Review

Die Angst vor dunklen Abgründen lässt die Menschheit wohl schon seit Jahrhunderten nicht los, umgekehrte Höhenangst könnten man das ganze fast schon nennen. Was verbirgt sich in den Tiefen der dunkelsten Grotten, die teilweise selbst noch nicht vollständig erforscht worden? Welche Wesen mögen sich dort herumtreiben? Gibt es dort vielleicht sogar menschliche Kreaturen? Diese Frage will Neil Marshall mit seinem Überraschungshit "The Descent" hart und ohne Rücksicht auf Verluste beantworten.

Eine abenteuerliche Frauengruppe unternimmt einen Ausflug zu einer kleinen Höhle, um dort mal Spaß zu haben. Ziemlich schnell entpuppt sich der Ausflug aber als Horrortrip, nachdem man die falsche Abzweigung genommen hat und wohl hunderte Meter unter der Erde in dunklen Höhlen festsitzt. Die Suche nach einem Ausgang wird zum Marsch durch die Hölle. Klippen erschweren den Gang, einige holen sich teils sehr gefährliche Verletzungen, und das Schicksal scheint besiegelt, als auch noch eine grässliche Spezies von blinden Untermenschen auftaucht.

Gruselschocker wie "Ring" oder "The Grudge" feierten in den letzten Jahren ähnliche große Erfolge wie "Saw" und "Hostel", was liegt also näher, als beide Sachen mal miteinander zu kreuzen und zu sehen, was abartiges dabei rauskommt? "The Descent" ist ein fieser Film, der Panik verursacht und gleichzeitig den Magen strapaziert. Wer sich gerne gruselt, wird auf seine Kosten kommen; wer gerne Blut in Massen sprudeln sieht auch - aber kann beides zusammen wirklich uneingeschränkt Spaß machen?

Zunächst sei mal gesagt, dass der Film leider sehr gemächlich in die Gänge kommt. Eine brutale Familientragödie ist das spannungstechnische Highlight der ersten halben Stunde, bisweilen beschäftigt sich Marshall zu sehr mit der nachfolgend auftretenden Gruppe hyperaktiver Frauen, die wie die Hühner gackern. Dabei ist es schade, dass diese Charaktere ungeheuer blass bleiben. Es ist schön, wenn böse Klischess ausgelassen werden, aber ist es nicht genauso schlimm, wenn Darsteller so farblos sind, dass man sie gegen Ende kaum noch richtig voneinander unterscheiden kann?

Selbst wenn die Verirrung in der Höhle langsam Fuß fasst bleibt das alles noch eher milde. Da schürft sich jemand das Knie auf, dort fällt ein anderer auf die Fresse. Bis zur knappen Hälfte des Films wirkt alles etwas unentschlossen. Nicht langweilig, aber irgendwie ohne Sinn. Da fehlt doch was. Dieses etwas kommt dann in Form der widerlichen Kreaturen, die den Untergrund behausen. Wenn die anfangs ins Spiel kommen, erlebt der Film seine spannungstechnischen Höhepunkte. Genial, wenn die Hauptperson mittels Lampe in der Dunkelheit  eine fledermausartige, weiße Gestalt an der Decke kleben sieht, noch viel besser die beste Szene, in der mit dem Nachtmodus der Kamera in der Gruppe herumgeschwenkt wird, um wenigstens etwas zu sehen, und mal eben eine undefinierbare Gestalt da steht.

Aber gegen Ende wird auch das zusehens schlimmer. Die auf Grusel und Panik aufgebaute Kulisse verkommt schlussendlich zum harten Splatter. Köpfe werden aufgeplatzt, in Augen wird munter rumgestochert, ganze Körper werden bei lebendigen Leib zerfressen. Hier hätte wirklich etwas Subtiles mehr gefallen. Dadurch entwickelt sich der Film unweigerlich in drei Hälften, jeweils eine knappe halbe Stunde lang - Langweilige Einführung; monotone, aber unheimliche Zwischensequenz und unnötig brutaler Showdown. Doch wenigstens verzichtet man auf das Happy End, das zwar angedeutet, aber nicht ausgeführt wird. Die alte "Mist-nur-ein-Traum!" Geschichte wird mal wieder benutzt.

"The Descent" mag sicherlich ein Ausnahmefilm sein, allein im Dunkeln entwickelt sich hier die volle Wirkung, aber je öfter man das dunkle Massaker sieht, desto größere Löcher tun sich auf. Die völlig blassen Charaktere animieren fast zum Desinteresse, selbst als am Ende rauskam, dass die eine was mit dem toten Mann des anderen hatte, hat sich bei mir keine Reaktion gezeigt. So ein "dramatischer" Kniff gegen Ende ist schließlich ausgelutscht. Im Ganzen ist der Streifen eigentlich relativ gelungenen, Angst kriegt man schließlich schon... aber hier verhält es sich wie mit einem Hemd, das man immer wieder und wieder anzieht: Irgendwann sind halt doch Flecken, gar Löcher drin.

Fazit

Erschreckendes Szenario unter Tage, mit einigen wirklich beängstigenden Szenen, leider aber auch beängstigend Charaktern, die einem glatt am Arsch vorbei gehen, sowie aufgesetzten, spritzigen Splatterszenen gegen Ende.

6,5/10

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