Es gibt sie immer wieder. Groß angekündigte US-Serien-Produktionen, die über den Atlantik schwappen und schon im Vorfeld „gehypt“ werden. Manch einer kann es angesichts dessen gar nicht aushalten, andere warten erst einmal stoisch ab und kommen letztendlich doch nicht herum. Im Falle von „Prison Break“ steht dem Erfolg nach zu beurteilen Substanz über Hype.
Demnach beginnt es auch rasant, so dass die gewohnte Wohlfühlphase relativ kurzatmig ist. Ein gut gekleideter Business-Mann steht innerhalb den Gemäuern einer Bank und feuert an die Decke, um gleichzeitig appellierend Geld einzufordern. Als die Polizei unmittelbar darauf kommt, leistet er wenig Widerstand und starrt mit einem „Pokerface“ in Folge dessen die Richterin an, als sie ihn zu einer fünfjährigen Haftstrafe in das Fox-River-Gefängnises im Bundesstaat Illinois verurteilt. Wer ist dieser Mann namens Michael Scofield (Wentworth Miller), der so rein gar nicht in das Tat-Klischee passt?
Im Rahmen von 22 Episoden der ersten Staffel bekommt man genug Antworten auf alle Fragen. Erstaunlich ist dabei, dass nie ein Hehl darum gemacht wird, was in letzter Konsequenz passieren wird. Das ist der berühmte „Columbo“-Effekt. Bei der genannten Serie kennt man den Mörder, schaut ihm von Anfang bei der Tat zu und wartet darauf, bis der Inspektor den Verbrecher überführt. Das Warten könnte aber spannender nicht sein, weil die kleinen Details die Würze in der alles entscheidenden Soße sind. So wird auch in „Prison Break“ schnell klar, dass Michael Scofield den seiner Meinung nach zu Unrecht dem Tode geweihten Bruder Lincoln Burrows (Dominic Purcell), der wiederum den Bruder der Vizepräsidentin erschossen haben soll, per Flucht retten will. Den Plan hat Scofield, der als Statiker beim Umbau des Gefängnisses mitwirkte, im wahrsten Sinne des Wortes raffiniert auf den Leib tätowiert.
Vom Anfang bis zum Ende stehen allerdings jede Menge Hindernisse, die in diesem Falle zu einem Spektakel mit Suchtpotenzial gemacht werden. Es gibt Plan A, B, C und D, wobei der Mann hinter der Idee mit Hilfe von Mithäftlingen, wie beispielsweise dem Ex-Mafiaboss John Abruzzi (Peter Stormare), dem herrlich neurotisch gespielten Theodore „T-Bag“ Bagwell (Robert Knepper) und seinem eigenen Zelleninsassen Fernando Sucre (Amaury Nolasco), die Umsetzung bewältigen muss. Dazwischen stehen gegenseitige Anfeindungen, geheime Interessen, pragmatische Intrigen und korrupte Wärter, wie Captain Brad Bellick (Wade Williams). Probleme und Konflikte sind unter diesen Umständen vorprogrammiert.
Der Ausbruch, den eine zunehmend und schwindende Anzahl von Beteiligten ausführen werden, führt letztendlich über die Krankenstation, wo die süß charismatische Tochter des Gouverneurs, Dr. Sara Tancredi (Sarah Wayne Callies), sich um das Wohl der Gefangenen sorgt und durch Scofield benutzt und überdies geschätzt wird. Es ist überhaupt interessant, wie viel Kalkül bzw. Berechnung in dem Vorhaben des Protagonisten steckt. Die Grenze verschwimmt und dementsprechend auch eindrucksvoll die Verteilung zwischen Gut und Böse, weil alle Beteiligten stetig an Tiefe gewinnen und auch eine Stück weit wachsen. Interessante Charaktere duellieren sich.
Das ist der Reiz an der Sache, die neben dem Gefängnis-Treiben parallel durch eine konspirative Schiene rund um den Burrows-Fall genährt wird. Anwälte und Agenten, die im Auftrag von bestimmten Interessensgruppen verschleiern bzw. handeln, liefern sich ein atemberaubendes Duell um die Wahrheit bzw. Fiktion. Demnach geht dem Konstrukt auch nie die tragende Kraft aus, weil wirklich alle Schauspieler, und das ist schon fast einmalig, nicht fehl am Platze wirken und die Last des Ganzen schultern. So kommt es, dass man Folge um Folge verschlingt, um das offensichtliche Ende zu sehen. Dieser Umstand sagt schon sehr viel aus. (9/10)