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Walk the Line (2005)

Eine Kritik von art (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 16.02.2006, seitdem 1554 Mal gelesen


Nach Ray jetzt also die Johnny Cash Biografie.

Hauptdarsteller Joaquin Phoenix soll angeblich sogar Oscar-Favorit sein. Tatsächlich singt er sogar alle Lieder im Film und macht dass wirklich sehr gut. Aber seine Darstellung von Johnny Cash ist so ziemlich das Letzte, was man erwartet, wenn man an den großen alten Mann des Country-Songs denkt.
Johnny Cash ist vor allem durch seine Balladen in Erinnerung geblieben und die zeichnen sich nicht nur durch sein gefälliges Gitarrenspiel, sondern auch durch seine tiefgründigen Texte aus. Die konnten mal ernst sein, aber viele waren auch einfach nur witzig, wie das grandiose „A Boy named Sue“.

Aber diesen Johnny Cash findet man überhaupt nicht in Phoenix Darstellung. Songtexte schreiben? Kann der überhaupt lesen - fragt man sich. Im Prinzip hat man das Gefühl, dass Phoenix einen Grenzdebilen darstellt, der überhaupt keinen klaren Gedanken fassen kann. Die Lider sind stets halb geschlossen, die Mundwinkel hängen schlaff nach unten, die Augen haben keinen Glanz oder Feuer. Kein Humor, kein Schalk, kein Schmerz – man sieht in Cashs Gesicht einfach nur ländliche Dummheit, die entsprechend am liebsten Rockabilly-Musik spielt und dazu auch die passende Elvis-Frisur trägt

Aber ist das wirklich der Cash, den alle posthum verehren? Am Schluss bricht die Geschichte 1968 ab - obwohl der Gute noch weitere 35 Jahre lebte – kann man das dann überhaupt noch Biografie nennen? Hatte Scorsese nicht ähnlich beim Aviator versagt?

Statt Biografie also Fledderei an Cash? Nein, ganz so undramatisiert und langweilig, wie die Filme über Howard Hughs (Aviator) und Muhammad Ali (Ali), ist „Walk the Line“ nicht geworden. Aber etwas mehr Sorgfalt hätte dem Film trotzdem gut getan. Auch hier stehen viele Szenen zusammenhanglos im Raum (was hat er denn damals in Bayern gemacht oder wenn interessiert ein Wasserglas in Folsom Prison?) und Cashs erste Ehe wirkt auch ein bisschen zu arg klischiert.

Es fehlt außerdem die musikalische Entwicklung von Cash und sein Mitgefühl mit der Welt. Da hätte man sich wirklich mehr gewünscht. Aber scheinbar hat Joaquin Phoenix sich vor allem darauf konzentriert, die Gitarre so katastrophal albern zu halten wie Cash das leider immer tat und hat dabei dessen Stimme imitiert. Nur ist Phoenix Stimme viel höher als der unverfälschte Bass von Cash.

Folglich muss Phoenix sämtliche Gesichtsmuskeln und Kiefermuskeln entspannen, um in diese extrem tiefen Lagen zu kommen – tja und dann hängen halt die Augenlider runter, genauso wie die Mundwinkel und der dargestellte Cash sieht dadurch einfach nur blöd aus.

Da ist auch nichts Liebenswertes dran, sondern das ist einfach nur ein dummes Gesicht und das spielt leider auch die ganze Zeit einen ziemlich dummen Menschen, dem man überhaupt nicht die Stärke und den „Walk the Line“ abnimmt.
Dafür einen Oscar? Hoffentlich nicht.

Oscarverdächtig spielt dagegen Reese Witherspoon. Ihre Darstellung von June Carter ist so lebhaft, lustig, nachdenklich, charakterstark, sinnlich wie man es sich von einen liebevoll porträtierten Menschen nur wünschen kann. Sie hat Ausstrahlung, Pepp und Leuchten in den Augen. Ein echter Glanzpunkt des Films und das in einer wirklich schwierigen Charakterrolle.

Im Prinzip macht Witherspoon ihre Sache so gut, dass man sich hinterher wünscht, der Film hätte mehr von June Carter gehandelt - denn was hat die nicht alles durchlebt:
Angefangen als Kinderstar an der Seite ihrer Schwester, dabei immer die gewesen, die schlechter gesungen haben soll. Später dann auf Tournee gegangen mit lauter besoffenen Männern.
Hinzu kommen noch eigene Kinder, für die sie auch da sein wollte. Mehrere gescheiterte Ehen in den 50ern und dann stammt auch noch der Song Ring of Fire aus ihrer Feder.
Wow kann man da nur sagen.
Wer hätte das alles gewusst? In Bezug auf June Carter ist der Film tatsächlich sehr gut.
Aber der Hauptkritikpunkt bleibt trotzdem bestehen: Joaquin Phoenix spielt Cash wie einen Dorftrottel, der Glück gehabt hat (entdeckt zu werden). Damit kann eigentlich niemand zufrieden sein. Dennoch ist es schön, wenn durch den Film wieder mehr Leute Cashs Musik hören.


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