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Ghettogangz - Die Hölle vor Paris (2004)

Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 18.09.2005, seitdem 4192 Mal gelesen


Na da scheint Frankreichs Erfolgsproduzent Luc Besson ja eine neue, sprudelnde Kreativquelle entdeckt zu haben. Nachdem er sich die Rechte am überschätzten Thaiactioner „Ong-Bak“ zur weltweiten Vermarktung sicherte und für das westliche Publikum zurechtstutzte, scheint er selber mal etwas in der Richtung vom Stapel lassen zu wollen. In gewohnter Funktion (Produzent + Drehbuchautor) liefert er mit „Banlieue 13“ einen respektablen Actionstreifen voller akrobatischer Einlagen, Kloppereien und Shootouts ab.

Einmal mehr gibt Besson auch hier einem Debütanten die Chance auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Niemand anderes als Kameramann Pierre Morel („The Transporter“, „Danny The Dog“) darf sich hier in diesem mit 77 Minuten (netto) relativ kurz gehaltenem Film als Regisseur beweisen und besteht die Reifeprüfung.

Dabei hat das Drehbuch, das Besson zusammen mit Bibi Naceri (Bruder von „Taxi“ – Fahrer Samy Naceri) verfasste, wohl eher die Qualitäten eines B-Movies, zumal beide sich einige Ideen von diversen Klassikern ausliehen. Doch relativ schwache Skripte ist man ja längst von ihm gewohnt, wenn man die jüngere Schaffensphase des ehemaligen Spitzenregisseurs etwas genauer unter die Lupe nimmt...
Im Paris des Jahres 2013 wird die Polizei im 13. Bezirk einfach nicht mehr Herr der Lage. Kriminalität und Gewalt dominieren, weswegen die Cops abziehen und man seitens der Regierung das Gebiet einfach abriegelt, so dass dort endgültig die Anarchie ausbricht. Dumm nur, dass Gangster von dort eine bald tickende Neutronenbombe aus einem Transporter stehlen und zunächst unwissend in ihr Gebiet bringen. Es ist an Damien (Cyril Raffaelli, „Kiss of the Dragon“), einem erstklassigen und diensteifrigen Cop, sowie Leïto (David Belle), einem seine Strafe im Gefängnis absitzenden Straßenkämpfer, die Bombe zu entschärfen und damit eine Katastrophe zu verhindern.

Morel hält sich gar nicht lange an einer Einleitung auf, sondern geht gleich in die Vollen. Eine Texttafel reicht ihm als erläuternde Einführung aus. Ab geht es in die Sperrzone und zwar mit einer rasanten Kamerafahrt, die im Schnelldurchlauf alles Wissenswerte dieses Gebiets in flotten Bildern zusammenfasst.
Sogleich muss Leïto, der als einer der letzten ehrbaren Bürger im 13. Bezirk gegen den Drogenhandel sperrt, flüchten was das Zeug geht, denn die Häscher des Gangsterbosses Taha (Bibi Naceri selbst) wollen ihn in die Finger bekommen, weil er einen ganzen Koffer voller Drogen vernichtet hat.
Die Optik ist exquisit edel und von Farbfiltern ins rechte Licht gerückt. Dazu ertönt meist ein bassreicher, wummernder Score. Selbst die gar nicht konfuse Schnitttechnik und in ausreichendem Maß vorhandenem Stilmittel (Fastmotion) versauen das Gesamtbild nicht. Man hat es hier tatsächlich mit einem stylisch inszenierten, fetzigen Actionfilm made in France zu tun, der (und dafür bin ich so was von unendlich dankbar) ausnahmsweise (muss man inzwischen leider schon sagen) nicht unter einer hektischen Kamera leidet.

Freilich verfügt der Plot nicht über sonderliche Qualitäten, auch wenn der Schlusstwist relativ überraschend kommt, aber darauf kommt es genauso wenig, wie auf die maximal durchschnittlichen schauspielerischen Leistungen an. Action ist das Zauberwort, denn davon gibt es einiges Sehenswertes.
Neben dem akrobatischen David Belle, der sich halsbrecherisch aus Fenstern stürzt, an Seilen herumbaumelt, über Dächer und Straßenschluchten springt, oder einfach die Gegner verdrischt, macht Cyril Raffaelli, eher mit klassischem Martial Arts glänzend und gleich in seinen ersten Minuten im Alleingang ein ganzes Syndikat ausschaltend, eine sehr gute Figur. Es gibt ergänzend dazu auch blutig endendes und Umgebung zerlegendes Gunplay diverser Kaliber (MP, MG, Pistolen, Pumpguns), halsbrecherische Klettereinlagen (u.a. an fahrenden Autos) oder zu durchlöchertem Blechschaden verarbeitete Fahrzeuge (grundsätzlich aufgemotzt und verspoilert), aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den zahlreichen, ausgiebigen und überraschend gut choreographierten Fights, bei denen zwar nicht im Takt die Knochen brechen, aber schon einige Verlierer aus dem 4. Stock gen Erde (bzw. Autodach) segeln, Treppenhäuser runterstürzen, gegen Geländer knallen oder unliebsame Bekanntschaften mit Tischkanten machen.
Soweit ist man von Klassenprimus Hongkong in Frankreich jetzt scheinbar wohl auch nicht mehr entfernt, denn die Kämpfe verlaufen bodenständiger, weil sie nicht auf Unmögliches machbares Wirework, sondern ganz auf die beeindruckende Akrobatik der Darsteller setzen.

Wenn auch dank der geringen schauspielerischen Fähigkeiten eher unterentwickelt, soll das Salz in der Suppe die unterentwickelte Buddyduokomponente sein. Cop Damien versucht Leïto nämlich ihn mit einem Trick zur Mitarbeit zu bewegen, indem er sich als Gefangener ausgibt, der ihm zur Flucht verhilft. Doch Leïto durchschaut dessen Strategie, weswegen die beiden sich erst später zusammenraufen. Denn ihre Ziele überschneiden sich zufällig, da Taha auch Leïtos Schwester gefangen hält. Eine Spur Zynismus und ein paar Wortgefechte sind jedoch schon das Äußerste, was die beiden sich an Säuerlichkeiten an den Kopf werfen dürfen.

Da „Banlieue 13“ eigentlich ein B-Movie in A-Gewand darstellt, sollten sich vor allem die Genreliebhaber eingeladen fühlen. Insbesondere der 13. Bezirk mit seinen ausgebrannten Autowracks, den zugemüllten Straßen und der deutlich einsetzenden Verrottung der Gebäude sorgt zwar nicht für pure Endzeitstimmung, wohl aber vor dem Hintergrund anarchistischer Ordnungen für einen passenden Schauplatz.


Fazit:
Mit „Banlieue 13“ liefert Pierre Morel gleich mit seinem Debüt einen äußerst stylischen, etwas überinszenierten, kurzweiligen Martial-Arts-Actioner ab, der aber ergänzend dazu selbstverständlich auch Shootouts und Blechschaden mitliefert und über einen fetzigen Score verfügt. Das Drehbuch von Besson und Naceri war wie erwartet dünn (Gut, der Schlusstwist... Aber so dolle ist der auch nicht..) und die Darsteller nun auch keine Offenbarung, weswegen der Genrefan aber keinen Aufhebens machen sollte. Dafür gibt es eben in gut choreographierten Fights einiges auf die Moppen. Das zerfallende Anarcho-Ambiente stimmt auch, das Schwesterherz ist ganz schnuckelig und das Duo ganz sympathisch. Sicherlich eine europäische Alternative zum Thaikracher „Born to Fight“, auch wenn der noch mehr auf spektakuläre Nonstop-Action setzte.


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