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„The Lady Vanishes“ hatte seinerzeit gleichermaßen kommerziell wie künstlerisch riesigen Erfolg verbuchen können, was sich in bemerkenswerten Zuschauerzahlen und der Verleihung des New Yorker Kritikerpreises niederschlug. Vermutlich ist dieser Erfolg mit Hitchcocks Mut zu erklären, sich von den Filmstandards abzuheben. Hatte er in seiner Stummfilmzeit von „The Pleasure Garden“ bis hin zu „The Manxman“ und darüber hinaus noch mit Beschränkungen seitens der Studios zu kämpfen, war er inzwischen hinlänglich etabliert, um die eigenen Ziele frei jeglicher Bürden realisieren zu können. Der markante Eigenstil des Regisseurs war dabei schon in „The Lodger“ zu erkennen (das Durchsichtigmachen der Decke). In Filmen, in denen er erstmals volle Entscheidungsgewalt trug, häuften sich dann die charakteristischen Merkmale qualitativ (der ahnungslose Wettlauf gegen die Zeit und die damit verbundene Schnitttechnik in „Sabotage“, die Eyeshots bei der Suche nach dem zwinkernden Mann in „Young and Innocent“). In „The Lady Vanishes“ nähern sie sich nun erstmals der Hitchcockschen Perfektion und durchziehen den gesamten Film.

Dabei kann der Beginn isoliert betrachtet noch als zäh und langatmig betrachtet werden. Aber zunächst einmal zur Story. Basierend auf Ethel Lina Whites Roman „The Wheel Spins“, jedoch in stark abgeänderter Form, erzählt Sidney Gilliats und Franck Launders Drehbuch die Geschichte von Iris Henderson (Margaret Lockwood), die auf der Zugfahrt zurück von ihrem Tirol-Winterurlaub eine nette, alte Dame kennenlernt, die sich mit dem Namen „Mrs. Froy“ vorstellt. Nach einem kleinen Nickerchen von Iris ist die Dame jedoch spurlos verschwunden. Zu allem Überfluss behaupten sämtliche Passagiere, sie hätten Iris nie mit einer alten Dame zusammensitzen sehen. Der einzige, der ihr glaubt, ist der Musiker Gilbert Redman (Michael Redgrave). Zusammen begeben sie sich im Zug auf die Suche nach dem Verbleib der netten, alten Dame und stoßen dabei auf ein ganzes Komplott...

Alles, was vor der Zugfahrt stattfindet, kann als die genannte zähe Einleitung aufgefasst werden. In diesen ersten zwanzig Minuten konzentriert sich Hitchcock auf die Charakterzeichnung, im Speziellen die Beziehung zwischen den zu Beginn noch Fremden Iris und Gilbert. Im Hotel kommt es zu einer Art neckischen Spielerei, bei der sich nach bekanntem Muster die Unsympathien in Sympathien umwandeln. Die eigentliche Zugfahrt wird dementsprechend nicht unbelastet aufgenommen, und Hitchcock lässt den Zuschauer an der Vorgeschichte der Akteure teilhaben.

Mag das – wie gesagt – zu Beginn noch als relativ unnötige Spielerei aufzufassen sein, ist man dem Regisseur bei den folgenden Geschehnissen dankbar dafür. Die „Ermittlungen“ der beiden Neu-Bekannten gewinnen durch den gemeinsamen Hintergrund deutlich an Esprit. Die Konsequenz ist ein streckenweise köstlicher Humor, welcher diesmal ein wesentlicher Bestandteil in Hitchcocks Rezept ist und wohl auch einen deutlichen Anteil am Erfolg des Filmes hatte. Sofern es galt, sich von der Masse abzuheben, ist das Unternehmen gelungen. Derartiges war damals wahrlich nicht alltäglich, und selbst heute noch funktioniert die Komik, die sich damit in diesem Fall das Etikett der Zeitlosigkeit verdient. Wenn etwa ein deutscher General in die Zugkabine kommt, etwas auf englisch sagt, die Passagiere ihre Bewunderung dafür ausdrücken, er entgegnet „I was at Oxford University“, und er dann von hinten mit dem Stuhl niedergeschlagen wird mit den Worten „Well, I was at Cambridge“, dann funktioniert das auch heute noch. Besonders in den beinahe zänkischen Dialogen zwischen dem Hauptdarstellerpärchen: Margaret Lockwood als hübsches, verwirrtes und zurückhaltendes Mädchen und Michael Redgrave als forscher, spontaner und draufgängerischer Kerl bilden ein perfektes Paar mit der notwendigen Chemie. Zwar mag die Lockerheit etwas auf die Spannung drücken, jedoch tut sie das nicht notwendigerweise, denn die beiden Komponenten Spannung und Lockerheit schalten sich unter Hitchcocks Regie nicht unbedingt aus.

Zu verdanken ist das der Mischung aus dem Ambiente, nämlich lediglich einem Zug und der an den Fenstern vorbeihuschenden Umgebung, und der Situation von Iris, die genau wie der Zuschauer erst langsam und Stück für Stück über die rätselhaften Ereignisse aufgeklärt wird, welche zu Anfang wie einer Akte X-Episode entflohen scheinen.
Gerade der erstere Aspekt war inszenatorisch eine wahre Herausforderung, denn es galt, dem Zuschauer zu suggerieren, selbst ein Gast des Zugabteils zu sein – gemäß dem Zitat Hitchcocks, es sei sein Ziel, den Zuschauer so viel wie möglich leiden zu lassen, sicherlich ein essenzieller Bestandteil in Hitchcocks Schaffen. Mit höchstem technischen Aufwand, unter anderem einer 30 Meter langen Studionachbaut des Zuginneren, wurde diese Essenz so perfekt in die Tat umgesetzt wie niemals zuvor in seiner zu diesem Zeitpunkt bereits 13-jährigen Eigenschaft als Regisseur. Tatsächlich wird man beim Ansehen des Films, ohne es zu bemerken, direkt ins Zugabteil gesogen und bewegt sich als stiller Beobachter stets neben den Protagonisten her und verfolgt die Aktivitäten als Teil eines Grüppchens. Dementsprechend gibt es im gesamten Film (zumindest im Zug nicht; im Hotel zu Beginn durchaus) keine privaten Momente zwischen den Hauptdarstellern, welche durch die nur unzureichend abgesiegelten Einzelabteile des Zuges sowieso nicht hätten entstehen können. Vielmehr wächst und schrumpft eine Gruppe von Skeptikern bezüglich der Geschehnisse im Zug mit den Köpfen Iris und Gilbert, je nachdem, wie viele Beweise für das Verschwinden der Mrs. Froy auf dem Tisch liegen.
Das Finden von Beweisen und das Entlarven von Mitverschwörern sowie das Aufdecken der politischen Stränge im Hintergrund macht dann auch den Kern der Spannung aus, die sich keinesfalls von dem zielsicheren Humor verdrängen lässt, sondern diesen ganz im Gegenteil sogar für sich verwendet. Schematisch ist das Geschehen sogar beinahe mit Amnesie-Thrillern wie „Die Bourne Identität“ zu vergleichen: auf sich allein gestellt scheint das gesamte Umfeld den eigenen Erinnerungen zu widersprechen, und erst durch die Zusammenarbeit mit einem Außenstehenden lässt sich der Knoten lösen. Tatsächlich hat auch Iris Henderson zu Beginn mit ihrer eigenen Vorstellungskraft zu kämpfen. Hitchcock zeigt, wie sich Iris' Wahrnehmung durch das Zureden seitens des Umfeldes plötzlich verändert. Dies geschieht mit optischen Tricks, indem das Gesicht der Mrs. Froy in Egoperspektive auf die Zuginsassen projiziert wird und anschließend verschwindet.

Während im Zuginneren die Machenschaften aufgedeckt werden, fungiert der Zug selbst als bildlicher Countdown, die vorbeiziehende Landschaft als Zeichen dafür, dass man sich auf den Zielort zubewegt. Alleine schon dadurch gewinnt der Film ohne jegliches Zutun von Regie, Kamera oder Schauspielern enorm an Drive. Unterstützt durch diese drei Faktoren steigt die Spannungskurve dann mühelos konstant nach oben. Für einen zeitweiligen Klimax auf Actionbasis, bei dem einige Schüsse fallen, ist ebenfalls gesorgt, bevor der Plot dann im Foreign Office in London vollends aufgelöst wird.

Sicherlich sind auch deutliche Parallelen auf die wirtschaftlich-politische Situation der Zeit zu erkennen, nicht nur durch den Plot begründet. Wie in den meisten Filmen aus Hitchcocks Frühwerk ist die Präsenz der Deutschen stets deutlich spürbar (indem mindestens ein Darsteller deutsch spricht). Weiterhin werden oft Fragen aufgeworfen wie das konfliktreiche Verhältnis von militärischen Aktivitäten und Diplomatie, Waffengewalt und Pazifismus (ein Mann, der eine weiße Fahne schwenkt, wird hier erschossen). Das ist jedoch nicht der Kernpunkt in diesem Film, geschweige denn in Hitchcocks Schaffen.

Was letztendlich „The Lady Vanishes“ zu entnehmen ist, das ist die grundlegende Neuinterpretation des Krimigenres durch die absoluten Novitäten aus Hitchcocks Stilmittel-Kämmerchen. Das muss sogar Hitchcock selbst bewusst gewesen sein, baute er doch – und das nicht zum ersten Mal – eine Anspielung auf Sherlock Holmes in sein humoristisches Grundgerüst ein, nur um so zu zeigen, dass eine neue Zeit angebrochen ist, in der sich die Relationen der Stilmittel verändert haben. Hitchcock variiert und kombiniert geschickt die Charakteristika unterschiedlicher Genres und schmeckt sie ab mit aufwändigen technischen Hilfsmitteln und optischen Spielereien, immer mit dem Ziel, den Endrezipienten, nämlich den Zuschauer, möglichst intensiv in das Geschehen eintauchen zu lassen. Das gelingt ihm hier nicht zum letzten Mal ausgesprochen gut. Hitchcock nimmt uns mit auf eine Zugfahrt – und gegen die sieht jede Achterbahn blass aus.

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