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Eyes Wide Shut (1999)
Eine Kritik von daronmuyen (Bewertung des Films: 4/10) eingetragen am 02.02.2012, seitdem 75 Mal gelesen
Stanley Kubricks letzter Film hat wie kaum ein anderer des großen Meisters vorher polarisiert. Zu den Meinungen, die weit auseinander gehen, konnte Kubrick nicht mehr Stellung nehmen, die Kinoauswertung erlebte er nicht mehr.
Und dennoch wäre Kubrick wahrscheinlich nicht unerfreut darüber gewesen, mit welcher Hingabe Kritiker und Meinungsmacher den Film verurteilten oder priesen. Eines wollte Kubrick sicherlich nie: den Menschen mit seinen Filmen und seinen Botschaften einen Gefallen tun, sie einlullen oder platt unterhalten. Unter diesen Gesichtspunkten ist Eyes Wide Shut dann auch ein echter Volltreffer.
Dass Kubrick ausgerechnet eine europäische Novelle von Arthur Schnitzler als Vorlage für sein Vermächtnis auswählte, erscheint nach den großartigen Genrewerken Full Metal Jacket und Shining merkwürdig abwegig, ergibt aber gerade deshalb einen Sinn. Eyes Wide Shut ist ein Diskurs über Partnerschaft, Ehe, Liebe, Beziehung, Treue, Untreue, über Sex, Moral, über Selbstfindung und Selbstaufgabe, über Träume, Wahrheit und Lüge, über die Möglichkeiten des Lebens und über die Entscheidungen, die man trifft und deren Konsequenzen man sich stellen muss.
Bei soviel beinahe aufgesetzter Relevanz des Stoffes erscheint selbst das letzte Wort des Filmes, nämlich "Ficken" wie das Amen in der Kirche. Der Filmguru (wenn nicht Filmgott) Kubrick hat seinen Jüngern noch einmal letzte Ratschläge und Weisheiten mit auf den Weg gegeben.
Drei Stunden teilweise quälende, langwierige Dialoge und unerträgliche Nahaufnahmen zweier Darsteller, die zum Zeitpunkt der Entstehung des Filmes sogar ein Paar waren (was den Erfolg des Films mit Sicherheit unterstützt hat), muss man über sich ergehen lassen. Das ganze eingerahmt in perfekte Tableaus, gekünstelte Bilder von extremer Kühle und Distanz. Emotionen wirken wie auf Eis gelegt, eine Identifikation mit den Figuren findet kaum statt.
Man beginnt sich unweigerlich auf ironische Weise mit dem Film auseinander zu setzen:
Beziehungsstress? Nein! Aber schon so etwas, wie eine Leere...Die Leere in Tom Cruise´ s Augen: Ist das mangelnde schauspielerische Fähigkeit oder geniales Mimenspiel? Irgendwie funktioniert es in dessen Ehe nicht mehr so und die Gestalten der Nacht bringen es an den Tag. Seine Frau, unglaublich intensiv verkörpert von Nicole Kidman, die Cruise in beinahe jeder gemeinsamen Szene an die Wand spielt, erzählt ihre Träume, er ist fix und foxi und streift wie ein Vampir durch eine seltsam bunte Welt, die sich vor ihm wie ein Abgrund auftut. Heulend und winselnd kriecht sie über den Boden (toll, Nicole, du hast den Oscar verdient!). Und was macht Tom derweil? Sitzt schweigend auf dem Bett und hört zu. Aber die Geschichte muss ja weiter gehen. Wir nehmen gezwungenermassen Teil an seltsam langweiligen Sexriten. Unheimliche Orgien in hochglanzpolierten Schlössern erzeugen schwachen Grusel und schon gar keine Erotik. Droht Gefahr? Keiner weiß es so recht, auch nach drei Stunden wird das nicht so klar. Finden sie wieder zueinander? Eigentlich ist das dem Zuschauer vollkommen wurscht, denn der ganze Film wirkt wie ein sachlicher Vortrag an der Uni.
Die minimalistische Musik unterstreicht dieses zwiespältige Gefühl und hinterläßt, um mit Eugen Roths Worten zu sprechen, nur einen trüben Stimmungsrest!
Kubrick bietet etwas an, aus dem wir selber etwas machen sollen, es ist ein Klumpen Teig, der keine Form besitzt. Was der Zuschauer daraus macht, ist seine Sache.
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