Was ist das für eine Welt? Ein 18-jähriger wird wie ein Popstar gefeiert, weil er der jüngste Mensch auf Erden ist. Die Nachrichten laufen – der junge Mann ist tot. Trauer bricht aus. Wo befinden wir uns? Es ist nicht unsere Welt, wir sind in London im Jahre 2027. Der Tod des Teenagers ist deshalb etwas besonderes, weil die Menschen zeugungsunfähig geworden sind. 2009 wurde das letzte Kind geboren.
Ansonsten erinnert vieles an die Gegenwart. London hat sich nicht großartig verändert. Am Rande erfährt man, dass Leute demonstrieren, Terroristen aktiv sind und Bomben hochgehen. Doch da liegt etwas in der Luft, das den Unterschied zum Hier und Jetzt ausdrückt. Diese graue Farbe, der Ausdruck von Farblosigkeit in Kameramann Emmanuel Lubezkis grandiosen Bildern.
„Children of Men“ wirft uns mitten rein in diese blasse Suppe, die sich nach einer melancholischen Zukunftsvision schmeckt. Die Abruptheit hat einen Vorteil, der Betrachter ist zur Aufmerksamkeit verdonnert. Durch Details wird der große Zusammenhang zugänglich. Da ist dieser Mann Theo Faron (Clive Owen), der in London als Regierungsbeamter lebt. Leben ist nicht der richtige Ausdruck, er vegetiert vielmehr dahin. Er war vor langer Zeit politisch aktiv, nun hat er sich mit der alles verschlingenden Tristesse abgefunden. Im Hintergrund sehen wird den einzig verbliebenen, sicheren Staat. England wird mit einer starken Hand militant regiert und ist ausschließlich das Zuhause für Innländer. Illegale Einwanderer werden knallhart verfolgt und konzentriert, mitunter in Käfigen und KZ-ähnlichen Lagern deportiert, um die innere Ordnung kontrolliert aufrechtzuerhalten. Ausländer haben in diesem Staat keine Rechte und werden gnadenlos ausgewiesen. Außerhalb der Insel herrscht blanke Anarchie, der Umstand, dass keine Kinder mehr geboren werden hat den Planet Erde in ein Chaos gestürzt. Niemand weiß warum. Es passierte urplötzlich, die Geburten blieben aus. Jeder hat seine Meinung, weshalb es dazu gekommen ist, doch Theorien bleiben Theorien. Pragmatisch versucht Mensch und Staat damit umzugehen. Es gibt keine Zukunft, die Weltbevölkerung ist zum Scheitern verurteilt. Die Regierung verteilt kostenlos Suizidpakete. Der Tod des jüngsten Menschen, den man zu Beginn des Films in den Nachrichten allseits schockiert wahrnimmt, zerstört wieder ein Stück Hoffnung. Frisches Blut ist nicht in Sicht. Jeder Tag, der verstreicht ist ein weiterer Schritt in Richtung Untergang.
Regisseur Alfonso Cuarón transportiert mit Hilfe der gleichnamigen Romanvorlage von P.D. James von Anfang an etwas, was man seit langer Zeit vermisst hat: filmische Dystopien, die apokalyptisch schockieren, weil sie real wirken und im Kontext der Gegenwart Sinn ergeben. Die Welt im Jahre 2027 verinnerlicht immer noch Grundzüge, die wir kennen und gerade deshalb ist das Ganze so wirkungsvoll, weil wir im Grunde nichts Abstraktes und Fremdes sehen. Die Motive sind lediglich andere, aber psychologische und zwischenmneschliche Verhaltensmuster sind gleich geblieben. Der Mensch ist Mensch und hat sich den Gegebenheiten angepasst. Manche wählen die Sicherheit im Schutze faschistischer Strukturen, andere kämpfen für Freiheit. Alles war schon mal da oder ist vorstellbar. Manches hat sich gravierend geändert, aber im Kern hat man den Eindruck, dass die filmische Vergangenheit, die unsere Gegenwart ist, Auslöser für diese trostlose Zukunft ist. Wir kennen und diskutieren die Probleme jetzt schon. Umweltkatastrophen, Demokratieprobleme, Tyrannei, Unterdrückung. Cuarón baut in „Children of Men“ Spiegel ein, die uns aufmerksam werden lassen. Ist es wirklich fremd, was wir sehen? Die daraus resultierende Atmosphäre ist nicht nur, aber vor allem wegen Lubezkis brillant graufarben unterlegten Aufnahmen unheimlich dicht und schwermütig. Viele Sequenzen, die erst spät durch Cuts abgebrochen werden, vermitteln die unmittelbare Nähe - am Geschehen, an den Protagonisten. Die Kamera ist laufender Bewegung ohne dabei im Sinne des modernen Handkamerazeitgeistes Schwindelgefühle zu erregen. Man fühlt sich auf groteske Art und Weise involviert, sogar mitverantwortlich für das, was man sieht, obwohl niemand den moralischen Zeigefinger demonstrativ hebt. Cuarón liefert nämlich keine konkreten Antworten, weshalb es so weit gekommen ist. Der Mensch produziert die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die hier so visionär authentisch bedrückend ist.
Ein Hoffnungsschimmer entsteht in dieser Welt erst als das Unmögliche passiert. Eine Frau ist schwanger. Der politische Wahnsinn erstickt aber den letzten Funken Hoffnung im Keim, weil die Schwangere Kee (Clare-Hope Ashitey) eine illegale Migrantin ist und das faschistische England es nicht zulassen würde, dass eine Fremde das erste Baby seit langem gebärt. Die Verfolgung droht. Als Terroristen stigmatisierte Leute, die sich allgemein für die verfolgten Immigranten einsetzen versuchen die Frau außer Land zu bringen. Die Aktivistin Julian (Julianne Moore) wendet sich an ihren Exmann Faron, der gegen Bezahlung die Flucht möglich machen soll. Die Pläne ändern sich schlagartig, als Julian erschossen wird.
Für Faron beginnt ein neuer Lebensabschnitt, die Geschichte wiederholt sich. Er legt den Mantel der Resignation ab und wird aktiv, um das Wunder möglich zu machen. Lebendig wird bzw. wurde er eigentlich nur in der Gegenwart von Althippie Jasper (Michael Caine), der isoliert im Wald im eigenen Mikrokosmos lebt. Caine spielt seine völlig untypische Rolle in hervorragender Manier, voller Spielfreude – man versteht sehr gut, weshalb sich Faron bei ihm wie in einer anderen Welt, fernab der tristen Realität, wohl fühlt. Owen verleiht seinem Charakter dagegen ein charismatisch ernstes Profil mit konzentrierter Gestik und Mimik. Im Sinne der vorhandenen Chemie zwischen Caine und Owen ist das am Hausrand abgeschotette Haus der erste Zufluchtsort, nachdem ursprüngliche Freunde Feinde werden. Für die „Terroristen“ war Faron ein Dorn im Auge. Der Protagonist sollte beseitigt werden und deshalb flieht er mit Kee, die nur ihm alleine vertraut. Bei Jasper angelangt werden die Pläne für die weitere Flucht geschmiedet. Das Ziel ist das „Human Project“, ein mysteriöser Verbund weiser Köpfe, die den Fortbestand der Menschheit sichern will. Der Weg dorthin ist steinig. Das Sujet beinhaltet viele Fallen und Finessen eines detailverliebten Regisseurs.
Alfonso Cuarón gelingt es, dass der Betrachter in selbstverständlichen Dingen wieder einen Wert sieht. Die beteiligten Schauspieler verstärken diesen Aspekt, indem sie in dieser apokalyptisch plastisch gezeichneten Welt wahrhaftig leben, als ob sie darin geboren wurden. Sie nehmen die gezeigten Umstände so authentisch an, dass man den Film mitunter durch ihre Augen sieht. Eine Schwangerschaft wird zum Wunder, das wir als solches nicht mehr betrachten. Heutzutage sind Abtreibungen und gelagerter Dreck in Wälder Normalität. Der Mensch besinnt sich erst einmal wieder auf die Ur-Wunder, wenn sie vom Aussterben bedroht sind. Wir Leben auf diesem Planeten, aber sehen wir ihre Schönheit noch? Naturgewalt demonstriert Macht, die uns als kleine Beobachter wachrüttelt, aber naturelle Schönheit ist mitunter Staffage, die wir erst schätzen, wenn sie nicht mehr vorhanden ist. Es ist die dargelegte Perspektive, die uns die Augen öffnet. Cuarón gelingt ein visueller und inhaltlicher Geniestreich. Lubezkis Bilder visualisieren eine Welt, die unserer nicht unähnlich ist. Da ist aber dieser Graustich, der die Farbpracht nimmt und uns zeigt, dass helle Farben unter Umständen verloren gehen.
Neben der philosophischen Ebene bietet der Film im Zuge der zentralen Flucht Unterhaltungswert mit Spannung, die durch Actionsequenzen und dramaturgische Komponenten hervorgerufen wird. Dabei umgeht man in beiden Fällen den Overkill, weder Pathos noch Effekthascherei entsteht als filmischer Ballast. „Children of Men“ liegt viel Fingerspitzengefühl zugrunde, subtil nähert man sich der beabsichtigen Dystopie, auf die man als Cineast lange warten musste. Qualität ist das Produkt eines beachtlichen Kraftakts aller Beteiligten. Das Ensemble geht den richtigen Weg zwischen den Extremen Emotionslosigkeit und Overacting.
Alle überzeugenden Teilaspekte schließen den Kreis zu einem runden Gesamtwerk, das als düstere Zukunftsvision imponiert und einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Es schlummert das Gefühl, dass wir dieser abgestumpften, trostlosen Welt nicht mehr allzu fern sind. Selten haben Babyschreibe so viel Hoffnung geweckt. Tomorrow – der Name des Schiffes am Ende ist der sinnbildliche Weckruf eines großartigen Films. (9,5/10)