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„Aus der Hüfte geschossen - der „Duke" auf Großwildjagd"

Mächtig Spaß habe der Dreh gemacht. Mehr Urlaub als Arbeit sei das gewesen. Regisseur Howard Hawks und Hauptdarsteller John Wayne haben sich unabhängig voneinander in ganz ähnlicher Weise zu „Hatari" (1962) geäußert und sieht man den Film, dann glaubt man ihnen aufs Wort. Das bunte Safari-Abenteuer kommt auch noch nach über 50 Jahren mit einer tiefenentspannten Lässigkeit und einem ansteckenden Gute-Laune-Flair daher, wie man es in Kombination nicht allzu häufig geboten bekommt. Bräuche man ein Referenzwerk für die gern etwas belächelte Feel-Good-Movie-Schublade, „Hatari" (Swahili für „Gefahr") wäre ein ganz heißer Anwärter.

Das Skript stammte von Leigh Bracket, einer US-amerikanischen Schriftstellerin von SF- und Kriminalromanen die sich vor allem auf lakonische und humorvolle Dialoge verstand. Hawks hatte dieses besondere Talent schon für seine Klassiker „Tote schlafen fest" (1946) und „Rio Bravo" (1959) gewinnbringend genutzt. Gerade für den grantelnden, grummelnden, nicht mehr ganz so jungen John Wayne (hier immerhin schon 55), der sich als jähzorniger, aber liebevoller Brummbär an Freunden und Damenwelt gleichermaßen aufreibt, hatte Brackett ein untrügliches Gespür. Wenig überraschend, dass sämtliche von ihr geschriebenen Rollen - neben „Rio Bravo" und „Hatari" sind dies noch die Western „El Dorado" und „Rio Lobo" - zu Waynes launigsten und beliebtesten Auftritten gehören. In all diesen Filmen führte Howard Hawks Regie, der sich ja bestens auf Screwballartige Szenarien verstand.

In „Hatari" spielt Wayne den Großwildjäger Sean Mercer und mal wieder weitestgehend sich selbst. Obwohl die Profi-Fangstation für Zoos und Zirkusattraktionen im ostafrikanischen Tanganjika offiziell von Brandy (Michèlle Girardon), der Tochter des verstorbenen Vorbesitzers, geleitet wird, ist Sean der unbestrittene Anführer der illustren Tierfänger-Mannschaft. Mercer ist nicht der beste Schütze - das ist der Deutsche Kurt Müller (Hardy Krüger), er ist nicht der größte Draufgänger - das ist der „Der Indianer" Little Wolf (Bruce Cabot) - und er ist auch nicht der Experte für Ausrüstung und Technik - das ist der kauzige „Pockets" (Red Buttons). Seine natürliche Autorität wird dennoch von allen vorbehaltlos akzeptiert, er bestimmt, welche Tiere wann, wie und wo gefangen werden. Auch bei sämtlichen Mahlzeiten und Freizeitaktivitäten gibt er den Ton an.

Dieser bestens eingespielte, patriarchale Familienbetrieb wird erst mit der Ankunft der italienischen Fotografin Anna Maria D`Allessandro (Elsa Martinelli) gehörig durcheinander gewirbelt. Mercer verdreht sie von Beginn an gehörig den Kopf, was dieser damit zu kompensieren versucht, dass er die in und mit der Wildnis gänzliche Unerfahrene schonungslos mit den Tücken ihres rauen Alltags konfrontiert. „Dallas" wiederum zeigt sich völlig unbeeindruckt und zieht mit ihrer unkomplizierten und natürlichen Art das ganze Team auf ihre Seite. Diese vergnügliche Fehde endet schließlich mit der nicht ganz freiwilligen Adoption dreier Elefantenjungen, vor der schließlich dann auch Mercer kapituliert. Henry Mancinis eigens dafür komponierter „Baby Elephant Walk" wurde zum Evergreen und brachte es damit zu vergleichbarer Popularität wie sein „Pink Panther Theme".

Bei so viel amourösen Frotzeleien will auch der Rest nicht abseits stehen, also liefern sich Kurt und der neu eingestellte französische Beau „Chips" einen Hahnenkampf um „Brandy". „Pockets" wiederum hat ebenfalls ein Auge auf „Dallas" geworfen und versucht mit einer gewitzten Inszenierung als unglückseliges Opferlamm diverser Gefahren gegen Sean´s unerschütterliche Männlichkeit anzukämpfen. Hawks zieht diesen komödiantischen roten Faden so konsequent wie souverän durch, ohne sich dabei jemals im billigen Klamauk oder oberflächlicher Blödelei zu verheddern.

„Hatari" hat aber noch weit mehr zu bieten als diese vergnügliche Gruppendynamik. Die zahlreichen Actionszenen beim Einfangen verschiedenster Wildtiere (u.a. Zebras, Giraffen und Gnus) zum Beispiel. Und auch dabei ist Hawks jederzeit Herr der Lage. Der bewusste Verzicht auf Stuntmen ist dabei das größte Plus. Darsteller und Statisten sind wirklich beim Einfangen der Tiere zu Gange, was die Szenen hinsichtlich Authentizität und Glaubwürdigkeit enorm aufwertet. Der abenteuerlustige Wayne legte sich dabei besonders ins Zeug. So saß er nur mit einem Lasso bewaffnet auf dem montierten Außensitz eines umgebauten LKWs, der in halsbrecherischem Tempo über die offene Savanne bretterte. Spektakulärer Höhepunkt der Jagdszenen ist dann Jagd und Fang eines ausgewachsenen Nashorns, das nur unter größter Kraftanstrengung mehrerer Männer in den mitgeführten Holzkäfig verfrachtet werden kann.

Heutzutage wären vergleichbare Aufnahmen praktisch unmöglich. Weder würde sich eine Versicherung finden um das Risiko für die beteiligten Schauspieler zu tragen, noch wäre die Jagd auf frei herum laufende Tiere vor dem Hintergrund moderner Tierschutzbestimmungen auch nur entfernt denkbar. Allein schon deshalb hat sich „Hatari" seinen ursprünglichen Charme und seinen Ausnahmeruf im Abenteuergenre bis heute bewahrt.
Für die Beteiligten hatte das Arbeiten im fernen Afrika noch den unschätzbaren, weil völlig ungewohnten Nebeneffekt völliger Freiheit, da kein Studio-Offizieller in die Dreharbeiten reinreden konnte. Diese Freude am Unkontrollierten und Spontanen, noch dazu in teilweise unerschlossenen Gebieten vor atemberaubender Naturkulisse ist auch noch beim Betrachten des Films spürbar und lässt einen die nachträglichen Schwärmereien von Hawks, Wayne und Krüger (der sich vor Ort sogar eine Farm kaufte) nachempfinden.  

„Hatari" hat es völlig zu Recht bis zum Klassiker-Status gebracht und ist einer der beliebtesten Wayne-Filme überhaupt - auf einer in dieser Hinsicht eben nicht gerade kurzen Liste. Er stapft durch die ostafrikanische Savanne wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, was hier aber absolut positiv gemeint ist. Big Duke auf Großwildjagd. Auch ohne Colt ein Fels in der Brandung.
Nicht schlecht für einen Film, dessen Story man in einem Satz zusammen fassen könnte und dessen Dialoge in den meisten Fällen vor Ort improvisiert wurden. Ein lässig aus der Hüfte geschossener Abenteuerspaß für die ganze Familie. Für das Traumpaar Howard Hawks und John Wayne fast nur eine Fingerübung, aber gekonnt ist eben gekonnt.

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