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München (2005)

Eine Kritik von Red Shadow ® (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 27.01.2006, seitdem 713 Mal gelesen


Nach „Krieg der Welten“ verbleibt Steven Spielberg mit „Munich“ erst einmal im ernsten Bereich seiner vielseitigen, filmischen Kreationen. Während dieses Mal die amerikanischen Filmkritiker überwiegend positive Worte finden, hagelt es aus ungewohnten Regionen Kritik. Ausgerechnet die „pro-israelische-Lobby“ bezeichnet Spielbergs neuestes Werk mitunter als „naiv“, „prätentiös“, „unprofessionell“ und „übertrieben“.

Daraus lässt sich schon ableiten, dass „Munich“ politisch brisante Themen aufgreift und eine weltweite Polarisierung hervorruft. Spielberg zahlt den Preis für die Visualisierung eines sensiblen Themas. Dabei wäre eine realistische Schilderung der Terroranschläge 1972 in München, im Rahmen der Olympiade, der weitaus weniger steinige Weg gewesen. Allerdings sind die Ereignisse nur Anlass und nehmen einen minimalen Teil des Gesamtplots ein. Teilweise mit Originalaufnahmen ergänzt, werden zu Beginn des Films die tragischen Geschehnisse bei der Olympiade 1972 in München, als arabische Terroristen israelische Athleten entführten, wiedergegeben. Die Befreiungsaktion endete in einem Desaster – letztendlich sterben alle elf Geiseln.
Die eigentliche Geschichte ist jedoch eine andere. Im Sinne der Rache wird bei der „Operation Zorn Gottes“ auf höchster Ebene ein Killerkommando engagiert, um die Hintermänner der terroristischen Aktion zu beseitigen. Der inoffizielle Mossad-Mitarbeiter Avner (Eric Bana) soll das international besetzte Team leiten. Mittels Kontaktleute werden die Zielpersonen weltweit lokalisiert. Der Betrachter begleitet das Team bei der Planung und Ausführung der Vergeltungsaktionen.

„Munich“ ist in erster Linie nicht um historische Nähe bemüht. Der Plot ist in Anlehnung an den Roman „Vengeance“ von George Jonas mehr oder weniger Phantasie. Die Intention bezieht sich nicht unmittelbar auf die Ereignisse rund um den Terroranschlag bei der Olympiade 1972. Spielberg zeigt überwiegend, wie sehr Gewalt den Menschen verändert. Er lässt seine Charaktere zweifeln, sich rechtfertigen und hinterfragt die Methoden beim Kampf gegen Terrorismus. Avner ist dabei in jeder Hinsicht die zentrale Person des Teams. Spielberg nutzt den Leiter des Killerkommandos, um Gefühle zu transportieren. Der Protagonist hat die Verantwortung für seine Familie, für das Vaterland und muss alles mit seinem Gewissen vereinbaren. Dabei wird Avner, dem Bana das passende Profil gibt, immer mehr ein Teil einer nicht enden wollenden Gewaltspirale. Spielberg gelingt es die Figuren nicht als Stereotypen erscheinen zu lassen. Im Rahmen des beauftragten Teams hat Kaltblütigkeit ebenso Platz wie Menschlichkeit. Keiner hat auferlegte, moralische Rollen - Sympathie und Antipathie ist schwer zuzuordnen. Identifikation spielt sich auf der Ebene von Verhaltensweisen ab.
Was ist Recht und Unrecht bei der Bekämpfung von kaltblütigen Verbrechen!? Heiligt der Zweck alle Mittel?? Wie sinnvoll bzw. wirkungsvoll ist die Philosophie „Auge um Auge, Zahn um Zahn“!? Die heraufbeschworene Spirale der Gewalt ruft noch mehr Leid hervor. Dabei macht der Regisseur auch keinen Unterschied, ob die Gewalt staatlich abgesegnet ist oder den feigen Beigeschmack eines Terroranschlags hat. Gewalt ist Gewalt, und das Ergebnis ist eine endlose Kette von Racheaktionen und Gegenreaktionen. Gewinner gibt es nicht, am Ende sind alle Verlierer. Spielberg verfällt nicht dem Schwarz-Weiß-Schema und vermeidet eine wertende Haltung.
Ob und inwiefern Jonas’ Schilderungen der Realität entsprechen, kann natürlich nicht beantwortet werden, da sich die Ereignisse auf eine Schattenwelt, in der Agenten und hochrangige Politiker unter Verschluss der Öffentlichkeit handeln, beziehen. Letztendlich ist der historische Wahrheitsgehalt auch irrelevant, die Hinterfragung des Teufelskreises aus Gewalt und Rache ist als Aussage universell – und relevanter denn je.

Authentizität wird auf andere Art und Weise vermittelt. „Munich“ saugt den stilistischen Zeitgeist der 70er Jahre auf. Die Kulissen sind akribisch den geographischen Schauplätzen angepasst. Innerhalb der verschiedenen Örtlichkeiten bzw. Länder werden die Landessprachen gesprochen. Nebenrollen wurden dementsprechend besetzt.
Die Wirkung der perfektionistischen Kleinarbeit ist atemberaubend. Optisch ist man der dargestellten Zeit sehr nah – mit passenden Farbfiltern, braunen Farbtönen und einem markanten Blaustich in den Bildern, nähert man sich der Wirkung einer dokumentarischen Wiedergabe. Für den passend melancholischen, gefühlsbetonten Score sorgt John Williams. Spielbergs Stammcrew harmoniert. Die Inszenierung ist auf Realismus ausgerichtet, was im Übrigen auch die brutale, kompromisslose Darstellung der Morde zum Ausdruck bringt. Im Endeffekt transportiert man eine beeindruckend zeitgemäße Atmosphäre, die der Dramaturgie dient.

Makellos ist „Munich“ dennoch nicht. Im Wesentlichen stimmt das Timing oftmals nicht. Die Planung der Aktionen wird in aller Breite beleuchtet, während spannende Momente bei der Durchführung oftmals urplötzlich abgewürgt werden. Subtile Übergänge sind selten vorhanden, unpassende Schnitte nehmen Spannung und hinterlassen einen Eindruck von Sprunghaftigkeit. Das Drehbuch ist allgemein nicht über jeden Zweifel erhaben. Anstatt sich auf weniger Aktionen der Gruppe zu konzentrieren, reiht sich eine Planung an die andere, ohne dass die Handlung effektiv fortschreitet. Einerseits entstehen dadurch Längen, andererseits fehlen trotz einer Lauflänge von knapp 164 Minuten passende Überleitungen, was zweifelsohne auch mit dem überfrachteten Drehbuch zusammenhängt. Darüber hinaus erscheinen diverse inhaltliche Zusammenhänge unpassend. Weshalb Avner überwiegend im Traum nach und nach die Geschehnisse bei der misslungenen Befreiungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck erlebt, ergibt wenig Sinn. Der Protagonist war seinerzeit weder erschüttert noch im besonderen Maße persönlich betroffen. Sein Beweggrund für die Vergeltungsaktion war tief greifender Patriotismus. Spielberg wäre besser beraten gewesen, wenn er die Terroranschläge bei der Olympiade 1972 zu Beginn vollständig abgehandelt hätte.

Auch wenn „Munich“ vereinzelt Schwächen aufweist, ist Spielbergs neustes Werk mutig, couragiert und ja, auch wichtig. Das Ende, in dem im Hintergrund symbolisch die New Yorker Twin Towers stehen, belegt, wie zeitlos und universell die Aussage ist. Spielberg illustriert und hinterfragt eine endlose Kette von Racheaktionen und Gegenreaktionen. „Munich“ funktioniert nicht nur als spannender Politthriller, sondern ist vor allem auch ein wichtiger Denkanstoß. (8/10)


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