dass er nie in einem Atemzug mit anderen Genreklassikern aus Deutschland wie DAS CABINET DES DR. CALIGARI, DER GOLEM WIE ER IN DIE WELT KAM oder gar NOSFERATU genannt wird. Zum Klassiker fehlt ihm einiges, doch zu einer netten Unterhaltung für Freunde des frühen Kinos hat er alles, was er braucht.