Kriegsfilme sind ein Thema für sich. Das (Anti-) vorweg kann man in vielen Fällen aufgrund indirekten oder unterschwelligen Heldentums oder plakativen Patriotismus streichen. Das Problem ist oftmals eine undifferenziert einseitige Perspektive, die den unbekannten Gegner als solchen behandelt und Stereotypen erzeugt. Andererseits kritisiert oder glorifiziert man die eine Seite nicht selten plakativ und populistisch. Umso beeindruckender erscheint in seiner Simplizität das Konzept, das sich hinter Clint Eastwoods neuestem Projekt verbirgt. Der Pazifikkrieg des zweiten Weltkriegs zwischen den befeindeten Ländern Japan und Amerika wird im konkreten Fall von Iwojima von zwei Seiten beleuchtet. Der erste Film, „Flags of Our Fathers“, zeigt die amerikanische Sichtweise rund um die Invasion der Insel, während „Letters from Iwo Jima“ auf die japanische Perspektive eingeht. Formal löst sich damit schon einmal das Problem der Einseitigkeit in Luft auf.
In „Flags of Our Fathers“ steckt allerdings mehr als nur eine plumpe Schilderung der Kampfhandlungen. Die Gefechte im Rahmen der Invasion sind vielmehr eine Hilfe, um auf den Kern hinzuführen. Im Mittelpunkt steht ein Bild, das in die Geschichte eingehen sollte. Sechs Soldaten hissen auf der höchsten Erhebung der Insel die amerikanische Flagge, was allgemein hin als Symbol des Triumphes gedeutet wurde. Augenscheinliche Kriegshelden dokumentieren den sich anbahnenden Sieg. Ein tief verschuldetes Land sollte daraus neue Motivation schöpfen, um die Auseinandersetzung erfolgreich zu Ende führen zu können. Das Bild wurde landesweit in den Zeitungen abgedruckt, bei der Bevölkerung entfachte neuer Mut.
Eastwood schlägt dann eine Richtung ein, die „Flags of Our Fathers“ zu einem der eindringlichsten Antikriegsfilme macht. Es geht weniger um den Schockzustand, den grausame und authentische Bilder auslösen. Kämpfe dienen nur als Erinnerungen der Protagonisten und tiefere Erklärungen für den Betrachter. Der Regisseur geht der Bedeutung des Bildes auf den Grund. Einerseits wird die Propagandamaschine, die Unwahrheiten fördert und Geschichte neu schreibt, deutlich und andererseits bewegt man sich nah an jenen Menschen, die den Mast mit der daran befestigten Flagge stemmten. Die Perspektiven differieren. Das depressive Land brauchte Helden, die selbst gar keine sein wollten. Es wurde gesehen, was man sehen wollte - die individuellen Gefühle und Empfindungen der Männer bzw. Soldaten interessierten nicht, ihre Körper dienten ausschließlich dem Zwecke der Propaganda, um den Kauf von Anleihen für weitere Kriegsmilliarden zu fördern. Das Volk sollte zahlen, damit die Nation weiter Krieg führen konnte.
So entsteht ein verzerrtes Bild. Blitzlichter von Kameras, patriotisch geschmückte Bühnen und jubelnde Massen dokumentieren die Wirkung des Bildes bei der Allgemeinheit - das persönliche Scheitern, Traumata und Alpträume zeigen, was der Krieg bei den sechs Männern verursachte. Sie leben die Lüge zum Allgemeinwohl. Das ist ihre Pflicht, wie Politiker und Verantwortliche betonen. Eastwood blickt durch ein kritisches Auge und versucht zu zeigen, was Krieg für jedes einzelne Individuum bedeutet. Bei den sechs Soldaten, die das populistische Bild zieren, gelingt ihm ein eindringliches Portrait, das Tiefgang hat.
Der Betrachter sieht zwei Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein können. Die öffentliche und inoffizielle Version. Verstehen kann ein Außenstehender den Krieg, so sagt ein alt gewordener und die Geschichte erzählender Protagonist zu Beginn des Films, sowieso nicht. Die gezeigten gräulich blassen, farblos wirkenden Bilder rund um die Kampfgeschehen sind nur düstere Erinnerungen, über die alle Protagonisten ungern reden. Was sie sahen, demontiert jeden Ansatz von Heldentum. Sie kämpften, weil sie es tun mussten im Auftrag der Nation, aber eigentlich vielmehr für ihre Freunde. Der Feind war stets ein Unbekannter, in den Schlachten wird deutlich, wie wenig man über sie wusste. Sie geben nie auf, töten sich lieber selbst, wie man sehen wird. Granaten explodieren, obwohl die Kampfhandlungen schon abgeschlossen sind. Das dumpfe Geräusch aus den Höhlen ist das Resultat von Selbstmord durch das Zünden von Handgranaten. Gedärme treten zum Vorschein.
John „Doc“ Bradley (Ryan Philippe) sieht in Iwojima viele Verletzungen und Fleischwunden, die nicht selten zum Tod führen. Als behandelnder Sanitäter bei den eigenen Soldaten und als Beobachter bei den unbekannten Feinden nimmt er das deplatzierte Blut wahr. Ira Hayes (Adam Beach) geht an den eigenen Erinnerungen und visualisierten Bildern zugrunde. Alkohol ist sein Ausweg. Wie können diese Männer Helden sein, wenn sie es selbst nicht wollen?
Die Regierung brauchte sie, deshalb wurden sie von der Front als Helden abgezogen. Als der Krieg vorbei war, vergaß man sie. Eastwood spart nichts aus und die Soldaten finden in ihren Darstellern genug Ausdruck, um die tief greifende Sicht möglich zu machen. „Flags of Our Fathers“ gewährt den Männern, die ihrem Land mit einem Propaganda-Bild einen großen Dienst erwiesen haben, viel Zeit in behutsam langsam erzählten mit melancholischen Klängen untermalten Szenen, die Stück für Stück gekonnt aneinandergereiht werden. Differenzierter und tiefgründiger wurde selten zuvor ein (Anti-)Kriegsfilm inszeniert. Jetzt geht es nur noch darum, wer die Japaner sind. Wir werden es erfahren. Stereotypen bekommen dank Eastwood Gesichter, Bilder haben eine tiefere Bedeutung. (8/10)