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1966 war der knapp vierzigjährige Lucio Fulci in vielerlei Hinsichten noch weit entfernt von den Filmen, die sowohl seine Bekanntheit unter Horrorfans als auch seine anhaltende Kritisierung wegen exzessiv blutrünstiger Gewaltszenen hervorriefen. Doch "Tempo di Massacro", nach einem Drehbuch von Fernando di Leo gedreht, verweist in gewisser Weise bereits auf Fulcis Filme der 80er Jahre. Inwiefern, soll gleich noch näher erläutert werden.

Zunächst zu den Hauptpersonen. Im Mittelpunkt der Handlung steht Tom Corbett (Franco Nero), der ein karges Leben als Goldsucher führt. Zu Beginn des Films erhält er von einem alten Freund seiner Familie die Aufforderung zur Heimkehr. Doch er findet den reichen Besitz seiner Familie verwahrlost und seinen Bruder Jeffrey (George Hilton) als zynischen Säufer vor.

Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, dass bereits bei diesem Film, als der Erfolg von Corbuccis "Django" noch nicht lange zurücklag, in der deutschen Fassung auf Franco Neros Erfolgsrolle hin seine Figur in "Django" umbenannt wurde und man natürlich auch im Filmtitel das sinnfreie Spiel mit Schlagwörtern betrieb, die dem deutschen Publikum im Zusammenhang mit Western irgendwie bekannt vorkamen. Hier muss allerdings zugestanden werden, dass die Umbenennung wenigstens noch mehr Sinn ergibt als bei unzähligen späteren filmischen Opfern der Djangomanie, da Corbett erstens von Nero gespielt wird und zweitens schon von seiner optischen Erscheinung her geradezu von Corbuccis epochalem Werk inspiriert scheint.

Doch es bestehen, trotz der zum Vergleichen anregenden Ausgangslage, grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Figuren. Während Django gleich zu Beginn als desillusioniert gezeigt wird und es einzig für entscheidend hält, "dass man sterben muss", erlebt man Corbett zunächst als hoffnungsvollen und verhältnismäßig lebensfrohen Burschen. Sein Bruder Jeffrey dagegen tritt zunächst als jemand auf, der sich selbst aufgegeben hat und dem Verfall seiner Welt tatenlos zusieht. Anstelle des einsamen Helden liegt damit die erzählerisch zunächst vielversprechende Konstellation zweier ungleicher Brüder dem Film zugrunde.

Den Hintergrund für Toms und Jeffreys Zusammentreffen bildet die in Italowestern häufig anzutreffende Gegebenheit, dass ein ganzes Dorf durch die Autokratie eines reichen Landbesitzers unterjocht wird. Das Fehlen einer wirksamen Exekutive macht diese Herrschaft erst möglich. Ob es eine Möglichkeit gibt, hier Anspielungen auf die gesellschaftliche Situation in Italien zur Entstehungszeit des Films zu sehen, wage ich nicht zu beurteilen. Jedoch waren die Filme von Lucio Fulci häufig von bitterer Kritik an Institutionen politischer sowie vielmehr noch religiöser Art erfüllt, man vergleich dazu seine wenige Jahre später entstandene "Beatrice Cenci".

Personifiziert wird die Unrechtsherrschaft in diesem Film durch Mr. Scott (Giuseppe Addobbati), einen gediegenen älteren Herrn, und seinen sadistischen Sohn Jason (Nino Castelnuovo). Das Initialienzeichen der Familie prangt wie ein Pfandsiegel oder auch das Wahrzeichen eines politischen Systems an fast jedem Gebäude. Auskünfte über Scott wagt kaum jemand im Ort zu geben, da seine Männer vor keiner Schandtat zurückschrecken - auch eine ganze Familie muss dran glauben, nur um die Weitergabe von Informationen zu verhindern. Bei dem Treiben der Scotts setzt Fulcis konsequente Bemühung um graphischere Gewaltdarstellung ein. Schüsse, Peitschenhiebe und Faustschläge wirken hier nicht, wie bis dahin fast durchgehend aus Western gewohnt, äußerlich spurlos auf den Körper ein, sondern die blutigen Wunden werden regelmäßig zum Bildmittelpunkt. Es ist letztlich schwer zu entscheiden, ob dieses damals ungewohnte Vorgehen die Unbarmherzigkeit der Täter hervorheben und ihre Schandtaten noch stärker markieren soll, oder ob das Blut als Schauwert dient, als 1966 im Film noch weitgehend tabuisiertes Faszinosum, das den Adrenalinspiegel in die Höhe treibt. Bei Fulcis fast zehn Jahre später gedrehtem Western "I Quatro dell' apocalisse" mit seinen erschreckenden Bildern von Sadismus scheint die Lage weit eindeutiger.

Fulcis Regieleistung besteht jedoch in weit mehr als in der Hervorhebung von Brutalitäten. Der Beginn zeigt exemplarisch, wie effektiv er mit Kontrasten umzugehen wusste. Wir sehen als erstes eine Jagdszene, die sich binnen kurzem als Menschenjagd entpuppt und mit dem Tod des von Hunden zerfleischten Opfers in einem Fluss endet, ein ähnliches Bild, wie Fulci später mit dem Tod von Catalano in "Beatrice Cenci" zeigen sollte. Die Jäger scheinen geradezu lustvolle Erregung dabei zu empfinden. Der Schauplatzwechsel führt zur Arbeit im Goldsucherlager, wodurch der Fluss als verbindendes Element im Bild bleibt. Der Stimmungswechsel hin zum biederen Treiben der Goldsucher könnte jedoch einschneidender nicht sein. Ebenso effektvoll ist später im Film die Überblendung vom fröhlichen Stadtleben - von einem Bolero unterlegt - zum Bild des verfallenden Elternhauses der Corbett-Brüder. Von Lallo Goris Filmmusik werden diese Kontrastwirkungen gekonnt unterstützt. Das einsame Mundharmonikaspiel eines sich hinter einem Wagenrad versteckenden Kindes, das das Eintreffen der Scotts untermalt, lässt auf das eben noch so heiter-geschäftige Dorftreiben hin eine Atmosphäre der Verlorenheit und Bedrohung aufkommen und ist auch noch insofern bemerkenswert, als der berühmteste Mundharmonikafilm aller Zeiten erst zwei Jahre später entstand. Sergio Endrigos Titelsong "A man alone" ist ebenfalls einer der besseren seiner Art.

Aufmerksamkeit verdient die schillernde Figur des Jason Scott, der, offenbar aus einer enttäuschten Liebe zum Vater, zu jeder Gewalttat bereit scheint. Meist in Weiß gekleidet, was auch die prägende Farbe des Scottschen Familienbesitzes ist, und im Gegensatz zu den ständig ölig-verschmiert wirkenden Brüdern Corbett übermäßig gepflegt und verhätschelt wirkend, sieht man ihn Orgel spielen, wenn er gerade nicht jemanden jagt oder auspeitscht. Ob das Orgelspiel auf die Kirche als beliebtes Kritikobjekt Fulcis anspielt, scheint schwer zu beantworten. Die Peitsche jedenfalls ist viel mehr als eine Waffe, mit der man Schmerzen zufügt, sie ist ein Instrument der Erniedrigung, mit dem er Tom Corbett gnadenlos in den Staub wirft, wodurch er weniger diesen als seine eigene Zerrüttung unter Kontrolle zu halten sucht. Eine scheinbar harmlose Entsprechung hat dieses Niederwerfen auch im sinnfälligen Wechsel zwischen Vogel- und Froschperspektive, die während der Stadtszenen die soziale Ordnung westerntypisch verdeutlichen.

Was nicht zu den positiv zu bewertenden Aspekten des Films gehört, ist der Versuch, Humorelemente zu installieren, die leider stellenweise zu einer geschmacklosen Verharmlosung des Tötens führen. Dazu dient etwa die Figur eines sprücheklopfenden alten Chinesen, der für Auflockerung sorgen soll, wo sie nicht erwünscht und angebracht ist. Auch bei den Brüdern Corbett fällt auf, dass der Film sie trotz ihres schweren Schicksals zum Ende hin zunehmend von dieser Schwere entlasten will, indem sie beispielsweise nach gelungenen Schusswechseln erst einmal lachen und einander Komplimente machen. Damit wird die Familientragödie der ersten Hälfte in gewisser Hinsicht untergraben; der Film wird zeitweise zum Actionwestern. Auch dass Jeffrey Corbett zunächst als resignierter Säufer eingeführt wurde, scheint dann nahezu vergessen; mit seinem Bruder schießt und prügelt er sich durch die Reihen der Feinde. Sein Alkoholismus scheint nach wie vor zu bestehen, aber er fungiert nun als Humorwert. Katastrophal ist das alles nicht, aber es verhindert doch letztlich, dass der Film die Genrekonventionen seiner Zeit weit hinter sich lässt, wie das angesichts der ersten Hälfte noch ohne weiteres möglich scheint.

Trotz dieser Ungereimtheiten bleibt "Tempo di massacro", vor allem wegen seiner intensiven Bildsprache, ein beachtlicher Western und ein weiteres wenig bekanntes, aber sehenswertes Werk Fulcis.

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