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Elefantenmensch, Der (1980)
Eine Kritik von Tyler Durden! (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 09.02.2007, seitdem 1751 Mal gelesen
1862 bis 1890 lebte Joseph Merrick in England und wurde als Elefantenmensch bekannt. Man vermutete, dass er an der Krankheit „Elefantiatis“ litt, bei der abnorme Vergrößerungen bestimmter Körperteile zu beobachten sind. Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass er am Proteus-Syndrom gelitten hat. Es gibt in der Literatur zu dieser Erkrankung nur etwa 150 Fallbeispiele. Das Syndrom zeichnet sich durch partiellen Großwuchs aus und ich bin nicht Fachmann genug, um das Sydrom gegen die Elefantiatis abgrenzen zu können. Fest steht, dass Joseph Merricks Körper äußerst deformiert gewesen ist. Lediglich seine linke Hand blieb von den der Krankheit verschont. Mit der rechten war er unfähig Dinge zu halten. Sein Gesicht war völlig entstellt. Man kann sich vorstellen, dass Merrick ein schweres Leben führte. Nach einer Schulepisode in jungen Jahren pilgerte er mit einem Manager über Jahrmärkte, ein Leben, mit dem man keine Erfüllung finden kann. Hinzu kam, dass seine Manager ihn um Geld betrogen. Er reiste irgendwann zurück nach London, nachdem er sogar in Belgien als Monsterattraktion unterwegs gewesen ist, um dort einen Chirurgen wieder zu sehen, von dem er einst schon untersucht worden war: Frederick Treves. Dieser brachte ihn in ein Hospital, in dem er trotz seiner unheilbaren Krankheit aufgenommen wurde. Es gab einen eigenen Fund, der seinen Aufenthalt finanzierte. Am 11. April 1890 wurde er tot in seinem Bett aufgefunden. Er erlitt wohl einen Herzinfarkt und erstickte daraufhin.
Diese ergreifende Geschichte eines armen Menschen griff David Lynch im Jahre 1980 in filmischer Form wieder auf. Ich hörte viel Gutes über den Film und wagte es, ihn gestern auf Arte zu inspizieren. Meine Erwartungen hielten sich in Grenzen, da ich über Lynchs „Eraserhead“ auch viel Gutes gehört hatte und im Nachhinein sehr enttäuscht wurde. „Der Elefantenmensch“ ist bis auf das Schwarz-Weiß-Element und die düstere Stimmung aber nicht mit Eraserhead vergleichbar. Er ist viel weniger verworren und subtil, erzählt vielmehr geradelinig eine Lebensgeschichte, die man nur schwer vergisst. Mit dem Elefantenmenschen wollte Lynch nach einem im Mitternachtskino bekannt gewordenen Eraserhead in den Mainstream einsteigen und stieß dabei zunächst auf wenig Begeisterung. Als Mel Brooks, der zuvor nur durch seine Parodien Bekanntheit erlangte, das Skript las, wollte er es schließlich umsetzen und ließ sich aus jeglichen Credits streichen, damit der Film nicht zu Unrecht für eine Komödie gehalten werden würde. Als Darsteller konnten zum einen John Hurt für die Rolle des John Merrick begeistert werden und der aufstrebende Anthony Hopkins für die Rolle des gutmütigen Arztes Frederick Treves. Interessant ist noch, dass der Film 1981 für 8 Oscars nominiert wurde und leer ausging. Die 5 Millionen-Produktion wurde zu einem finanziellen Erfolg und spielte in den Staaten mehr als das Fünffache ein. Nach dem Erfolg bot George Lucas David Lynch sogar die Funktion als Regisseur für den dritten Star Wars teil an. Doch genug der Randdaten, schauen wir uns den Film etwas genauer an und beginnen mit der Story.
„Ich bin kein Tier! Ich bin ein menschliches Wesen! Ich ... bin ... ein Mensch! (Joseph Merrick)
Lynch blieb relativ nah an der soeben ausgebreiteten Geschichte des Joseph (im Film „John“) Merrick. Er beginnt allerdings mit der Darstellung seiner Mutter, die angeblich in ihrem vierten Schwangerschaftsmonat von einem Elefanten attackiert und zu Boden gerissen wurde. Deswegen war das Kind entstellt und erhielt seinen Namen. Bis zum Alter von 21 Jahren wurde John misshandelt und von seinem herzlosen Besitzer benutzt, um auf Jahrmärkten in Europa Geld zu verdienen. Auf einem der besagten Jahrmärkte begegnet er jedoch dem Chirurgen Treves, der Mitleid mit dem armen Geschöpf bekommt und ihn untersuchen will. Es dauert seine Zeit, bis alle Hospitalarbeiter davon überzeugt sind, dass John Merrick ein intelligenter, normal denkender Mensch ist, der lediglich Ausdrucksschwächen auf Grund seiner Erkrankung hat. Immer mehr etabliert sich der Kranke in der Gesellschaft und lebt mit der Gewissheit, niemals geheilt werden zu können. Daraus macht sein Arzt nämlich keinen Hehl. Gleichzeitig gibt es immer noch die Leute, die aus seiner Deformierung Profit schlagen wollen. Zu ihnen zählt einer der Nachtarbeiter des Krankenhauses, der Geld von diversen sensationsgeilen Leuten einsackt und ihnen daraufhin Merrick unfreiwillig präsentiert. Er nimmt leichtfertig und gefühllos in Kauf, dass man über ihn spottet. Zu seinen Kunden zählt auch der ehemalige Besitzer von Merrick, der ihn aus dem Londoner Krankenhaus nach Paris entführt, um ihn dort wieder auf Jahrmärkten für Selbstzwecke zu nutzen. Dem Misshandelten gelingt die Flucht und er kehrt nach London zurück, wo er zunächst wieder widerlichen, gierigen Menschen begegnet, die nicht verstehen, dass er ein Mensch wie sie ist. Gott sei Dank findet er schließlich zu seinem Freund und Retter Treves zurück.
Lynch kommt natürlich entgegen, dass die Geschichte an sich unfassbar ergreifend ist und sogar ich, der ich in Filmen nur schwer von Emotionen zu erfassen bin, musste die ein oder andere Träne unterdrücken. Lynch gelingt es, ein sehr starkes Mitgefühl beim Zuschauer zu entwickeln und stellt Merrick als das dar, was er war: Eine arme, missverstandene Gestalt, die nichts Anderes wollte als menschliche Anerkennung. Die Grundstimmung im Film ist düster gehalten und Lynch präsentiert die gesamte Spanne der menschlichen Hässlichkeit, die man sich vorstellen kann. Das unterstützt er durch widerliche Bilder von schwarzem Rauch und kalten, leblosen Rohren aus dem Untergrund. Er verdeutlicht, dass unsere Welt sehr kalte, herzlose und schmutzige Seiten hat. Es gelingt ihm gleichzeitig, das Gegenteil darzustellen: So gefühllos viele Menschen durch die Welt schreiten, so warmherzig sind andere, und so hässlich Teile unserer Welt sind, so wunderschön können andere sein. In wenigen anderen Filmen habe ich diesen Kontrast bewusster erlebt und deutlicher dargestellt bekommen. Ein Riesenlob für Lynch an dieser Stelle. Der Zuschauer wird in kurzer Zeit von zwei Extremen überwältigt, die den Film zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Unterstützt wird das ganze von einer musikalischen Untermalung, die passender nicht sein könnte. Für sie war John Morris (so viele Johns!) zuständig.
Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass man den Elefantenmenschen in der ersten halben Stunde nicht sehr ausführlich zu Gesicht bekommt. Vielmehr muss man sich mit seinen Schatten begnügen oder mit ihm in vermummter Form. Das ist ein starkes dramatisches Element, das ich ohne Zögern Lynch zugeschrieben hätte. Bei meinen Nachforschungen stellte sich heraus, dass das John Hurts Idee war. John Hurt, der 12 Stunden in der Maske sitzen musste, bevor er aussah wie John Merrick. John Hurt, dem missfiel, dass ihm wenig mimischer Spielraum auf Grund der Deformationen blieb. Doch das musste so sein. Auch der reale Joseph Merrick war nicht im Stande, eine breite Spanne an Gefühlen darzustellen. Der reale Frederick Treves drückte das zu seinen Lebzeiten folgendermaßen aus: „Eine Sache, die mir immer wieder als traurig an Merrick auffiel, war die Tatsache, dass er nicht lächeln konnte. Egal welcher Stimmung er war, sein Gesicht blieb ausdruckslos. Er konnte weinen, aber er konnte nicht lächeln.“ Eines der schlimmsten Zustände, die ich mir vorstellen kann. Hurt verkörpert den Elefantenmenschen trotzdem bestmöglich und besonders Hopkins ist hervorzuheben. Seine Präsenz in diesem Film ist gigantisch.
Besonders positiv aufgefallen sind mir die Dialoge, die mir in Eraserhead sehr gefehlt haben. Sie wirken nach 26 Jahren immer noch sehr authentisch und emotional. Mit fällt Weniges ein, was ich für verbesserungswürdig halte. Einzig die Vorhersehbarkeit einiger Handlungselemente hat zu geringen Abzügen bei mir gesorgt, aber das ist bei einem Film, der ein Leben nachfühlt, das es tatsächlich gegeben hat, nur schwerlich zu vermeiden.
Fazit: Lynch traut sich, das Leben von Joseph Merrick, dem Elefantenmenschen, filmisch umzusetzen und macht es phänomenal. Dabei hat er Unterstützung von fabelhaften Schauspielern, allen voran Anthony Hopkins und baut eine unnachahmliche Stimmung auf. Ein sehr verreinnahmender und einprägsamer Film, den ich als deutliche Weiterentwicklung zu Eraserhead ansehe, mag er auch rückblickend ein untypisches Element in David Lynchs Filmgeschichte gewesen sein. 9 Punkte gibt es von meiner Seite. Euer
Don
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