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Visitor Q (2001)

Eine Kritik von Tool (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 26.11.2002, seitdem 928 Mal gelesen


Alle, die "Dead or Alive" schon abgedreht fanden und beim Anblick dessen schnellgeschnittenen und völlig durchgedrehten Anfangssequenz schon aufgrund der Gewalt und der kranken Charaktere ins Staunen geraten sind, werden mit "Visitor Q" ihr blaues Wunder erleben. Dieses Stück Medium fällt nämlich in eine Kategorie, die sehr bis kaum zu benennen ist. Den ein Spielfilm ist "Visitor Q" irgendwie nicht. Auch in das Genre des Dokumentarfilms kann er nicht eingeordnet werden, trotz seinem Doku-Touch, der einen die ganzen 84 Minuten begleitet. Somit wäre "Visitor Q" schon in dieser Hinsicht außergewöhnlich, einzigartig und einmalig, was aber sicher nicht der letzte Aspekt ist, der für das "Anderssein" des Ganzen spricht. Zu Beginn bekommt der Zuschauer "Hast du es schon mal mit deinem Vater getrieben?" zu lesen. Keiner weiß eigentlich, was das zu bedeuten hat, ein paar Sekunden jedoch ist er bestens aufgeklärt. Man sieht ein Mädchen, das ihr Geld mit dem Huren verdient und gerade einen neuen Kunden "bedient". Dieser ist nicht nur irgendein Kunde, sondern ihr leibeigener Vater. In den folgenden Minuten wird ein jeder Zuschauer, wie die hurende Tochter also mit ihrem Vater schläft und ihn nach der Nummer auch noch mit allerlei primitiver und sexistischer Ausdrücke beschimpft. So, nach dieser Einleitung erscheint ein weiterer Schriftzug auf dem Bildschirm, der diesmal besagt "Hast du schon mal einen über den Kopf gezogen bekommen?" oder zumindest so ähnlich. Danach sieht man einen Mann in einem kleinen Bahnhofswartehäuschen sitzen, de kurze Zeit später von einem anderen Mann, der sich außerhalb des Häuschen befindet, durch die Scheibe hindurch mit einem Stein auf den Kopf gehauen wird. Nun erscheint das Titelbild. Schon jetzt ist "Visitor Q" anders als jeder andere Film, er ist nicht einzuordnen, er ist filmtechnisch viel zu amateurhaft inszeniert. Doch genau das ist auch die Intention von "Visitor Q", der ausschließlich mit einer Handkamera abgedreht wurde und somit den Realismus, den das Geschehene erzeugt, noch verstärkt. Im weiteren Verlauf von "Visitor Q" bekommt der Zuschauer zu wissen, dass im Mittelpunkt eine japanische Horrorfamilie steht. Die Tochter geht auf den Strich, wohnt nicht mehr zu Hause und schläft schon mal mit ihrem Vater, der seinerseits von wildfremden Leuten auf der Straße zusammengeschlagen wird. Dessen Frau hurt ebenfalls, um dadurch ihr Geld für das Heroin zu verdienen und um ihre Schmerzen zu lindern, die aus den tag täglichen Schlägen ihres gemeinsamen kleinen Sohnes resultieren. Dem Ganzen ist jedoch nicht genug, der Zuschauer hat sich noch nicht genug Außergewöhnliches und Krankes ansehen müssen. Denn eines Tages bringt der Familienvater den Mann, der ihn mal wieder zu Boden geprügelt hat, mit nach Hause. Dieser Mann trägt keinen Namen und verkörpert die titelgebende Person, den Visitor Q. Zu Beginn meint man noch, die beiden Männer haben sich auf dem Nach-Hause-Weg versöhnt und der Visitor Q bleibt nur diesen Abend zum Essen, aber da hat man sich getäuscht. Fortan ist er nämlich immer im Haus dieser Familie zu sehen, mal "kümmert" er sich um den kleinen Jungen, mal um die Frau und auch um den Mann. Die Dialoge mit dem Sohn der Familie verlaufen noch ganz normal für die Verhältnisse des Machwerkes, aber die Situationen, in denen der Visitor Q und die Frau auftreten sind wahrscheinlich mit das Perverseste, Abgedrehteste und Schockierendste der Filmgeschichte. Zwar sicher nicht so rasant geschnitten wie noch in "Dead or Alive" und auch nicht mit so viel Ästhetik. Ganz im Gegenteil, alles wird mit der Handkamera gefilmt, alles hat irgendwie die Atmosphäre eines Kindergeburtstages, also was die Kamera angeht. Der Film geht dann damit weiter, dass der Vater, der bei einer Fernsehanstalt arbeitet und seiner Chefin schon mehrere misslungene Dokumentationen vorgelegt hat, langsam auf die Idee kommt, die Erniedrigungen, die seine Familie und er erleidet, auf Tape zu bannen und es als Reality-Show im TV zu vermarkten und zu senden. Da kommt es ihm auch gelegen, wenn eines Abends seine Familie von Mitschülern des kleinen Sohnes mit Feuerwerkskörpern durchs Fenster beschossen wird. Doch seitdem der Visitor Q sich unter die Familie gemischt hat, ist diese nicht mehr wie sie einmal war und entwickelt diese ungeahnte Zuneigungen zu perversen Dingen...
Da spritzt schon mal literweise Muttermilch aus den Brustwarzen der Frau, obwohl diese gar nicht schwanger ist. Keiner weiß, wieso das so ist und wieso das in dem Film vorkommt. Dass Miike aber nur Tabus brechen wollte, bezweifle ich sehr. Er wollte nur einen intelligenten ("Visitor Q" ist das) Film schaffen, der zwar wirklich schockiert und provoziert und auch ganz sicher zum Skandal wird, aber er hat dennoch eine Aussage, die alles andere als fern der Realität liegt. Noch dazu stellt Miike seine Intention nur in Extremen dar. Sicher sieht man Großaufnahmen von eben erwähnten Brustwarzen, aus denen ohne Grund Muttermilch spritzt, oder Großaufnahmen von Nekrophilie und Inzucht nicht alle Tage bzw. stellen diese normalerweise ein absolutes Tabu dar, aber Miike WILL provozieren, WILL schockieren, um so seine Intention, die Zuschauer zum Nachdenken zu erregen, zu verstärken. In "Visitor Q" gibt es keine Anspielungen von perversen Szenen, sie werden eben in expliziter Weise ausgelebt und gezeigt. Dass die Japaner keine Kinder von Traurigkeit sind, vor allem die japanischen Filmemacher, ist allgemein bekannt. Doch trotz dieser Perversität und abstoßenden Szenen, die "Visitor Q", "Men behind the Sun" oder auch "Guinea Pig" zweifelsohne beinhaltet, ist doch irgendwie alles nahe der Realität. Sicher nicht in der Weise, wie es dann letztendlich auf dem Bildschirm dargestellt ist, sondern man muss eben, durch das Gezeigte angeregt, zu Denken beginnen und man findet den Film zwar immer noch pervers, aber sinnlos sicher nicht, da man dann weiß, was Miike bezwecken wollte. Die Gewalt unter Jugendlichen, asoziale und menschen unwürdige Familienverhältnisse und auch allgemein der Umgang miteinander. Das ist eben mal Gesellschaftskritik in expiliziter und übertriebener Weise. Zum Denken regen aber solche Werke weitaus mehr an als irgendwelche Hollywood-Produktionen, die darauf bedacht sind, eine FSK 12 Freigabe zu erhalten, um zusätzlich noch ein kommerzieller Erfolg zu werden. Danke an die Japaner für das, dass sie uns solch sagenhafte, wenn auch unverdauliche und extrem schwer zugängliche Filme ermöglichen. Wer nur das Gezeigte an sich verwertet, wird "Visitor Q" zweifelsohne hassen und keinen Sinn abgewinnen können, es sei denn, es ist ein psychisch Kranker oder sonst was. Wer das Gezeigte verarbeitet und darüber nachdenkt, weiß, wieso Miike und allgemein die Japaner solche Filme machen. 9/10 Punkte


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