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Leben der Anderen, Das (2006)

Eine Kritik von Arminowitsch (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 05.01.2007, seitdem 603 Mal gelesen


Ein Kammerspiel der Überwachung

Das stilsicher inszenierte Stasi-Drama umschifft geschickt pauschalisierte DDR-Polemik, indem es sich voll und ganz auf einen spannenden Einzelfall beschränkt.

Der Staat und die kritischen Künstler
Der Stasifilm "Das Leben der Anderen" beginnt, wie man es von solch einem Werk erwartet. Gerd Wiesler wird als akkurater, zynischer alter Hase in der Staatssicherheit eingeführt. Er unterrichtet den Studenten im Hörsaal seine perfiden Verhörtaktiken, man vermutet ihn daher als wesentlichen Antagonisten der Handlung. Der Fortgang der Story zeigt allerdings ein weniger einfaches Bild: Wiesler soll einen Schriftsteller überwachen, das volle Programm auffahren, nur weil der Kulturnminister der Partei die Freundin des Dichters, eine bekannte Schauspielerin, begehrt. Wiesler, der selbst praktisch kein Privatleben besitzt, führt zunächst den Auftrag gewissenhaft aus, vertieft sich in das Leben des Schriftstellers. Doch scheint dieser Dreymann eine weiße Weste zu haben - im Gegensatz zu einigen seiner Freunde -  während der Auftraggeber auf "Ergebnisse" drängt. Die Zuspitzung der Situationen zwingt den Schriftsteller, Stellung zu beziehen, wogegen Wiesler am Sinn des Auftrags zu zweifeln beginnt.

Einzelfallstudie statt Pauschalurteil
Der Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck konzentriert sich voll auf die ausführlich geschilderten Einzelschicksale in der gar nicht abwegigen Fallkonstruktion. Zwar lassen sich alle DDR-Systemkritiken im Film finden, die Stasi wird selbstverständlich als totalitärer Überwachungsapparat beschrieben, doch will sich der Film nicht auf eine simple Polemik reduzieren lassen. Weder paranoide Unterdrückungspauschalisierung noch platte Ostalgie herrschen vor. Stattdessen zeigt "Das Leben der Anderen" ein erstaunlich "normales", unverklärtes (im Negativen wie Positiven) Bild des Lebens in der DDR. In der aktuellen Welle der Ostklamotten ist das schon einmal bemerkenswert. Die Wendung in der Geschichte, dass Wiesler bewusst Informationen verfälscht/verheimlicht, um das (Privat-)Leben der Überwachten, Dichter Dreymann und Freundin Christa-Maria Sieler, zu schützen, ist ein geschickter Schachzug. Zeigt sie doch auf der einen Seite kritisch die Gefahr der Willkür in der Macht des Überwachungssystems, auf der anderen Seite führt sie zu der "Absurdität", dass Wiesler aus seiner politischen und moralischen Überzeugung zum Sozialismus heraus bewusst die Stasi hintergeht. Der Film denkt damit weiter, als die meisten DDR-Stasi-Verrisse. Auch die Auflösung der vertrackten, aber immer nachvollziehbaren Thriller-Konstruktion kriegt die Kurve, ein gemäß dem Verlauf der Handlung befriedigendes Ende zu liefern, dass zugleich nicht verlogen oder aufgesetzt wirkt. So kann man von Donnersmarck in allen Belangen loben, eine bis auf wenige kleine Patzer überlegte Aufarbeitung nicht unbedingt typischer, aber authentischer ostdeutscher Schicksale geschaffen zu haben. Glücklicherweise wurde auf eine billige "basierend auf einer wahren Geschichte"-Plakette verzichtet.

Schwerpunkt Glaubwürdigkeit
Von den erwähnten Unstimmigkeiten abgesehen (z.B. der mit übertrieben humoristischem Akzent versehene Schriftexperte der Stasi), ist die Inszenierung sehr auf Glaubwürdigkeit fernab von Kitsch und Klischee bedacht. Die Funktionsweise eines sogenannten OV, operativen Vorgangs, also einer Überwachung, wird detailliert rekonstruiert. Ebenso wirkt das Bild der Stasi objektiv: Auf einen menschenverachtenden, faschistoiden Apparat ohne Skrupel lässt es sich nicht projezieren, was der sporadisch eingesetzte Humor brilliant untermauert. Nichtsdestotrotz wird es als ein extrem professionelles System geschildert. Schließlich war die Stasi tatsächlich den meisten (westlichen) Geheimdiensten damals weit überlegen.
Das wohl wichtigste Fundament für den spannenden Film ist jedoch das durch die Bank geniale Darstellerensemble, allen voran Ulrich Mühe als Wiesler und Martina Gedeck als die Schauspielerin Sieler. Sie verkörpert die für ihre Kunst lebende Frau, die zwischen ihrer Liebe Dreymann und ihrer Zwangsaffäre mit dem Kulturminister ständig abwägen muss, beeindruckend. Besonders die glänzend gespielten Konfrontationen mit Wiesler, dem eigentlichen tragischen Helden der Geschichte, bleiben hängen. Ulrich Mühe verleiht seinem Stasispitzel ein menschliches Gesicht, allerdings unaufdringlich hinter einer kalten Beamtenfassade, wie sie kein anderer treffender darstellen könnte. Besondere Anerkennung verdient seine Charakterwendung hin zum "guten Menschen", die nicht einfach platt durch ein Ereignis aus dem Nichts heraus ausgelöst wird, sondern sich hintergründig entwickelt. Selbst die eine Szene, in der er weint, wirklich Gefühl zeigt, bleibt immer noch ambivalent - dass er wegen seiner Einsicht weint, ist an der Stelle ganz und gar nicht eindeutig. Das ist Schauspielerei auf einem Niveau, wie man es selten findet, alleine das ist Grund genug, den Film zu sehen. Die kammerspielartige Atmosphäre hält die Spannung am Kochen, was die nüchterne, unaufdringliche und stilsichere Inszenierung gut unterstützt. Diese mag zwar nicht spektakulär erscheinen, erfüllt ihren Zweck aber allemal.

Fazit
"Das Leben der Anderen" ist ein spannender, gut recherchierter Thriller, der vor allem durch das exzellente Schauspiel brilliert. Vielleicht hätte man ihn noch dramatischer machen können, doch so erhält sich das Kammerspiel auf jeden Fall seine Glaubwürdigkeit. Das ist auch gut so, da die eindimensionalen DDR-Klischees im deutschen Kino langsam nerven. Aufgrund des klugen Drehbuchs, das sich von Allgemeinurteilen eher fernhält, lässt sich der Film auch losgelöst von der DDR betrachten, als Diskurs über die Gefahr der potentiellen Willkür in einem überstaatlichten Gesellschaftssystem, als Konflikt politischer Ideale gegen fragwürdige Praxis zum Beispiel. Das alles bietet der Film ganz unverkopft in Form eines menschlichen Dramas.


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