„Ein Sheriff in good old London"
In den 1970er Jahren war der Duke noch immer einer der größten aktiven Hollywoodstars. Nur einer drohte ihm langsam aber sicher den Rang abzulaufen, zumal er gerade auf Waynes Parade-Territorium mit schöner Regelmäßigkeit für Furore sorgte: Clint Eastwood. Was lag da näher, als einfach mal den Spieß umzudrehen nach dem Motto „Wenn du den kernigen Westernhelden gibst, dann feure ich als ruppiger Cop zurück!"?
Eastwood hatte mit den beiden ersten Dirty Harry-Filmen („Dirty Harry" 1971, „Callahan" 1973) allerdings ordentlich vorgelegt, zwei Welthits gelandet und ganz nebenbei das Genre revolutioniert. Für den damals bereits stramm auf die 70 zugehenden Wayne eine durchaus knackige Herausforderung, der er zunächst überraschend unentspannt begegnete. So machte er bei seinem ersten Versuch den Fehler, den virilen Zynismus Harrys sowie die provokante Gesellschaftskritik der Filme zu kopieren, was ihn der Gefahr des direkten Vergleichs aussetzte, bei der er nur verlieren konnte. Zwar ist „McQ" (1974) beileibe kein schlechter Cop-Thriller, aber durch seine offenkundige Nähe zu Eastwoods Hit wirkt wer deutlich altbackener und redundanter, womit seine eigentlichen Stärken weniger zur Geltung kommen.
Nicht einmal ein Jahr später machte er es besser und setzte auf einen typgerechteren Charakter in einem gleichermaßen entspannteren Szenario. „Brannigan" - in Deutschland mit dem ebenso reißerischen wie doofen Untertitel „Ein Mann aus Stahl" vermarktet - ist in jeder Hinsicht klassisches „Duke-Kino". Soll heißen, Wayne gibt ein äußerlich mürrisches und bärbeißiges Alphatier mit eigenem Kopf, aber dem Herz am rechten Fleck. Ein lässig souveräner Mann der Tat, der aber im zwischenmenschlichen Alltagsleben gerne mal aneckt.
Das war immer dann besonders unterhaltsam, wenn man ihm einen völlig gegensätzlichen Partner an die Seite stellte, an dem er sich frotzelnd reiben konnte. Howard Hawks hat dieses Screwball-Talent bei Wayne am deutlichsten erkannt und in Filmen wie „Rio Bravo" oder „Hatari" besonders gewinnbringend zur Geltung gebracht.
In „Brannigan" sorgt dafür Sir Richard Attenborough. Sein Scotland Yard Commander Swann ist in so ziemlich jeder Hinsicht das genaue Gegenteil zu Chicago PD-Lieutenant Jim Brannigan. Versnobt, hochnäßig regelkonform arbeitend der eine, hemdsärmelig, gerade heraus und gern mal den Dienstweg abkürzend der andere, entsprechen sie den gängigen Klischees vom steifen Briten und lockeren Amerikaner. Dank der beiden bestens aufgelegten Darsteller, funktioniert das Ganze dennoch prächtig. Allein schon Wayne in Attenboroughs exklusiven Londoner Männerclub stapfen zu sehen, ist ein frühes Highlight.
Überhaupt sorgt das Setting London für wohltuende Abwechslung im US-Cop-Einerlei der Dekade, zumal die britische Hauptstadt vom Engländer Douglas Hickox entsprechend in den Vordergrund gerückt wird. Da verzeiht man gern, dass der eigentlich Plot nicht sonderlich aufregend oder gar einfallsreich daher kommt.
So erhält Brannigan die undankbare Aufgabe den entflohenen Gangsterboss Ben Larkin in die USA zu überführen. Das erweist sich als schwieriger als gedacht, da Larkin aus der eher laxen Bewachung Scotland Yards just nach Brannigans Ankunft entführt wird. Als der Yard auch noch die folgende Lösegeldübergabe verbockt, ermittelt Brannigan auf eigene Faust. Der ohnehin schon brüskierte Commander Swann ist über dieses eigenmächtige und unkonventionelle Vorgehen allerdings wenig erfreut ...
„Brannigan" ist fraglos ein recht gemächlich erzählter Polizei-Film mit moderatem Spannungsaufbau. Lediglich die gescheiterte Lösegeldübergabe zieht das überschaubare Tempo merklich an. Dennoch hat er durchaus Unterhaltungswert. Wayne ist in seiner Paraderolle als bärbeißiger Gesetzeshüter mal wieder eine Klasse für sich. Gelungen auch das lässige Untermischen der keineswegs unkomplizierten Partnerschaft zwischen Briten und Amerikanern. Dazu kommen mit Richard Attenborough als Waynes Zankpartner sowie Mel Ferrer (Larkins Anwalt) und John Vernon (Larkin) als Widersacher drei gestandene Mimen, die ihren Klischee-Rollen überraschend viel Leben einhauchen.
Natürlich reichte das nicht annähernd, um „Dirty Harry" alias Clint Eastwood vom Cop-Thron zu stürzen, mit einem Abstand von gut 40 Jahren ist das aber auch nicht mehr sonderlich relevant. Wayne war immer dann am besten, wenn man das Gefühl hatte, er spiele sich selbst. In „Brannigan" beschleicht einen dieses Gefühl bereits nach wenigen Minuten.