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Brokeback Mountain (2005)
Eine Kritik von scarlettfan123 (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 18.03.2006, seitdem 513 Mal gelesen
--== einige Spoiler enthalten ==--
Kann einen als heterosexueller Mann eine schwule Liebesgeschichte wie BROKEBACK MOUNTAIN emotional erreichen? Sie kann. Das liegt wohl an dem Umstand, dass Regisseur Ang Lee seine beiden Protagonisten in erster Linie als Menschen begreift, und erst in zweiter Linie als Homosexuelle. Er zeigt zwei menschliche Wesen, die halt Schwule sind - und nicht, wie manch anderer Film, umgekehrt. Vor allem gesteht Ang Lee seinen Protagonisten viel Raum zu, damit diese ein möglichst komplexes und differenziertes Bild ihrer selbst kommunizieren können. In seiner Funktion als Regisseur nimmt Lee hier die zurückhaltende Rolle eines stillen Beobachters ein. Er vertraut gänzlich auf das Können seiner beiden Hauptdarsteller Heath Ledger und Jake Gyllenhaal. Die komplette erste halbe Stunde des Films verwendet er darauf, uns die beiden Protagonisten Ennis und Jack näher zu bringen, so dass wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen können und sie nicht bloß als Figuren in einem Film, sondern als Menschen begreifen. Handlungstechnisch passiert in dieser ersten halben Stunde nicht viel. Miteinander sprechen tun die beiden Männer, die sich vorher nicht kannten und nun einen gemeinsamen 24/7-Job als Schafshüter auf dem abgelegenen Brokeback Mountain ausüben, auch nicht. Das, was hier kommuniziert wird, geschieht oftmals zwischen den Worten - mit Mimik, Gestik, Blicken. Es scheint so, als würde Ang Lee die Beiden dort draußen in der Wildnis beobachten. Dabei scheut er vor ausgedehnten Einstellungen und dem Zeigen von ganz profanen Dingen nicht zurück. Der Zuschauer soll sich selbst ein Bild von diesen beiden Männern machen - ein Bild, das wenig gekünstelt wirkt. Der Film verzichtet beim Zeigen ihrer Annäherung auf jeglichen Kitsch und Pathos (sei es musikalisch, bilddramaturgisch oder auch in der Art der Dialoge) . Emotionen sollen nicht durch die üblichen plakativen filmischen Hilfsmittel künstlich beim Zuschauer generiert werden, sondern sich auf andere Weise ergeben. Lediglich mit richtig toll eingefangenen und sehr lakonisch wirkenden Bildern der wilden unberührten Landschaft unterstreicht Lee das langsame Zueinanderfinden der beiden Schafshüter. Mag ja sein, dass dies manchen Zuschauern zu subtil ist (warum sonst sind Rufe a la „In dem Film passiert ja nichts!“ immer wieder zu vernehmen?).
Das zentrale Thema von BROKEBACK MOUNTAIN ist recht klassisch: Die aufrichtige Liebe, die auf tragische Weise scheitern muss, weil äußere Umstände (Zeit, Ort, menschliche Umwelt) ihr im Weg stehen. Auf der Welt ist einfach kein Platz für sie. Und so gehen Ennis und Jake nach ihren gemeinsamen Monaten auf der abgeschiedenen Alm getrennter Wege. Jake geht nach Texas, wo er eine wohlsituierte junge Frau (toll: Anne Hathaway) heiratet. Auch Ennis heiratet, zeugt mit seiner bodenständigen Ehefrau (ausdrucksstark: Michelle Williams) sogar Kinder. Die Gedanken und das Herz der beiden Männer sind jedoch nach wie vor beim jeweils anderen. Und so treffen sie sich mehrmals im Jahr und fahren gemeinsam an den Ort, wo alles begann: Brokeback Mountain (zum Fischen und Jagen, wie sie ihren betrogenen Ehefrauen erzählen). Die Jahre gehen ins Land und Ennis und Jakes Beziehung kommt über eine heimliche Ferienaffäre nicht hinaus. Besonders Jake leidet unter diesem Umstand. Er ist gewillt, das gesellschaftliche Tabu zu brechen und sich offen zu Ennis zu bekennen und mit ihm ein gemeinsames Leben aufbauen. Ennis jedoch hat zu große Angst vor den gesellschaftlichen Konsequenzen, weshalb er weiterhin ein Doppelleben führen will. Damit ist er aber nicht wirklich glücklich und droht sogar innerlich daran zu zerbrechen. Seine Ehe und alles andere, das er anpackt, geht in die Brüche. Und natürlich würde er liebend gerne mit Jake zusammen sein, aber er traut sich nicht und markiert lieber den Coolen. Erst als Jake (unter mysteriösen Umständen) stirbt und Ennis eine große innere Leere verspürt, realisiert er, dass er sein Leben verschwendet und eine Lüge gelebt hat, anstatt das zu ergreifen, was ihm wirklich am Herzen lag. Nun ist es aber zu spät und Ennis bleibt alleine als gebrochener Mensch zurück.
Das besondere ist, dass Ang Lee Jakes Tod gänzlich Off-Screen von Statten gehen und völlig unverhofft eintreten lässt. In der einen Szene sind die beiden Männer noch gemeinsam bei einem ihrer Ausflüge nach Brokeback Mountain zu sehen, fünf Minuten später bekommt Ennis in seinem bescheidenen Zuhause eine Postkarte an Jake zurück, die mit der fetten Aufschrift DECEASED seitens der Post an ihn zurückgestellt wird. Jakes Tod trifft sowohl ihn als auch den Zuschauer völlig unerwartet und ohne eine Möglichkeit des Abschieds. Dies ist wichtig, damit Ang Lee Ennis‘ plötzliche innere Leere für den Zuschauer greifbar kommunizieren kann. Auch die Tatsache, dass die beiden Männer jahrelang ihre Zeit verschwendet haben, anstatt dauerhaft zusammenzukommen, wirkt auf diese Weise umso deutlicher. BROKEBACK MOUNTAIN ist ein Film der subtilen Emotionen. Er verzichtet auf schwülstige Melodramatik und jegliche Form der billigen Sentimentalitäten. Das hat er plakativen und Pathos-getränkten Filmen wie CRASH (die ja deshalb so dick auftragen müssen, weil ihre zweidimensional gezeichneten Schubladen-Protagonisten den Zuschauer auf andere Weise ja gar nicht emotional erreichen könnten) weit voraus.
BROKEBACK MOUNTAIN ist ein zurückhaltender Film, der vor allem dadurch funktioniert, dass man ihn als Abbild einer Realität begreifen kann. Die lakonische Bildersprache, das angemessen langsame Erzähltempo sowie die durchgehend sehr guten und ohne Anflüge von Overacting natürlich agierenden Darsteller tragen ebenso dazu bei wie die gute Geschichte, die hier erzählt wird. Es ist zwar primär eine Geschichte über Schwule und Schwulsein, ganz klar, aber es ist auch und gerade eine universelle Geschichte; eine Geschichte von der aufrichtigen Liebe, die aufgrund äußerer Faktoren scheitern muss. Eine Thematik also, in die sich jeder hineinfühlen müsste - egal ob schwul oder hete. Und deshalb funktioniert BROKEBACK MOUNTAIN.
Von den für den Bester FIlm-Oscar nominierten Werken besitzt BROKEBACK MOUNTAIN die höchste filmische und erzählerische Qualität. Das wissen auch die Mitglieder der Academy, und wenn sie nicht so feige wären und vor dem Fällen ihrer Entscheidung nicht panisch zum Bible Belt rübergeschielt hätten, dann hätten sie BROKEBACK MOUNTAIN auch den wohlverdienten Oscar gegeben.
9/10 Punkten.
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