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Fabel von King Kong - Ein amerikanischer Trick- und Sensationsfilm, Die (1933)
Eine Kritik von Intergalactic Ape-Man (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 27.11.2008, seitdem 923 Mal gelesen
Well, isn't there any romance or adventure in the world without having a flapper in it?...Makes me sore. I go out and sweat blood to make a swell picture and then the critics and the exhibitors all say, 'If this picture had love interest it would gross twice as much.' All right. The public wants a girl, and this time, I'm gonna give 'em what they want. I'm gonna make the greatest picture in the world, something that nobody's ever seen or heard of!
Mit Die verlorene Welt hatten der Regisseur Harry O. Hoyt und durch seine spektakulären Effekte vor allem der Stop-Motion-Künstler Willis H. O'Brien einen großen Erfolg feiern können. Allerdings war der Stummfilm genau in einer Zeit angelaufen, in der die Lichttontechnik kurz vor dem Durchbruch gestanden hatte. In den folgenden Jahren hatte O'Brien zwar weitere Konzepte entwickelt, die einen Monsterfilm mit Atlantisthematik und auch ein Remake der Arthur Conan Doyle Adaption in Betracht gezogen hatten, jedoch nie dem Planungsstadium entwachsen waren. Visuelle Effekte hatten dem Interesse gegenüber den sprechenden Bildern nachgestanden und so hatte sich kein Produzent für derart ausgerichtete Projekte finden können. Erst als er 1929 zu RKO gewechselt war, hatte O'Brien zusammen mit Hoyt die Dreharbeiten für eine inzwischen unter dem Titel Creation gereifte Idee aufnehmen können, welche ein zu Die verlorene Welt sehr ähnliches Konzept verfolgt hatte.
Willis H. O'Brien war für seine sorgfältige Arbeit bekannt. Da die Tonfilmtechnik aber mit 24 Einzelbildern pro Sekunde, anstatt 16 Einzelbildern beim Stummfilm, arbeitet, hatte dies für seine komplizierten Trickeffekte einen wesentlich höheren Aufwand bedeutet, da ja nach wie vor jedes Bild mit stückchenweise bewegten Elementen einzeln belichtet werden mußte. RKO stand vor einem finanziellen Tief und so wurde das Projekt 1931 nach bereits über 50 fertiggestellten Minuten verworfen. Der Produzent William LeBaron wechselte zu Paramount.
Neu eingesetzt wurde David O. Selznick, der sogleich das damalige Pan America Aufsichtsratmitglied Merian C. Cooper ins Boot holte. Cooper hatte im ersten Weltkrieg gedient und war als Pilot über Europa abgeschossen worden. Nach deutscher Gefangenschaft war dieser erstmals auf den militärischen Bildberichterstatter Ernest B. Schoedsack, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verbinden sollte, zusammen getroffen. Gemeinsam hatten sie eine Expedition nach Afrika unternommen; das Material war beim Untergang des Schiffes jedoch verloren gegangen.
Danach hatten sie zusammen halbdokumentarische Abenteuerfilme umgesetzt; Schoedsack hatte 1931 zudem mit Rango einen Film über einen Orang Utan der das Leben des Jägersohns Bin beschützt, veröffentlicht.
Mit Ernest B. Schoedsack hatte Merian C. Cooper bereits eine neue Idee entwickelt, in der drei Gorillas mit Komodo-Waranen kämpfen sollten. Als Cooper nun O'Briens Material sichtete, war ihm schnell klar, daß es einen viel besseren Weg geben würde, als echte Echsen einzusetzen. Aus der Produktion 601 war King Kong und die weiße Frau geboren!
Es sollte die Weltsensation werden, als die Paramount noch Schoedsacks Rango angepriesen hatten, obwohl er den Film geringschätziger gesehen hatte. Ein grandioses Abenteuer, ein Drama, eine Romanze, ein Monsterfilm, wie geschaffen für eine Zeit, in der Figuren der Literatur wie Dracula, Frankenstein und Tarzan auf den Leinwänden für Spannung sorgten, ein Aufmerksamkeit erregendes Spektakel, welches das Publikum trotz wirtschaftlicher Depression in die Kinosäle locken konnte, um damit RKO vor der endgültigen Pleite zu retten. In ähnlichem Geiste starteten auch die Filme eines Dwain Esper, Tod Brownings Freaks, die Pseudo-Dokumentation Africa Speaks oder Howard Hawks Scarface, man mußte sich also etwas einfallen lassen.
Da Edgar Wallace, der ursprünglich für die Ausarbeitung des Drehbuchs vorgesehen war, ohne eine Zeile verfaßt zu haben verstorben war, übernahm Schoedsacks Ehefrau Ruth Rose zusammen mit James Creelman die Ausarbeitung der bestehenden Ideen. Die Credits waren Wallace jedoch versprochen worden und da dieser ein zeitgenössisch beliebter Krimiautor war, nutzte man den Werbeeffekt mit. Vielleicht liegt es an diesem privaten Bezug, daß King Kong und die weiße Frau fast schon autobiographisch als Film im Film über Dreharbeiten an einem neuen, atemberaubenden Werk berichtet.
It's money and adventure and fame. It's the thrill of a lifetime and a long sea voyage that starts at six o'clock tomorrow morning.
Carl Denham (Robert Armstrong) hat das Schiff Captain Englehorns (Frank Reicher) gechartert und sollte schleunigst in See stechen, da die Ladung unter anderem ein gehöriges Waffenarsenal beinhaltet. Doch bevor er mit der Crew, die er bis auf hoher See nicht über ihr Ziel informiert, den Hafen verläßt, will er unbedingt noch eine Schauspielerin engagieren. Alle Angebote seinerseits gingen bisher ins Leere, doch durch Zufall stolpert er über Ann Darrow (Fay Wray), die gerade dabei erwischt wird, wie sie einen Apfel stibitzt.
Dies ist der einzige Zeitpunkt, zu dem in King Kong und die weiße Frau im Ansatz über die wirtschaftliche Situation Bezug genommen wird. Denham zahlt die Zeche und führt die Arbeitslose mit Schauspielerfahrung zum Essen aus. Der Vergleich zu Roosevelts 'New Deal', wie ihn Gerald Perry hier laut Zitat in Jan Distelmeyers Aufarbeitung für epd Film interpretiert, ist nur eine der vielschichtigen Lesearten des Films. Vordergründig aber spricht das Auswahlverfahren doch eigentlich für die Situation der Produktion selbst, da ein beträchtlicher Teil des Budgets schon in die Tricktechnik investiert werden mußte. Anstatt also auf die großen Stars zu setzen, mußte man sich auf eine im übertragenen Sinne von der Straße angeheuerte Besetzung verlassen, welche zum Teil in den gleichen Kulissen noch einen weiteren Film, Graf Zaroff - Genie des Bösen, abdrehte.
Ann scheint die Versprechungen der Industrie jedenfalls gut zu kennen, versucht die schwärmerischen Ausführungen Denhams abzutun, doch er will sie gar nicht so offensichtlich ausnutzen, wie sie vermutet. Für ihn zählt der Film, er braucht eine Frau, die sofort mit an Board geht, die ihm die letzte Nuance seines Traumes erfüllt, eine Romanze für Publikum und Kritiker frei nach dem Märchen La belle et la bête von Madame Leprince de Beaumont. Dennoch sprüht Ann vor unschuldiger Naivität, als sie der Vorgabe, sie müsse Denham nur vertrauen und durchhalten, nicht widerstehen kann. So ist die einzige weibliche Figur in King Kong und die weiße Frau neben einem Eingeborenenmädchen und einer schrulligen Lady in Nebenrollen ausgerechnet ein leichtgläubiges Ding; aus heutiger Sicht vielleicht etwas einseitig, aber die Grundvorrausetzungen, um sich von einem Rattenfänger sanft shanghaien zu lassen und der Schlüssel zum männlichen Herzen, mit erwachtem Beschützerinstinkt um das zarte Wesen zu bangen, was einem Mein großer Freund Joe in jüngster Zeit eben nicht gelingen konnte.
Nun hat die christliche Seefahrt schon ihre Gründe, Frauen an Board abzulehnen. Da der amerikanische Production Code bis 1934 noch eine freiwillige Bindung war, zeigt Fay Wray auf Deck auch zugleich ihre ungebundene Weiblichkeit, welche sich nur zu deutlich unter der anschmiegsamen Gewandung abzeichnet. Da sie mit Jack Driscoll (Bruce Cabot) frotzelnd an der Reeling stand, bevor sie sich dem Schiffsäffchen Iggy zuwendete, ist die Zynik des hinzustoßenden Carl Denhams zu hinterfragen, der die Situation mit 'Die Schöne und das Biest' kommentiert. Bemerkt er die zunächst ablehnende Haltung Driscolls oder vermutet er gar dessen erwachende, animalische Leidenschaft, ja könnte er gar Auswirkungen auf seinen Film befürchten, die ihn nicht aus zwischenmenschlicher, sondern rein künstlerischer Eifersucht zu dieser Feststellung antreibt? Der schlagfertige Driscoll legt dies nahe, als er die Äusserung eben auf sich bezieht und nagelt dabei Denham auf eine endgültigen Bestätigung fest.
Bei Probeaufnahmen mit Ann muß sie nicht nur ihr baldiges Schicksal als erste Scream-Queen der Filmgeschichte in feinster Expression einstudieren. Die Crew erfreut sich auch sichtlich des nun noch freizügigeren Ausblicks ihres Kostüms. Denken wir zurück an die Eröffnungsszene, in der ein Seemann berichtet, es sei die dreifache Anzahl der benötigten Männer angeheuert worden, wird eigentliche erst deutlich, in welch pikanter Lage sich die attraktive Frau hier befindet. Hier scheint der so zielstrebige Carl Denham das naive Dummchen zu sein, geblendet vom imperialistisch gefärbten Entdeckerdrang und dem kommerziellen Erfolg entgegenzusteuern versuchend, diese menschlich-animalische Bedrohung ausklammernd, sein Konzept allen Bedenken zum Trutze kompromislos verteidigend.
Als der Skipper nun endlich das Ziel kennen möchte, gibt Denham eine Position östlich von Sumatra an. Obwohl in den regulären Karten nichts verzeichnet ist, glaub er hier Skull Island vorzufinden. Sein Wissen steht auf sehr dünnen Eis, denn er könnte sich auch einfach dem Seemansgarn des norwegischen Kapitäns aufgesessen sein, von dem er nach langem bitten eine Kopie der Karte bekam, die dieser nach den Angaben des letzten Überlebenden einer schiffbrüchigen Kanubesatzung von Eingeborenen gefertigt haben will.
Doch Denhams Abenteuerlust stützt sich auf eine weitere Legende. Auf dieser Insel soll es eine Mauer geben, von der niemand mehr weiß, wer sie errichtet hat. Sie schützt die Eingeborenen vor etwas, vor dem sie Angst haben. Kong, ein Mythos, vielleicht eine Gottheit, vielleicht ein reales Monstrum!
Denham sieht hier keine Gefahr. In seinem Kopf scheint sich die heroische Erzählung eines Großwildjägers bereits festgesetzt zu haben, in der er jeglicher Bedrohung durch das Arsenal an Gas-Granaten entkommen wird. Letztere könnten auch ein Hinweis auf eine tatsächliche Referenz Coopers zu seinem Erlebnissen im Ersten Weltkrieg hindeuten, in den die USA trotz anfänglicher Neutralität, die aufgrund der relativen Entfernung auch eigentlich naheliegt, eintraten, um unter Wilson eine demokratisierende Friedenspolitik zu verfolgen.
Tatsächlich taucht das gesuchte Eiland im sich lichtenden Nebel auf. Denham ergreift die Führung und wählt die Gruppe für den Landgang aus. Unverzichtbar dabei Skipper Englehorn aufgrund seiner Sprachkenntnisse und sollte sich das passende Motiv bieten gehört selbstverständlich Ann Darrow in greifbare Nähe. Ähnlich einem Die Reise zum Mond, in dem Georges Méliès eine Gruppe von Wissenschaftlern leichtfüssig auf den Erdtrabanten spazieren läßt, bis sie den Bewohnern begegnen, gleicht es einer Parodie, wie sorglos die Expedition vorgeht, Denham dabei von den sich bietenden Kulissen beeindruckt und glücklich zugleich ist.
Diese Bauten waren immerhin auch gut genug, in mehreren Filmen ihren Dienst zu tun. Das Eingeborenendorf stammt aus Luana, die große Mauer aus König der Könige. Letztere tat ihren Dienst noch über mehrere Produktionen, bis eine modifizierte Version schließlich in Vom Winde verweht zerstört wurde, doch dies nur als Einschub am Rande.
Eine Tochter des Inselvolkes wird während eines exotisch-infantilen Rituals geschmückt, welchem die ungebetenen Gäste kaum mehr feinsinnigen Respekt, als die Beschreibung als heidnischen Hokuspokus entgegenbringen. Während die Expedition so aus heutiger Sicht indirekt einen Bezug zum eine ähnliche Situation in einem bisher geschlossenen Kosmos auf kontroverse Weise aufgreifenden Cannibal Holocaust herstellen läßt, liefert das Inselvolk einen automatisierten, rassistischen Ausgleich, in dem der Häuptling gleich sechs seiner Frauen gegen die für ihn außergewöhnliche blonde Schönheit eintauschen möchte. Unter Bekundung freundschaftlicher Absichten zieht sich die Gruppe aufs Schiff zurück, welches die Eingeborenen des Nachts überfallen. Damit beschreibt King Kong und die weiße Frau einen stets beidseitigen Konflikt aus dem Zusammentreffen zweier Kulturen, ohne daß man einen Lösungsansatz erwarten darf. Bevor Ann allerdings in fremde Hände gerät, finden sie und Jack Driscoll noch zueinander, was für die tragische Liebesgeschichte des Films noch für weitere Bedeutung sein wird.
Throw your arms across your eyes and scream, Ann. Scream for your life!
Es bleibt allerdings auch kaum Zeit für diplomatische Verhandlungen, blickt Ann Darrow doch am Pranger stehend ihrem Schicksal ins Gesicht. In ein großes Gesicht einer haarigen Gestalt. Das also ist Kong! Ein riesiger Gorilla, der sich sogleich aufmacht, die Schönheit zu entführen. Die Zeremonie könnte dabei kühnsten Phantasien im Anblick monumentaler Steinbauten längst untergegangener Kulturen entsprungen sein. Sein Sujet im Kontrast zum Biest bekommt Denham jedenfalls geliefert, doch selbst er kann in diese Moment nicht an eine Kamera denken.
Unsere todesmutigen Helden stellen sich der Verantwortung und folgen der Kreatur in den Urwald, der sich eine gar bedrohliche Welt auftut. Nachdem sich King Kong und die weiße Frau nun also gemächlich, jedoch stets ansprechend zu einer Spannungsspitze hochgeschaukelt hat, darf sich nach immerhin schon vierzig Minuten Willis O'Brien voll in seinem Element zeigen. Nicht nur der hier noch so finster wirkende Kong ist grandios in Szene gesetzt, dieser Akt hat ferner noch eine Vielzahl an Dinosauriern zu bieten, die O'Brien zum Teil schon für Creation angefertigt hatte. Wir erinnern uns an den Kampf, den sich Affe und Saurier in The Dinosaur and the Missing Link liefern und blicken hier auf ein rasantes Abenteuer, welches sich quasi über die Zwischenstufen The Ghost of Slumber Mountain und Die verlorene Welt zu einem rhythmisch exakt ausgefeilten Actionszenario entwickelt hat.
Dabei wirken einige Projektionen aus dem Erstellungsprozess der Stop-Motion Aufnahmen zwar noch künstlich eingefügt, bei anderen bleibt selbst dem versiertesten Techniker kaum eine Atempause, auf die neu eingeführte Variante, bei der anstatt Schauspieler vor einer Projektionsfläche die Modelle vor kleinen Screens agieren, zu achten. Insbesondere die hier gezeigte Interaktion zwischen der Miniaturwelt und dem echten Set setzt Maßstäbe, die kaum wieder erreicht wurden. Noch ohne klare Reglementierung, ergo auch ohne erzwungene Selbstzensur, werden hier reihenweise Menschen getötet und gefressen. Die Szene, in der Mitglieder der Gruppe in eine Schlucht fallen und von Spinnen angegriffen werden, wurde allerdings schon vor der Premiere entschärft.
Bei jeder Wiederaufführung mußte King Kong und die weiße Frau dann Federn lassen, wobei auch eine Szene der Schere zum Opfer fiel, in der King Kong Fay Wray auf seiner Hand hält und neugierig entblättert, danach seinen Finger auf ihren Geruch hin beschnuppert. Während die Zensoren sich in dieser wirklich storydienlichen Szene wohl hauptsächlich am angedeuteten Ausziehen stießen, ist es hier schlicht die wilde Kreatur, die im Rahmen ihrer Artikulationsfähigkeiten eine Zuneigung zur menschlichen Figur offenbart.
Auf ein paar Tote der mit einer vier- bis fünffachen Zahl eines durchschnittlichen Slashers auftrumpfenden Menge könnte der Zuschauer bequem verzichten, doch kann der Film ohne die liebevolle Umsorgung Kongs nicht stattfinden. Hier findet sich die Begründung, warum er sich in beeindruckende Kämpfe gegen andere Kreaturen stürzt, um sie zu beschützen und hier läßt sich auch der Mißmut nachvollziehen, als Jack, den er ja gar nicht kennt, seine Geliebte aus den Klauen der Bestie zu befreien gedenkt.
Es ist vorstellbar, daß die Überlebenden Denham und Driscoll den liebevollen Beschützerinstinkt Kongs nicht wahrnehmen und vielleicht nur als Beuteverhalten interpretieren, wenn der Affe sich einen spektakulären Ringkampf mit einem Tyrannosaurus Rex liefert. Als die beiden Männer sich anschließend an entgegengesetzten Seiten einer Schlucht begegnen, ist Hasenfuß Carl Denham offensichtlich sehr erfreut über den aufkeimenden, ritterlichen Heldenmut Jack Driscolls, der aus freien Stücken die Verfolgung aufnimmt, während Denham für Verstärkung sorgen will.
In Anbetracht der Gefahr könnte man einen hohen Grad der Leichtsinnigkeit in Jacks Verhalten feststellen und so ist sein maskuliner Alleingang vermutlich nur auf die romantische Schlüsselepisode zwischen ihm und Ann zurückzuführen. Interessant dabei ist das erstaunlich kongruente Verhalten der buhlenden 'Männer' in diesem Dreick, bei dem die Frau nur eine wehrlose Opferrolle einnehmen kann. Aus weiblicher Feder entstanden, kann man hier kaum über eine Vermenschlichung der wilden Kreatur eine weitere rassistische Note feststellen, wie es Rüdiger Suchsland in seinem Artikel für Telepolis andeutet. Eher muß man die Entlarvung primitiver Züge des angeblich zivilisierten Menschen erkennen, dessen Wesen sich trotz aller Kultur im Kern nicht gegen seine Natur erwehren kann.
We'll give him more than chains. He's always been king of his world, but we'll teach him fear. We're millionaires, boys!
Nachdem Jack Driscoll nun Ann durch Geschicklichkeit befreit hat, bemüht sich King Kong und die weiße Frau stetig auf ein weit fulminanteres Finale zuzusteuern, welches die vielfältig interpretierbare zynische Gesamtnote des Films umso deutlicher unterstreicht. Anstatt die gelungene Flucht als klassisches Happy End eines Abenteuerfilms einzusetzen, faßt Carl Denham mit Dollarzeichen in den Augen neuen Mut. Das Prinzip der Arthur Conan Doyle Adaption Die verlorene Welt wiederholend will Denham das Monster nun mit seinen Gas-Granaten in Schach halten und fangen, um es mit nach Hause zu bringen. Obwohl die Doyle Geschichte noch auf dem Großwildjägertum der Kolonialzeit fruchtet, war diese Idee keinesfalls weniger aktuell geworden, hatte der Abenteurer Frank Buck doch 1932 mit Bring 'Em Back Alive gerade begonnen, seine Erlebnisse auf die Leinwand zu bringen. Sein Markenzeichen: Wilde Tiere lebend fangen und in der Heimat ausstellen.
Für King Kong und die weiße Frau bedeutet dies zunächst einen Blick zurück ins Eingeborenen Dorf, wo der erregte Affe Einrichtungen wie Menschen zu Klump haut. Im Sinne von Action also ein weiterer Höhepunkt, was neben der überschwenglichen Gewalt für die zu immer höheren Kämmen aufwogenden Wellenbewegungen der Spannungskurve sorgt, die nur scheinbar abebbt, als King Kong schließlich in New York als achtes Weltwunder angepriesen wird.
Nocheinmal holt die symphonisch arrangierte Bilderflut zum ultimativen Showdown aus, mit dem King Kong und die weiße Frau endgültig zum Urmythos der Popkultur wurde. Dabei pointiert der Film erneut die Situation der Unterhaltungsindustrie in mehrfacher Form. Hervorstechend der snobistische Kommentar einer älteren Dame, die ungeachtet der vorausgehenden Mühen doch lieber die toll gefilmten Tierchen sehen möchte, für die Denham bisher bekannt war, mit denen er seinen Äußerungen beim Antritt der Reise jedoch unter den Kritikern keinen Erfolg hatte. Wie sich die ursprüngliche Geschichte schnell verfälschen kann, zeigt ein Gespräch mit der Presse. An dieser Stelle schleicht sich aber auch noch ein möglicher Verweis in Richtung der Kriegsberichterstattung ein, da Carl Denham durch die Bescheidenheit Driscolls schnell zum Helden stilisiert wird, der das Biest mit seinen Gas-Attacken in Schach hielt, wie er es sich in der Planung so einfach erträumt hatte. So liest die Heimat nicht alles, wie es an der Front geschah, mag man meinen.
Als sich der Vorhang lichtet, wiederholt sich das Bild, mit dem Ann Darrow auf der Insel ihrem Schicksal in fremder Welt ausgesetzt war. Wie Jesus ans Kreuz gebunden ist King Kong den Blicken der zahlreichen Zuschauer ausgeliefert und bietet dabei dem Zuschauer viel Raum für eigene Interpretation. Während der unbeschwerte Geist des Kindes ganz natürlich mit der Kreatur fiebert, die ebenso unter dem Druck der erwachsenen Gesellschaft steht, sich jedoch besser zu behaupten weiß, läßt sich Distelmeyers Quellensammlung eine erwachsene Konzentration auf den Affen als Sinnbild des rassistischen Konzepts für den Afro-Amerikaner entnehmen, die auf deren Situation im amerikanischen Showbusiness der Dreißigerjahre leider auch fruchtbaren Boden finden kann. Versöhnlich dabei ist jedoch, daß die betroffene Gruppe sich eben nicht über die herablassende Darstellung echauffiert, sondern sich über den - wenn auch tragisch verlaufenden - Ausbruch als einen Akt der Emanzipation gefreut haben soll.
Aber ist die Darstellung des Kulturkonfliktes in King Kong und die weiße Frau nicht wesentlich ambivalenter? Unter dem Blitzlichtgewitter der Reporter kehrt die unerfüllte Liebe zurück in den Mittelpunkt, als sich das Monster seiner Fesseln entreißt, da er Ann in Gefahr wähnt. Die Situation des Riesenaffen entspricht nicht zufällig der einer blonden Exotin im fernen Inselreich. Im Großstadtdschungel sieht sich King Kong einer ihm fremden Ordnung ausgesetzt, ist die Attraktion und sucht nun seinerseits angsterfüllt das Heil in der Flucht, wobei er seinen Schatz natürlich mitzunehmen gedenkt. Es ist eine Wiederholung des gleichen Vorgangs in einer anderen Form der Zivilisation, was darauf deutet, wie ähnlich sich beide Systeme doch in ihrem Kern sind. In beiden kommt es zur Eskalation, weil die Kulturen nicht in der Lage sind, offen aufeinander zuzugehen, sondern von der Richtigkeit der eigenen Bräuche ausgehen und der Gier nach der Exotik nachgeben.
Nicht nur der vorangegangene Rango legt nahe, daß King Kong im Kern eine tragische Heldenfigur darstellt, die ganz nebenbei den Menschen ihre Fehler aufzeigt. Die Verhaltensweise Denhams im Sequel The Son of Kong deutet klar darauf hin, daß er die Emotionen der Kreatur akzeptiert hat und sich wie auf der Suche nach Verzeihung dem jüngeren Verwandten auf neue Art nähern kann, der ihn dann auch ins Herz schließt. Mit Mighty Joe Young belebte das Team den Mythos vom Gorilla im amerikanischen Showbusiness nochmals neu und verstärkt dort die Ansicht über die eigentliche Gutmütigkeit des Monsters. Dabei sind wir dann auch wieder bei der Moral aus La belle et la bête angelangt, die schon seinerzeit dazu aufrief, sich nicht von Oberflächlichkeiten ablenken zu lassen.
Holy mackerel! What a show!
Spätestens beim ikonischen Anblick King Kongs am Gipfel des Empire State Buildings sind sich alle Zuschauer einig: Das ist ein bombastisches Filmerlebnis für Jung und Alt. Vielmehr eignet sich die gekonnte Mischung aus Drama, Action und Abenteuer sogar geschlechtsunabhängig zur perfekten Unterhaltung. Genau diese ausgewogene Hollywoodrezeptur hatte Carl Denham eingangs als sein Konzept vorgestellt. Bereits am Premierentag konnten RKO ein Sechstel der Produktionskosten einspielen und sich trotz eines weltwirtschaftlichen Tiefpunktes kurz darauf sanieren.
Seinen andauernden Erfolg begründet King Kong und die weiße Frau schließlich auf seinem visionären Gerüst und gestalterischen Fingerspitzengefühl. Nicht nur die bahnbrechenden Effekte sorgten dafür, daß der Film ohne weiteres mehrfach neuaufgeführt werden konnte und in den fünfziger Jahren schließlich sogar eine ganze Monsterwelle entfachte, die sich im Anschluß über Dinosaurier in New York, Formicula und Godzilla ausbreitete. Als einer der ersten Produktionen setzt das Werk auf einen durchgängigen Score, der von Max Steiner komponiert wurde. Zwielichtige Charaktere erinnern zudem an die spätere Film Noir Welle, als Künstler sich in den Vierzigern vom sauberen Image der Studios wieder zu distanzieren versuchten. Mit kleinen Anzüglichkeiten, erstaunlich hohem Gewaltpotential und unvergleichlichem Tempo wirkt das Meisterwerk immer noch zeitlos modern und ist für viele Kreative eine Referenz.
Auch wenn King Kong und die weiße Frau nicht für sich beanspruchen kann, in allem zuerst dagewesen zu sein, handelt es sich doch um einen der einflußreichsten Grundpfeiler des modernen Unterhaltungsfilms, den man nicht nur gesehen haben sollte, sondern der vor allem fünfundsiebzig Jahre nach seiner Erstaufführung nichts von seinem Zauber eingebüßt hat.
Verweise:
Artikel von Jan Distelmeyer
Artikel von Rüdiger Suchsland
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