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Im Körper des Feindes (1997)

Eine Kritik von daronmuyen (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 29.06.2010, seitdem 191 Mal gelesen


"Bin das ich....oder...ich?"
Der Satz, der aus Archers Mund kommt, als er sich mit dem Gesicht Castor Troys im Spiegel betrachtet, wirkt wie ein persönliches Statement John Woos, der in Amerika mit zwei mehr oder minder gut gelaufenen Filmen (Hard Target, Operation: Broken Arrow) für etwas Furore gesorgt hatte und nun, zwischen Studiobossen sitzend und mit Managern und Drehbuchautoren verhandelnd um Filme und Ideen kämpfen musste.
Da kam ihm das Skript zum Thema Körper-, bzw Gesichtertausch gerade recht. Ein futuristisch angehauchter Actionstreifen mit reichlich philosophischem Unter- oder auch Überbau, wo Woo alles ausspielen konnte, worin bis dato seine Stärken gelegen hatten: Handfeste, ohne den üblichen Computerschnickschnack ablaufende Action, Pathos, Gefühle, die Rettung der eigenen Familie, die Unschuld der Kinder, weiße Tauben,  sakrale Symbole, Metaphern, Verlust, Rache, Loyalität und die Reinigung der eigenen Seele, die Wiederherstellung des Zustandes vor der Katastrophe, die Läuterung.
Das alles fängt John Woo in elegischen Bildern ein, schafft dynamische, oft in Zeitlupe gedrehte Choreografien von berauschender Schönheit, bietet ein Arsenal an Waffen, Geräten, Booten und Flugzeugen auf, das seinesgleichen sucht, schickt seine Helden durch die eigene, ganz persönliche Hölle - das gilt für den Bösen wie für den Guten - schafft zudem Freiraum für stille, nachdenkliche Momente, lässt sich ungewohnt Zeit, gerade wenn es um die unterschiedlichen Beziehungen zu den Frauen der beiden Protagonisten geht und schafft es mit Hilfe seiner perfekt ausgewählten Darsteller die Messlatte für schauspielerisches Niveau in einem Actionfilm neu zu definieren.
Selten zuvor waren Travolta und Nic Cage besser als in Face Off (mal abgesehen von Nicolas Cages Tour de Force "Leaving Las Vegas" und Travoltas Comeback in "Pulp Fiction"!), die ganz offensichtlich Vergnügen daran gefunden hatten, den anderen zu mimen und in dessen jeweilige Identität zu schlüpfen.
Für jede noch so abstruse Situation findet Woo die passenden Bilder, eröffnet seine Filmoper mit einer monumentalen Overtüre, stimmig und kongenial unterlegt von John Powells Score, der jede kleinste Gefühlsregung musikalisch zu deuten weiß. So wirkt der Beginn, wo Troy Archers Sohn (aus Versehen) erschießt vor allem durch die Filmmusik (die schmählicherweise nicht mit einem Oscar bedacht wurde!). Ein Kinderlied in moll, das sich dann auch durch den ganzen Film zieht, bis hin zum in Dur erstrahlenden Schluß, wo man beinahe das Gefühl hat, der Himmel ginge auf, dazwischen Soundfluten, teilweise mit Heavy Metal-Versatzstücken, dann wieder der bereits zum guten Ton gewordene Hans Zimmer-Bombast bei diversen Flucht- oder Verfolgungssequenzen, die stillen Momente dagegen nur kammermusikalisch unterlegt. Das ganze kombiniert Powell zudem mit klassischen Werken, die er perfekt in seinen eigenen Score einfügt. Vor allem das Meisterwerk der Rennaisance "Miserere" vom Italiener Allegri wird hier zum Ende hin, kurz vor dem Showdown, metaphorisch mit den bedrückenden Bildern der unumgänglichen Beerdigungszeremonie von Archers Boss in Verbindung gebracht. Wie gesagt - die Musik spielt eine wichtige Rolle, bleibt nicht nur Hintergrunduntermalung mit Mickey Mousing-Effeckt, sondern zeugt von dem unbedingten Willen zum Gesamtkunstwerk. John Powell, der tatsächlich aus der Talent-Schmiede Hans Zimmers kommt, hat hier sein Meisterstück vollbracht.
Obwohl die Idee des Gesichtertausches nicht gerade neu war - in unzähligen Filmen von John Frankenheimers "Seconds" bis hin zu Sam Raimis "Darkman", konnte John Woo dem Thema in vielerlei Hinsicht dennoch neues abgewinnen. Die Beschäftigung mit dem eigenen Ich wird immer wieder in den Vordergrund gerückt. Letztlich geht es im Kern um einen Mann, der seine Familie vernachlässigt, um seine Nemesis zu bezwingen, die wiederum den eigenen Sohn auf dem Gewissen hat. Der Plot, der sich bis zum versöhnlichen Ende intensiv und in Szenen von Shakespearschen Ausmassen stetig weiter entwickelt, bleibt einem noch lange im Gedächtnis. Diese Nachhaltigkeit ist die eigentliche Qualität dieser Action-Wundertüte, da man trotz aller Abstrusität des Gesichtertausches den eigentlichen Kern des ganzen versteht und sich noch lange damit beschäftigen kann. Kaum jemand hat Woo den Vorwurf gemacht, sein Film wäre unrealistisch und überzogen. Die science fiction-Elemente fügen sich organisch in das Ganze ein und wirken aufgrund hervorragender Darsteller glaubwürdig.
John Woo war rehabilitiert und schien seinen Weg in Hollywood endlich gefunden zu haben. Zumindest mit diesem einzigartigen Film.


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