Eine Kritik von Soonor (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 21.02.2009, seitdem 210 Mal gelesen
Ich weiß noch wie ich mir auf der Schwelle zum Erwachsenwerden irgendwann mal diesen Film angesehen hatte, weil ich „Clockwork Orange“, der noch heute seinen festen Platz in meinen Top 3 hat, „Shining“ und "Full Metal Jacket" so gut fand. „2001“ kannte ich da auch schon, aber der war mir damals irgendwie noch zu seltsam. Egal, hier geht es um Kubricks Abschiedswerk, das ich als unterhaltsam, aber inhaltlich relativ nichtssagend in Erinnerung hatte. Im Großen und Ganzen sehe ich das heute immer noch so, wobei sich mir Kubricks vermeintliche Aussageabsicht erst dieses Mal einigermaßen erschlossen hat.
Wir sehen ein Ehepaar mit Kind und problematischem Sexualleben. Klar, sie hatten schon mal Sex, sonst wäre kein Kind da. Beide haben auch immer noch Interesse an Sex, aber eher mit fremden Partnern. Dies wird spätestens dann klar als Tom und Nicki kiffen, während sie rumschmusen. Doch statt sich ihren unausgesprochenen Leidenschaften konsequent hinzugeben, bricht sie einen handfesten Streit vom Zaun, in dem es (war ja klar) ums Fremdgehen bzw. den Wunsch dazu geht. Allerdings ist die Zicke hier zur Abwechslung mal kein unbeschriebenes Blatt, denn sie beichtet ihrem Ehemann erotische Geheimnisse, welche diesen total verunsichern und fortan nicht mehr loslassen. Er ist Arzt und wird just in diesem Moment per Telefon konsultiert, was er dankend annimmt, um dieser schwierigen Situation zu entkommen. Was folgt, ist eine folgenreiche Odyssee durch die Nacht, in der die Grenzen zwischen Traum (den seine Frau hat) und Realität (die er erlebt) verwischen.
Kubrick war ja schon immer für härteren Tobak bekannt, und weniger dafür, Popcornkino abzuliefern. Der Zuschauer muss mitdenken, analysieren, interpretieren und rekonstruieren. In der Regel wird er bei diesem Regisseur durch ein mehrschichtiges Geflecht aus optischer Opulenz, inhaltlicher Ernsthaftigkeit, technischer Raffinesse und kritischen (im Sinne von: Stellung beziehenden) Denkanstößen für die darin investierte Zeit entschädigt. Weitestgehend trifft dies auch auf „Eyes Wide Shut“ zu, obwohl einige Abstriche zu vermelden sind. Die Geschichte wird am Ende stimmig aufgelöst, nachdem zuvor viele Anzeichen für eine völlig unerwartete Richtung gestreut wurden. Ich hatte auch lange Zeit das Gefühl, dass Toms Befürchtungen sich als ernsthafte Gefahr herausstellen, aber das tun sie letztendlich nicht. Stattdessen gibt es ein klärendes Gespräch, in dem die zwischenmenschliche Komponente so sehr fokussiert wird, dass weitere äußere Attacken höchstwahrscheinlich ausgeschlossen werden können. Kein guter Zug, denn das nimmt dem Film einen Teil seines Mystery-Flairs. Dieses wurde in jener geheimnisvollen Villa, dem eindeutigen Höhepunkt des Films, bis zur Perfektion getrieben, sowohl visuell als auch spannungstechnisch und akustisch. Überhaupt ist der Score wieder genial ausgefallen und trägt maßgeblich zur verstörenden Atmosphäre bei, die Kubricks Filme bisher auszeichneten. Auch optisch fühlt man sich an einigen Stellen wie in den 70ern, weil sie so speziell altmodisch-steril wirken wie seine damaligen Werke.
In Bezug auf den Inhalt denke ich nicht, dass es dem guten Stanley nur um ein Statement zur Auflösung von typischen Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Vorgaben zur beidseitigen Zufriedenheit ging, aber dieser Aspekt steht (für mich) ganz klar im Vordergrund. Sicher kann man da noch viel mehr reininterpretieren, aber ich suche nicht zwanghaft nach Gründen um einen Film zu mögen, sondern lasse ihn auf mich wirken, mach mir anschließend Gedanken darüber und schreibe diese teilweise nieder. Insofern fällt mein Urteil relativ positiv aus, denn auf inszenatorischer Ebene macht Kubrick so ziemlich alles richtig, aber in der 1. Filmhälfte ist der dramaturgische Aufbau relativ schleppend, und die „Moral von der Geschicht“ wirkt aus der heutigen liberalistischen Sicht geradezu banal. Trotzdem war ich fast versucht, 8 Punkte für das Vermächtnis dieses Ausnahme-Regisseurs rauszurücken. Doch da mir sämtliche Werke aus seiner zweiten Schaffenshälfte, welche alle zwischen 8 und 10 bei mir rangieren, besser gefallen, müssen hier schweren Herzens 7 reichen, auch wenn der Film an sich definitiv was Besonderes ist.
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