Eine Kritik von Arminowitsch eingetragen am 30.07.2004, seitdem 871 Mal gelesen
Visitor Q ist eine wilde Attacke auf das, was uns in unserer Gesellschaft noch am Heiligsten ist: Die Familie. Miike entwirft ein grotesk-verdrehtes Familienbild, indem er die großen sozialen Problematiken unserer Zeit extrapoliert und überzeichnet. Es entsteht eine grimmige Karikatur realer Zustände: Gewalt in der Familie (hier paradoxerweise invertiert dargestellt), Gewalt unter Jugendlichen, Prostitution, Drogen, Ehekrise, Voyeurismus, usw.
Der Film handelt davon, wie die Familie am Abgrund vollends in ihre Vernichtung läuft. Es geht um einen seltsamen Besucher, der sich bei jener Familie einnistet und diese durch kleine Anstöße wieder zusammenbringt. Womöglich kann man ihn als eine Metapher auf die latenten Sehnsüchte der Mitglieder sehen; Sehnsüchte nach einem idealen Zusammenleben in Frieden vielleicht. Doch wenn der Film diese Wünsche letztendlich auf perverse Weise erfüllt, dann ist das kein Happy-End, sondern vielmehr ein bösartig-zynischer, wahnhaft-durchgedrehter Kommentar zum Zeitgeist, ein Symbol für das drastische Gegenteil: Die völlige Zerstörung (wie es der Junge, in Muttermilch badend, kurz andeutet) und Auflösung der letzten Bastion des sozialen Gefüges. Das "falsche" Ende aus Lynch's "Blue Velvet", nur deutlich grobschlächtiger, abgedrehter, ausschweifender und perverser.
Dabei drängt Miike dem Zuschauer mit seinen schlichten, starren und immer nah am Geschehen befindlichen DV-Bildern in zugehöriger Ästhetik eine Voyeur-Rolle auf. Er zwingt ihn mit seinem grotesken schwarzen Humor und mit seiner teils bizarr-anwidernden Direktheit, diese Rolle irgendwie zu mögen. Während die Protagonisten eine Reise in die primitiven, triebhaften Abgründe ihrer Seelen machen, akzeptiert der Beobachter die präzise Schilderung bald als Normalität im Gesamtkonzept des Films. Die zwanghaft ausgelebten, expliziten ödipalen, inzestuösen und necrophilen Traumfantasien zeigen mit wohltuender Genauigkeit, worauf sich das menschliche Unterbewusstsein nach Freud im wesentlichen reduzieren lässt: Den ungehemmten aggressiven (Sexual-)trieb. Wie geht der Mensch heute mit der Befriedigung seiner Triebe um? Was passiert nun, wenn das Ego, oder freudsch formuliert das Ich und Überich verkümmern, sodass das Unbewusste, Triebhafte, das Es, unkontrolliert ausbricht? -Davon, könnte man interpretieren, handelt dieser Film...