Der 11.September war gestern, die „global angst“ scheint gegessen, Dringenderes wie die Klimakrise rückt in den Vordergrund. Doch auch wenn der Terroranschlag von vor 6 Jahren in Mike Binders „Reign over me“ (der deutsche Titel „Die Liebe in mir“ kann durchaus zu irreführenden Einordnungen führen) zu einer Art Hintergrundreferenz mutiert, als auslösender Faktor für einen introspektiven Film genügend er allemal.
Binder („An Deiner Schulter“) interessiert sich in seinem neuesten Film auch vielmehr für das Innenleben seiner beiden Hauptfiguren in der Post-9/11-Zeit, wo das Leben scheinbar wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Durch einen simplen Zufall werden zwei Collegefreunde, beide Zahnmediziner wieder zusammen geführt: der glückliche verheiratete Alan Johnson, der trotz gutem Job, hervorragendem Auskommen und einer schönen Frau etwas in seinem Leben vermisst und der etwas an einen durchgeknallten Bob Dylan gemahnende Charlie Fineman, der seine Familie durch die Anschläge auf das WTC verloren hat und seitdem die Existenz seiner Familie scheinbar komplett verdrängt, während er sein Trauma eben nicht verarbeitet.
Ohne lokalisieren zu können, woran es ihm gebricht, fühlt sich Johnson dazu genötigt, den Kontakt zu Fineman zu halten und zu verbessern, ihm Hilfe zukommen zu lassen. Dabei bricht auch sein eigenes Leben langsam aber sicher auf…
Binder ist ein ungewöhnlicher und reizvoller Film gelungen, der einen entscheidenden Vorteil auf seiner Seite hat: er ist unberechenbar. Obwohl man solche Traumafilme zur Genüge kennt, läuft hier nie alles nach den bekannten Schemata ab. Natürlich machen beide Männer einen schleichenden Prozess durch, der beinahe unmerklich beide verändert, weil sie aneinander hängen.
Fineman lockert Johnson nach und nach sichtlich auf und bringt ihn dazu, seine eigenen Bedürfnisse sich selbst gegenüber einzugestehen, während Fineman sich zwar scheinbar psychotisch weigert, sich seinen Problemen zu stellen, letztendlich aber weiß, das es nicht ewig so weitergehen kann.
Nichts ist hier so, wie man es erwarten kann. Die knurrige Haushälterin und der scheinbar geldgeile Finanzberater entpuppen sich lediglich als beschützende Helfer, die Schwiegereltern Finemans als irrgeleitete Helfer auf falschem Weg ; ein Richter als überraschend kompetent, eine Psychiaterin als so zurückhaltend wie nur nötig.
Die üblichen Ansätze funktionieren in diesem Film nicht, er plädiert für das Bei-Jemandem-Sein und auf den Willen zur Selbstheilung, die Fähigkeit zur Überwindung. Rückschläge wirken hier stets wie Stolpersteine, die Männer sind aufeinander angewiesen.
Binder profitiert dabei von den Fähigkeiten seiner Darsteller, allen voran natürlich der sonstige Simpel-Komiker Adam Sandler, der seinen typischen Lausbubenhumor hier nur durch eine Psychose gefiltert an den Mann bringen darf, für ausgedehnte Schmunzelattacke, die immer wieder durch seinen Zustand unterbrochen werden. Hier darf Sandler die Möglichkeit ausschöpfen, die sich manchen Komikern bietet, die auch mal ins ernste Fach wollen: die Durchgeknallten.
Dennoch ist Sandler erschütternd realistisch in seiner Verdrängungsqual und hat in diesem Film eigentlich nur den Fluch seiner früheren Rollen zu befürchten.
Dagegen steht allerdings mit Don Cheadle auch eine Allzweckwaffe, die pure Selbstaufgabe in einer Rolle, schiere Schauspielbrillianz. Cheadle bewegt seinen Alan Johnson auf einer unsichtbaren Linie zwischen burlesker Komik und mitfühlender Anteilnahme und schafft es durch das Verziehen eines Gesichtsmuskels mehr über sein Inneres zu offenbaren, als es gestandene Starmimen in einem ganzen Film schaffen.
Damit pendelt er den Charakter perfekt zwischen Drama und Komödie ein, lässt den Zuschauer stets in gespannter Erwartungshaltung, da das Drehbuch nur wenige Klischees zulässt (mal von der abgenutzten „Ich liebe dich“-Sequenz am Ende abgesehen).
„Reign over me“ ist ruhig und geduldig inszeniert, verbindet schickt helle Auflacher mit tiefster Tragik und benennt den Mensch an sich und innerhalb der Gruppe als den eigentlichen Schlüssel zu einem angenehmen Leben, selbst jenseits des größten aller Schrecken. Daß mit so einer universellen wie subtil vermittelten Botschaft in den USA gerade mal die Produktionskosten in den Kinos wieder hereinkamen, wird wohl an der mangelnden Plakativität liegen.
Dumm nur, dass so ein Film meistens weibliche Besuchergruppen erfreuen wird und die Damen im Film leider nur Support sind. Erfrischend und erfreulich. (8,5/10)