Partner von sozene

Ansicht eines Reviews

Brokeback Mountain (2005)

Eine Kritik von Mr. Vincent Vega (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 25.08.2006, seitdem 1065 Mal gelesen


Regisseur Ang Lee („Der Eissturm“) beherrscht gegenwärtig wie kein zweiter das Gespür für die leisen Geschichten über Menschen im Kontext ihrer Natur, ihrer Religion oder ihrer Kultur. Seine Regie ist dabei immer zurückhaltend, bedächtig beinahe, und die Wirkung des mit feinen Nuancen inszenierten Dramas dabei umso kraftvoller. „Brokeback Mountain“ ist eine Liebesgeschichte in ihrer pursten Form, aber es ist ebenso ein Film über das Land, in dem er spielt, über die Gesellschaft, von der er erzählt und über das Unaussprechliche zwischen den Menschen, dem Verlangen und Begehren, der Unterdrückung und Selbstverleumdung – in einem Kampf gegen die eigene Natur.

Die Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte von E. Annie Proulx, an der ursprünglich auch Joel Schumacher („Cousins“) und Gus Van Sant („My Own Private Idaho“) Interesse bekundeten, nimmt sich viel Zeit, um ihre Geschichte von zwei Cowboys zu erzählen, die zunehmend mehr als eine reine Männerfreundschaft verbindet. In elegischen und sensiblen Bildern, mit erdrückend schönen und doch unschuldig weiten Landschaftsaufnahmen, in unaufdringlichen Einstellungen und mit distanziertem Fokus entwickelt sich diese Beziehung. Lee inszeniert konzentriert, engt den Zuschauer jedoch zu keinem Zeitpunkt ein, er lässt seinen Figuren und damit den Schauspielern viel Raum zur Entfaltung und dokumentiert eine Geschichte, die schwermütig, aber nie einer Forcierung unterworfen ist.

Der Film ist dabei so erdrückend selbstsicher in seiner Machart, dass er einen starken Kontrast zur Selbstzerstörung seiner Figuren schafft. Rodrigo Prietos Bilder einer Natur mit ihren Bergen, Seen und weiten Wiesen sind so wunderschön, um sich entfalten zu wollen, so unbefleckt, um sich frei zu machen, und doch gleichzeitig so unwirklich und machtlos, um sich aus der inneren Beengtheit zu befreien. Die Gegensätzlichkeit betont auch Gustavo Santaolalla („Amores Perros“) mit seiner minimalistischen Musik, deren zarte Gitarrenklänge mal leicht und unsicher, mal bedrückend fatalistisch dahinschwelgen, um ein Bild zu formen von der Natur des Menschen, der er selbst den Kampf erklärt.

„Brokeback Mountain“ ist auch ein echter Western, nicht nur eine Neo-Form, eine einfache Genrebelebung, er ist mit seiner schonungslosen Ehrlichkeit ein Spiegel gegenüber uramerikanischer Kinomentalität, debiler Verklärtheit und Jahrzehnte alten Archetypen des männlichsten aller Filmgenres. Er konfrontiert den Western mit seiner größten Schwäche – er löst den Subtext aus seiner eher durch Unterdrückung, denn künstlerischer Zurückhaltung verankerten Bedeutung heraus. Der Cowboy ist sexuell, und er ist manchmal vielleicht auch einfach schwul. Ein Mythos schwindet.

Natürlich erzählt Lee eine Geschichte über Liebe, über universelle, tief empfundene Gefühle. Jack Twist und Ennis del Mar sind dennoch nicht einfach nur homosexuell, so allgemeingültig die Thesen über Verdrängung und gesellschaftlich erzwungene Unmöglichkeiten dabei auch sein mögen. Denn auf den Appell an Toleranz und Gleichberechtigung verzichtet Lee, mit etwaigen Überformulierungen hält er sich nicht auf. So schlicht ist „Brokeback Mountain“, so unaufgeregt, dass der Zuschauer keinen mahnenden Zeigefinger zu befürchten hat.

Die Intensität, die Anspannung zwischen seinen Figuren, die der Regisseur leise evoziert, entlädt sich auch am Schluss nicht, zu wenig setzt er auf strukturelle Elemente. Niemand, schon gar nicht Heath Ledger („Monster’s Ball“) oder Jake Gyllenhaal („Moonlight Mile“), Michelle Williams („Land of Plenty“) oder Anne Hathaway („Nicholas Nickleby“), muss sich hier einer konventionell inszenierten Genregeschichte unterordnen, einem säuberlich separiertem Aufbau. Denn konstruierte Höhepunkte wären der Tragik des Films kaum gewachsen. Wenn die Sehnsucht in den Augen von Ennis del Mar so spürbar ist, dass es jeden Willen zu zerreißen droht, entlässt die Geschichte den Zuschauer. „He was a friend of mine“ ertönt es dann im Abspann. So schmerzlich kann Kino sein.


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von Mr. Vincent Vega

Zurück





Copyright © 1999-2010 KI Media GbR
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build · mobile enabled by WebSizer



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

1.259 Besucher online



Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Scarce - Ein gnadenloser Winteralbtraum (2008)
Splinter (2008)
Isle of the Damned (2008)
Summer Wars (2009)
Leben und Sterben in L.A. (1985)




News


02.03. - 11:58
Die Gewinner der "VIP-Tickets" für "Engel mit schmutzigen Flügeln" stehen fest

18.02. - 14:58
Großes Gewinnspiel zum Kinostart von "Engel mit schmutzigen Flügeln"

14.09. - 16:29
Innovativ, unabhängig und unberechenbar - das größte deutsche Indie-Festival geht in die 16. Runde

17.08. - 16:43
OFDb führt Online-Tiefpreisgarantie ein

17.07. - 17:13
Sozioland präsentiert eine Umfrage zum neuen "Harry Potter"-Film


weitere News...