Review

Bei einem solchen Thema kann ja im Grunde Jeder mitsprechen. Alle wissen, was geschehen ist und da eine Verfilmung allgemein als sinnvoll erachtet wird, kann man gleich gemeinschaftlich in den Diskussionskreis eintreten :

Wie soll man das Thema am Besten umsetzen ?

ANGEMESSEN, ist doch klar !! - da sind sich alle Kritiker einig. Und natürlich weder reißerisch noch theatralisch kitschig, denn das wäre der Größe des Ereignisses ,daß bekanntlich für sich spricht ,nicht - genau ! - nicht angemessen. Ein bißchen Patriotismus gestehen wir den armen gebeutelten Amerikanern (in diesem Fall besser New Yorkern) ja zu, aber dabei immer schön fair bleiben, bloß nicht zwischen Moslem und Christ gewichten !

Am Besten also eine Dokumentation ? - Wie leiten mit einem großen Bogen über von den amerikanischen Großmachtsverfehlungen hin zu dem terroristischen Akt im Mittelpunkt bis zu der heutigen Erkenntnis, daß die überlebenden Feuerwehrleute an der zu hohen und giftigen Staubbelastung erkranken - dazu noch Irak-Krieg und Afghanistankrise - Alles schön komplex und ganzheitlich.

Dafür wäre Oliver Stone genau der richtige Mann. Wie schon bei "JFK" bewiesen, liegt ihm die hektische Aufbereitung historischer Ereignisse. Mit viel Schnitten wird das chaotische Geschehen vor Ort und weltweit demonstriert, immer wieder unterbrochen von Bushs oder Bin Ladens Konterfei - dazu natürlich mit dem gewohnt kritischen Blick auf die amerikanische Politik.

Nur Stone hält sich nicht an diese Erwartungen. Im Gegenteil ,er speist uns mit der Geschichte zweier Überlebender ab und entschuldigt dieses vorhersehbare Familienprogramm noch damit, daß die Realität eben so gewesen wäre, sic! - Wen interessiert denn die Realität aus der Sicht zweier New Yorker Polizisten ? - Wo bleibt das große Ganze, der weltumfassende große Wurf ?

Tatsächlich ist die Story, die Stone erzählt, von einfachster Struktur. Man sieht die beiden Protagonisten, gespielt von Nicholas Cage und Michael Pena am frühen morgen aufstehen und ihren Dienst antreten. Dann passiert das Unglaubliche und alles bricht in Richtung World Trade Center auf, wo die Beiden zu einem kleinen Trupp gehören, der Menschen evakuieren soll.

Ohne das Oliver Stone irgendwelche Effekte zieht, vermittelt er atmosphärisch sehr anschaulich die unglaubliche Gefahr, die von den beiden angeschlagenen Türmen herrührt. Nur scheint die Niemandem am Boden so recht bewußt zu sein. So ist Stones Film auch ein Film über das "Fehlen" :

- das Fehlen jeglicher Ordnung - Keiner kennt so recht seine Aufgabe. Wie will man Jemanden aus dem 50.Stock evakuieren, wenn man nicht mal weiß, wie man in das erste Obergeschoß gelangen soll ?,
- das Fehlen jeglicher Informationen an die Polizisten. Weder wissen sie, was wirklich geschehen ist, noch werden sie über die Gefahren informiert, die von den beiden Gebäuden ausgehen,
- das Fehlen irgendwelcher Suchtrupps nach dem Zusammensturz. Nur der im Grunde unkorrekten individuellen Suche zweier Männer ist das Auffinden der zwei Opfer zu verdanken,
- das Fehlen geeigneter technischer Ausstattung für alle an der Rettung beteiligten Männer

Stone redet über diese Versäumnisse nicht, er klagt auch nicht an, aber dem Betrachter erschließen sie sich sofort. Gerade die sehr intensiven Szenen der Verschütteten und die sehr realistische Darstellung ihrer Situation, macht deren Rettung zu dem was es ist - zu einem Wunder - und nicht zu einer Folge von heroischem ,professionellem Verhalten. Das unabhängig davon jeder Einzelne alles bis zur Erschöpfung getan hat, steht gar nicht im Zweifel und ist aller Ehren wert, aber wenn man die Männer im Film in den Schuttbergen wühlen sieht, denkt man nur, daß sie wahnsinnig Glück hatten - einen fiktiven Film hätte man bei der Darstellung einer solchen Rettung als unrealistisch gescholten.

Stone gelingt mit dieser Darstellung ein Spagat zwischen der Achtung vor Jedem ,der dort mitgemacht hat (und sein Leben riskierte) ,und einer ungeschönten zurückhaltenden Beschreibung der Ereignisse. Wer in diesem Zusammenhang den Kitsch kritisiert, den diverse Szenen ausstrahlen, sollte eigentlich wissen, daß das wahre Leben um ein vielfaches kitschiger sein kann als irgendein Film - genauso wie auch die Dialoge weder Esprit noch intellektuelle Qualitäten ausstrahlen wollen, sondern in ihrer Profanität absolut authentisch wirken.

Sicher, man kann das alles kritisieren und sich auch an den Jesus-Visionen der Sterbenden und der Tatsache, daß ausgerechnet ein Marine zum Retter wird ,aufhängen. Nur stellt das Stones Interpretation dieses Themas nicht in Frage - er beschreibt die Geschehnisse aus dem Blickwinkel zweier Menschen, deren Gefühle und Erlebnisse er weder umdeutet noch ignoriert, sondern einfach erzählt. Und trotz (oder gerade wegen) dieses sehr kleinen Ausgangspunktes gelingt ihm ein genauer Eindruck der Größe des Geschehens, das es gerade für uns weit entfernt sitzende Beobachter beeindruckend nachvollziehbar macht.

Fazit : in sich konsequente Umsetzung der Geschehnisse vom 11.September, welche ohne Effekthascherei einen bedrückend realistischen Eindruck beim Betrachter hinterläßt - in meinen Augen eine der besten Leistungen Stones, die nicht mehr um des äußerlichen Stilwillens oder einer bewußt provokativen Haltung willen Eindruck machen will, sondern einfach bei der Sache bleibt - dadurch wird dieser Film für Jeden zum freien Spielball seiner Interpretation. Genau darin liegt eine Qualität, die sich wahrscheinlich erst mit etwas Abstand herumsprechen wird und genau darin liegt auch seine politische Haltung - vorausgesetzt man verwechselt "politisch" nicht mit dem Herausschreien irgendwelcher Thesen. So verzichtet Stone auch völlig auf die Erwähnung der Terroristen und deren Hintermänner, ebenso findet keinerlei Verunglimpfung einer Religion statt.

Wer an den Geschehnissen um das "World Trade Center" interessiert ist, dem sei der Film sehr empfohlen - Voraussetzung dafür ist allerdings der Verzicht auf typische Erwartungshaltungen und beliebte Vorurteile ,verbunden mit dem Vertrauen darin, daß sich ein anerkannter Filmemacher wie Oliver Stone etwas dabei gedacht hat - nicht für Jeden ein leichtes Unterfangen (9/10).

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