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München (2005)

Eine Kritik von kinjo
eingetragen am 12.11.2006, seitdem 385 Mal gelesen


Steven Spielberg beweist einmal mehr, daß er zur Gattung der überschätzten Regisseure gehört.

Durchschnittliche Unterhaltungsfilme sind zwar nichts verwerfliches, daß dem Publikum ebensolche aber als wichtige Kunstwerke oder gar zeitgeschichtliche Dokumente präsentiert werden, ist meiner Meinung nach eine Unverschämtheit. Dieser Vorwurf trifft nun weniger Spielberg, als vielmehr all jene Zeitgenossen, die dem Film MUNICH moralische oder gar politische Relevanz zusprechen, denn dazu geht der Film zu wohlfeil mit den historischen Fakten um, die lediglich den Aufhänger für die typisch spielbergschen Formalismen bilden.

Erzählt wird einmal mehr die Geschichte eines Mannes, der eine negative Initiation erlebt, durch die er seine verlorene Unschuld wiederherzustellen versucht. Als Vergeltung für die Münchner Geiselnahme, die zunächst nur medial vermittelt (durch die Verwendung von Archivmaterial sehr gelungen), später in Rückblenden direkt inszeniert wird (sehr brutal, durch die fehlende Reflexion der medialen Inszenierung des Geschehens und unmotiviert in die Filmhandlung eingebettet aber lediglich eine künstlerische Spielerei mit verschiedenen Realitätsebenen), soll der Mossad-Agent Avner Kaufman als Leiter einer Spezialeinheit 11 mutmaßliche Drahtzieher liquidieren. Sein Auftrag erfolgt im Rahmen eines Kaffeekränzchens mit Golda Meir und einigen Generälen, die hier als eine Art Mutter- bzw. Vatergestalten fungieren. Und genau darum geht es eigentlich in dieser spannungsarmen Nummernrevue dilettantisch ausgeführter Attentate: um eine Reflexion zum Thema Heimat und Famile.

Die simple Aussage des Films dreht sich nicht um Terrorbekämpfung und ihre moralische Rechtfertigung, sondern um Völker, die sich ihre Heimat zurückerobern bzw. sich diese nicht wegnehmen lassen wollen und dadurch schuldig werden. Spielbergs Helden sind immer auf der Suche nach dem verlorenen Urzustand der glücklichen Famile, der sich jedoch niemals rekonstruieren läßt. Auf einer persönlicheren Ebene zeigt sich dies am Falle Avners, der zunächst vor seiner Verantwortung als Vater in einen noch unmündigen "kindlichen" Zustand flüchtet und mit seinen Spielkameraden Bomben bastelt, dabei jedoch Gewissensbisse bekommt und schließlich als paranoider "Erwachsener" seiner "Heimat" (dem Staat, der als falsche Form von Familie entlarvt wird bzw. der Informanten-"Familie") endgültig den Rücken kehrt, um mit Frau und Kind in Amerika zu leben - eine trügerische Idylle, wie die Schlußeinstellung mit den Twin-Towers verdeutlicht.

Neben altbekannten Stilmitteln wie zum Beispiel der Bedeutung der Nahrung (Avner ist Koch, die Verschwörergruppe zelebriert ritualhaft das Einnehmen der Mahlzeiten, Avner bekommt von einem seiner "Väter" mehrmals Wurst und Käse geschenkt) oder gestörter Kommunikation (Er hört die ersten Worte seiner Tochter durchs Telefon) usw. bietet MUNICH aber leider nicht besonders viel, da sich Spielberg geschickt um jeglichen ernsthaften politischen Kommentar herumdrückt, dem Publikum stattdessen für eher schlichte Gemüter konzipierte und dadurch langweilige Dialoge vorsetzt, zwischen denen ab und zu etwas explodiert.

Darum wirkt der Film bei zweieinhalb Stunden Spieldauer aufgebläht und verkrampft gehaltvoll (z. B. in einem Monolog über Herbert Marcuses Einstellung zu Hegel, der die Moral von MUNICH prägnant zusammenfasst, von den meisten Zuschauern - und auch Feuilletonschreibern - jedoch anscheinend nicht verstanden wurde; man hätte sich die ganze Kontroverse um den angeblichen Antizionismus des Films ersparen können, weil es Spielberg auf der politischen Ebene lediglich um eine Untersuchung von Begriffen und den ihnen von der Gesellschaft untergeschobenen Bedeutungen geht). Somit wurde ein interessantes Thema angepackt, das leider einer standardisierten inszenierung amerikanischer Family Values zum Opfer fiel.


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