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Eine sehr junge Frau räkelt sich lasziv auf ihrem Bett und schaut uns direkt an, während sie sich langsam auszieht. Plötzlich spricht sie zu uns und fragt, ob wir direkt mit ihr kommunizieren wollen - es kostet nur 300 Punkte. Die Kamera gibt den Blick frei und zeigt uns, daß wir ein Webcam-Girl bei ihrer Arbeit beobachten.
Jade befindet sich in ihrem Zimmer, daß mit Blumen, Püppchen und sonstigem Nippes geschmückt ist und muß plötzlich ihre Online-Verbindung beenden, als ihre alte Großmutter fragend in ihr Zimmer tritt und ihr Gesicht in die Webcam-Kamera hält.

Es ist offensichtlich, daß ihre Oma, bei der Jade lebt, keine Ahnung von dem hat, was da vor sich geht. China befindet sich im Umbruch und für uns Europäer ist es nur schwer vorstellbar, in welchem Tempo das vor sich geht. Das traditionelle China scheint angesichts der ständig mit modernsten Handys und Laptops hantierenden jungen Chinesen in den Hintergrund gedrängt zu werden, doch man vergißt ,daß in China nach wie vor eine regressive Politik vorherrscht, die weder Meinungsfreiheit noch individuelle Lebensformen erlaubt.

Jade will sich zur Untermauerung ihrer Attraktivität, die ihr mehr Erfolg bei ihren Sitzungen bringen soll, ein Tattoo machen lassen. Sie kommt in das Tattoo-Studio von Takeko, einer jungen Tätowiererin, die gerade einem jungen Mann ein Tattoo auf seinen Arm macht. Takeko weigert sich, Jade ein Tattoo zu machen, da sie noch zu jung wäre - außerdem will Jade als Motiv die Spinnenlilien als Tattoo haben, die beispielhaft in einem Rahmen an der Wand hängen. Jade kann nicht wissen, daß es sich dabei um die Originalhaut von Takekos Vater handelt.

Zero Chou erzählt die Geschichte mit einer Vielzahl von Rückblenden, die aber niemals verwirren, sondern immer weiter die Komplexität der Charaktere und deren Verbindungen untereinander verstärken. Jade hat Takeko sofort wieder erkannt, da sie ihr vor Jahren als Kind schon begegnet ist. Vor der Webcam erzählt Jade von ihrer ersten Liebe und es wird nach und nach deutlicher, daß sie damit ihre Begegnung mit Takeko meint, die dann aber plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist. Den Grund dafür kennt sie nicht und ahnt deshalb nicht, daß Takeko seit dieser Zeit ein Trauma hat. Sie war gemeinsam mit einer Schulkameradin im Bett, als plötzlich die Erde bebte und ihr Vater dabei verschüttet wurde. Ihr damals noch sehr kleiner Bruder erlitt dabei eine Amnesie und so schlägt sie sich seitdem mit schweren Schuldvorwürfen herum.

Der Film erzählt alle diese teilweise dramatischen Ereignisse in einer ruhigen Art ohne laute Töne oder hektische Schnitte. Für den Betrachter wirken die hier geschilderten Konflikte dadurch in ihrer Tragweite wenig nachvollziehbar, genauso wie der etwas nervöse junge Mann, der immer wieder über die Webcam mit Jade kommuniziert und dabei versucht, sie von dieser Tätigkeit abzubringen. Erst mit der Zeit stellt sich (zumindest für den Europäer) heraus, daß es sich bei dem jungen und offensichtlich in Jade verliebten Mann ,um einen Polizisten handelt, der einer Einheit angehört, die den Webcam-Girls auf die Schliche kommen will.

Der Film verfügt zwar über ausgesprochen hübsche Darstellerinnen und ist auch in seiner Bildsprache auf der Höhe der Zeit, aber um die Tiefe der Story zu begreifen, müssen wir uns mit den chinesischen Verhältnissen auseinandersetzen. Der aus gutem Grund in Taiwan gedrehte Film beschreibt in China verbotene Tätigkeiten wie den Cybersex und besonders die lesbische Liebe zwischen den Protagonistinnen. Dazu stammt Takekos Mutter aus Japan, was sie in China automatisch zur Außenseiterin werden läßt - so ist auch ihr schlechtes Gewissen zu erklären, da ihr chinesischer Vater ausgerechnet in dem Moment starb, als sie sich mit einem Mädchen liebte, ein in China geradezu ungeheurer Vorgang.

"Spinnenlilien" entwickelt sich immer mehr zu einer sensiblen Liebesgeschichte zwischen Takeko und Jade, die langsam innerhalb der Verwirrungen und Hinderungen durch den chinesischen Alltag zueinander finden. Auch ohne ständig sämtliche Repressalien vor Augen zu haben, entsteht eine Identifikation mit den Protagonistinnen, deren Schicksal immer mehr berührt. Vielleicht liegt das Besondere des Films gerade in der ruhigen Art der Erzählung, die den Staat China nur am Rande erwähnt und sich viel mehr auf die Charaktere und ihre inneren Konflikte einläßt - ein kleiner Schritt zur Normalität.

Fazit : anrührende, sensibel erzählte Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Frauen. Ihr Schicksal wird vor dem Hintergrund des sich immer stärker wandelnden chinesischen Staates erzählt, der zwar einerseits sämtliche kapitalistischen Errungenschaften integriert, aber gleichzeitig seine traditionelle reaktionäre Gesetzgebung beibehält.
"Spinnenlilien" ist kein offensichtlich revolutionäres, anklagendes Werk, sondern nimmt diese regressiven Voraussetzungen als Selbstverständlichkeit hin, was es dem europäischen Betrachter manchmal schwer macht, die darunter verborgene Dramatik zu spüren. Viel mehr sucht "Spinnenlilien" den Weg der Normalität, was sich auch in dem unterhaltenden, erzählerisch mit Rückblenden erzählten fast leicht wirkenden Film zeigt, der ohne Extreme oder Polarisierungen auskommt.

Wahrscheinlich steckt gerade in dieser Erzählform über eine lesbische Liebe die eigentliche Revolution. Für uns Europäer sicherlich kein leicht zugänglicher Film, aber wert in Erinnerung behalten zu werden (8/10).

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