"Alle unter einem Dach" gehört zu den erfolgreichsten Sitcoms der frühen 90er. Warum das so ist, ist nicht schwer zu erraten. Der Erfolg hat in diesem Fall nur einen Namen: Steve Urkel.
Grundsätzlich hat das Leben der Familie Winslow den weniger erfolgreichen Konkurrenten nämlich in keiner Hinsicht etwas voraus.
Als Archetyp dient der altehrwürdige Bill Cosby, der die Richtung mit seiner "Cosby Show" vorgab. Von wenigen leuchtenden Ausnahmen abgesehen ("Eine schrecklich nette Familie") stand zunächst einmal das Kopiekonzept an vorderster Stelle, weil nämlich jeder etwas von dem leckeren Cosby-Kuchen abhaben wollte.
So haben wir es bei Sitcoms dieser Zeit zumeist mit einer "normalen" Familie zu tun, die aus schwarzen Mittelständlern besteht und am Rande irgendeiner Großstadt lebt. Letzteres ist gerade deshalb wichtig, weil so erst einmal dafür gesorgt ist, dass das Kleinstadtfeeling aufkommt und man mit der direkten Verbindung zur Großstadt doch genug Möglichkeiten hat, um aufwändige City-Abenteuer zu produzieren.
Die Familie setzt sich dabei meistens aus einem glücklichen Ehepaar in den Vierzigern und zwei bis fünf Kindern zusammen, die alle relevanten Altersklassen abdecken: Kleinkind, Teenie und Twen.
Nicht anders läuft es bei den Winslows ab, die anfangs noch ohne den nervigen Nachbarsjungen auskommen müssen. Harriet (Jo Marie Payton Noble) und Carl (Reginald VelJohnson) sind ein glückliches Ehepaar, das in einem schönen Haus am Rande von Chicago lebt. Gerade Carl bestätigt das Klischee "kugelrund und glücklich". Er hat eine fürsorgliche Frau, die ihm stets zur Seite steht und einen ehrenhaften Job, der ihn mit Stolz erfüllt: er ist Polizist, und zwar einer der besten in ganz Chicago. Durch seine Arbeit ist er natürlich ein perfektes Vorbild für seine Kinder. Von denen haben die Winslows selbst zwei: Laura (Kelly Shanygne Williams) ist die hübsche, kluge Tochter mit viel Engagement in Schule und Freizeit, der ältere Eddie (Darius McCrary) versteht sich eher auf Parties, Frauen, Autos und Sport. Komplettiert wird die Familie durch Carls Mutter (Rosetta LeNoire), die noch eine sehr robuste Lady ist, und durch Harriets Schwester und ihre beiden Kinder.
So weit, so bekannt. Das ganze Konstrukt erinnerte so sehr an die Cosbys, dass jegliche Innovation flöten ging. Der Respekt vor dem Alter (Carls Mutter, Carl selbst in seiner Eigenschaft als Polizist als Autoritätsperson=Heathcliff Huxtable), eine Mutter mit beruflichen Ambitionen, die gleichzeitig die ganze Familie zusammenhält (Harriette=Claire Huxtable), der problematische, in tiefstem Herzen allerdings gutmütige Junge (Eddie=Theo Huxtable), die ehrgeizige Tochter mit ständigen Problemen rund um Jungs (Laura= Mischung aus Vanessa und Denise Huxtable), ja selbst die drolligen Kleinkinder als Blickfang sind dabei (Kinder von Harriets Schwester=Rudy Huxtable).
Zwar soll eine Sitcom das "Normale" ausstrahlen, so dass man sich als Zuschauer in der Familie wiederfindet, doch hier schien alles zu normal.
Andere Comedyserien wie "Alles total normal" gingen mit einer ähnlichen Konzeption sang- und klanglos unter, obwohl gerade diese Sitcom die insgesamt interessantere Konstellation vorzuweisen hatte. Hier bestand die Familie nämlich aus einem schwarzen Mann mit einer weißen Ehefrau samt Anhang, wodurch verstärkt die Rassenproblematik thematisiert wurde.
Und doch war am Ende "Alle unter einem Dach" ganz oben. Wieso? Ein einziger Neuzugang machte die Serie zur One-Man-Show: der nervige Nachbar Steve Urkel (Jaleel White).
Bis heute gilt Steve unter Kennern und Fans als nervigste Person der TV-Geschichte. Dabei dürfte das Nervige aber positiver aufgefasst werden als vergleichsweise bei Jar Jar Binks ("Star Wars - Episode I"). Steve Urkel ist zum Kultobjekt geworden. Er ist wie der FC Bayern: man liebt ihn oder man hasst ihn.
Steve brachte also frischen Wind ins Winslow-Haus. Dieser komische kleine Kauz, ein kleines hyperintelligentes Genie mit Hornbrille, Knickerbockers und Froschstimme und ohne jegliches Gefühl für soziale Verhaltensweisen versprühte eine unglaubliche Energie und hatte durchweg positive Auswirkungen auf sein Umfeld. Plötzlich blühten auch die Mitglieder der Winslow-Familie ganz neu auf. Durch die Bekanntschaft mit dem komischen Nachbarsjungen änderten sich zwangsläufig alle ihre Charakterzüge.
-Carl hat sicherlich am meisten unter Steve zu leiden. Der kleine Kerl sieht ihn als großes Vorbild und Vaterfigur. Seine eigenen Eltern sieht man die ganze Serie über nicht im Bild; man hört nur ab und zu, dass sie sich mal wieder nach Europa oder sonstwohin abgesetzt haben, um ihrem Sohn mal entfliehen zu können (das hat fast schon comichafte Züge und erinnert an die Zeichentrickserien, in denen die Haustiere die Stars sind und die Herrchen immer nur bis zu den Knien zu sehen sind).
Während Carl nach einem harten Arbeitstag einfach nur entspannen will, kracht plötzlich Steve mit einem fröhlichen "Heidi-Hoo!" durch die Tür und belästigt seinen "besten Freund" mit seiner Vorliebe für Polka und Käse oder mit seiner Käfersammlung. Obwohl er dabei nie böse Absichten hat, geht ständig etwas zu Bruch. Derartige Situationen werden durch ein zögerliches "...war ich das etwa?" pointiert, und kurz darauf schwellen bei Carl alle Adern an und er rastet aus vor Wut.
Und dennoch erweist sich Steve, wenn`s hart auf hart kommt, stets als guter Freund.
-Harriette hat mit das distanzierteste, aber dennoch freundlichste Verhältnis zu ihm. Er ist stets im Hause Winslow willkommen (und da nicht immer ganz klar ist, wer die Hosenträger anhat, hängt diese Entscheidung meist von Harriette ab). Aber selbst sie, die heikle Situationen noch am rationalsten betrachtet, kann bei Steve`s unglaublichen Aktionen schonmal die Fassung verlieren.
-Estelle (Carls Mutter) liebt Steve wie einen eigenen Enkel. In ihrer großmütterlichen Art bringt sie stets Verständnis auf und bekräftigt ihn auch ab und zu in seinen Vorhaben.
-Den Winslow-Sohn Eddie hätte Steve gerne als besten Freund, doch oftmals hat der nur Augen für seine Parties und Frauen; da kann ein nerviges Genie ein Klotz am Bein sein. So kommt es nicht selten dazu, dass Eddie Steve ungewollt ausnutzt. Aber wie schon bei Carl gilt: wenn`s dicke kommt, erkennt Eddie, was wahre Freundschaft bedeutet und verteidigt ihn gegen alle anderen. Dann ist ihm sein Ruf egal.
-Das intimste Verhältnis - wenn auch nur einseitig - herrscht zwischen Laura und Steve. Er ist unsterblich in sie verliebt, und das seit seinem ersten Auftreten, bis hin zur letzten Staffel. Immer wieder muß er mit ansehen, wie Laura andere Jungs trifft. Doch er bleibt ihr bis zum Ende treu. Obwohl auch er später eine Freundin abbekommt, gehört sein Herz immer ihr. Und sie lernt das langsam zu schätzen...
Nach diesem Muster laufen die Geschichten in der Regel ab. Mit dem Auftreten von Steve wurde es zwar bunter, aber gleichzeitig auch realitätsferner. Gab es anfangs durchaus noch nachvollziehbare Stories, vermischten sich zum Ende hin mit jeder weiteren Staffel Fiktion und Realität. In gewissen Maßen genossen, konnte etwas Sci-Fi durchaus noch begeistern. Zum Finale hin wurde es aber absurd.
Grund waren vor allem Steves immer wunderlicher werdende Erfindungen. Dabei fing alles richtig gut an. Die Maschine, die einen cool werden lässt, förderte zum Beispiel die Comedy und offenbarte außerdem das Wandeltalent von Jaleel White (von dem man so begeistert war, dass man ihm später eine eigene Sitcom spendierte, die aber erwartungsgemäß floppte). So wurde er nach Betreten der Maschine zu Stephan Urkelle (oder so ähnlich), ein umwerfend aussehender junger Mann, dem sogar Laura verfallen sollte. Später kam dann noch ein Bruce Lee-Urkel dazu, der immer dann einschritt, wenn Diplomatie nicht angebracht war. Außerdem erntete White Lacher als Cousine von Steve, ein reiches, aber unerträgliches Quakweib, das sich in Eddie verlieben sollte.
Ja, selbst Reginald VelJohnson, Kelly Shanygne Williams und Darius McCrary sollten noch in weiteren Rollen anzutreffen sein.
Weiterhin im Angebot: eine Klonmaschine und zuletzt sogar eine Teleportationsmaschine, über deren Grundgerüst eine aufwändige Paris-Doppelfolge realisiert wurde. Allerdings wurde es hier schon zu albern. Der Ursprungscharme der Serie war hier schon längst verlorengegangen.
Um nochmal ein kleines Stück zurückzugehen: einer verdient es noch, erwähnt zu werden, nämlich Eddies bester Freund: Waldo Geraldo Faldo (Shawn Harrison). Er mimte den absoluten Vollidioten mit der Aufnahmekapazität einer Erbse. Zwar hatte man schon in Steve einen effektiven Trottel, doch bediente Harrison eine ganz andere Sphäre der Dummheit. Es ist immer wieder lustig zu sehen, wie ausgerechnet Steve den Kopf schüttelt, wenn Waldo mal wieder eine seiner Lebensweisheiten von sich gibt.
In seiner Gesamtheit war "Alle unter einem Dach" nie überragend, was die Storykonstrukte und ähnliches betrifft. Die konzeptuelle Genialität etwa eines "King of Queens" wurde zu keiner Zeit erreicht. Dennoch gab es einen unglaublichen Unterhaltungswert, der aber eindeutig von einer einzelnen Person abhing.
Die drastischen Änderungen zum Ende hin führten auch einige moralische Fragwürdigkeiten mit sich. Was soll man etwa davon halten, wenn Laura nach jahrelangem Angebetetwerden von Steve sich plötzlich tatsächlich in das kleine Nervenbündel verliebt? Sagt uns das, wenn wir`s nur lange genug versuchen, dann klappt es auch? Und was ist mit Stephan Urkelle? Sollen wir daraus schließen, dass wir nur eine Seite eines Menschen lieben sollen und den Rest in den Müll werfen? Das sind sicherlich alles Fragen, die so nicht beabsichtigt wurden. Fakt ist aber, dass man sich gerade in der Beziehung zwischen Steve und Laura am Ende etwas verzettelte.
However: "Alle unter einem Dach" sollte jedem Sitcom-Freund ein Begriff sein, und das mehr oder weniger zu Recht. Immerhin hat diese Serie eine der witzigsten Figuren der TV-Geschichte zu bieten. Außerdem gibt es viele witzige Marotten zu sehen, die man einfach lieben lernen muss; seien es Carls Wutanfälle, seien es Steves Entschuldigungen oder auch Eddie, der sich wiedermal selbst in eine schwierige Situation gebracht hat: liebenswert ist sie allemal, die Familie Winslow.
6/10