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Es ist das Bild eines Architekten, der in Kairo vor den drei großen Pyramiden steht und von der bloßen Wirkung der Bauten erschlagen wird. Er kann erahnen, wie man derartiges mit modernsten Mitteln zustande bringt, aber er kann es nicht begreifen, wie man dazu in der Lage sein konnte. Genauso geht es mir bei Sergio Leones "Es war einmal in Amerika" - mein Nemesis, das ich verehre, als großes Monument schätze und von dem ich weiß, dass ich mit Worten nie dessen Glanz und Charisma erfassen kann.

Dennoch, der Versuch die Wirkung zu erklären, ist etwas, was schon immer mein Ziel als Kritikenschreiber gewesen ist. Einzelpunkte in diese glanzvolle Hülle des gesamtheitlichen Eindrucks zu verfrachten und daraus eine angemessene Analyse zu gestalten.

Obwohl "Once Upon a Time in America" nicht in das Muster von Leone, dem Vater des Italowesterns, passt, setzt er mit dem Gangsterepos den vorzeitigen Schluss- und meiner Sicht auch den Höhepunkt dieses Genres. Schließlich sollte es auch sein Lebenswerk werden, weil der Italoamerikaner, bevor er einen weiteren Film fertig stellen konnte, verstarb.

Die Vorbereitungszeit auf den Film, der auf das Jahr 1984 datiert ist, begann schon in den 70er Jahren. Dementsprechend komplex und ausgereift wirkt das Endprodukt dieses langen Prozesses. Es war einmal…der Beginn eines Märchens. Typisch und doch außergewöhnlich, denn die Story umfasst Brutalität, Rohheit und nahezu durchweg amoralische Charaktere. Man ist diese Darstellung von Leone in diversen Italowestern gewohnt - die Nähe zu Antihelden, der Zoom auf schmutzige Gesichter und rohe Gewaltdarstellung.

Basierend auf den autobiographischen Roman "The Hoods" von Harry Grey, einem Kleinkriminellen, darf man eben aber auch wenig Moralismus erwarten. Vereinzelte Vorwürfe, der Frauenfeindlichkeit, sind im Kontext des Milieus, der Zeit und des Genres absurd - und setzt im Übrigen diese unsinnige Prämisse voraus, dass Filme moralisch sein müssen. Den Film auf einen Aspekt zu reduzieren bedeutet die Herabsetzung des übrigen Facettenreichtums und das wäre so, als ob man, um auf das anfängliche Beispiel zurückzukommen, den Gesamteindruck der Pyramiden auf einen Stein reduziert.

Erzähltechnisch bewegt man sich in komplexen Regionen. Drei Handlungsstränge begleiten im Wesentlichen die Lebensgeschichte der beiden Freunde David "Noodles" Aaronson (Robert De Niro) und Maximillian "Max" Bercovicz (James Woods). Gemeinsam lernen sie sich auf den Straßen New Yorks der 20er Jahre kennen. Sie sind Straßenkinder und werden zu Kleinkriminellen, die mit ihren Kumpanen "Patsy", "Cockeye" und Dominic der Armut entfliehen wollen.

Nun überfrachten sich nach und nach die Zeitebenen und lassen den Film immer weniger durchsichtiger erscheinen. Gegenwart und Vergangenheit haben mitunter konträre und teilweise komplementäre Zusammenhänge. Das Entwirren und Verstehen ist ein zentraler Aspekt, Max und Noodles sind beide auf der Suche, den Erklärungen, wie es zur Gegenwart kommen konnte und sich ihre Freundschaft entwickelte. Rache, Wehmut, Verrat und Loyalität. Je nach dem, welche Epoche angebrochen ist, am Ende sehen wird gebrochene Männer, deren Dekadenz schon vorher zu spüren ist. Zwei Freunde, die an der Vergangenheit leiden und sie rückgängig machen wollen. Beide auf der Suche nach der Zufriedenheit, die sie letztendlich nie erreicht haben. Der Schlusspunkt ist gesetzt, Leone zeigt alte Paten und Gangster - der beeindruckende Abgesang des Gangsterepos.

Den Sinn und die Wirkung der erzähltechnischen Komplexität mag man erst sukzessiv erfassen, weil das Gebotene einfach zu groß und gigantisch ist, dass jeder Aspekt erfasst werden könnte. Es stehen drei Bausteine, die Brücke steht aber erst, wenn man die logische Anordnung gefunden hat. Der Film soll konsternieren, den Gefühlszustand der Protagonisten damit verdeutlichen und großartige Momente schaffen, so dass Noodles' Leben zum eigenen wird und im Auge des Betrachters abläuft. Problembereiche verschmelzen, Leone kanalisiert den Weg zum Betrachter - eine emotionale Bindung zum Film entsteht.

Sympathie mag man aber weder für Noodles noch für Max empfinden. Beide gaunern sich schon als Jugendliche ohne Rücksicht auf Verluste durch das Leben. Noodles bringt am Ende der ersten Epoche in den 20er Jahren einen Polizisten um, wofür er ins Gefängnis muss. Die verlorene Zeit folgt. Dann die Entlassung und der Beginn der zweiten Epoche im Jahre 1933, als die ehemaligen Straßenkinder ihren Aufstieg feiern. Kriminelle, die stillos rauben und im Falle von Noodles vergewaltigen. Einfach Antworten auf Schwierigkeiten. Brutalität wegen Ohnmacht und der Unfähigkeit Probleme anders zu lösen. Schließlich folgt der große Verrat, weil Max augenscheinlich größenwahnsinnig wird, und vermeintlich zum Tod von ihm und Noodles' Weggefährten führt. Intrigen und Loyalitätsbruch, der Protagonist flieht wieder, das gemeinsam erbeutete Geld, was in einem Koffer aufbewahrt wurde, ist verschwunden. Zeit geht verloren. Schließlich der letzte Abschnitt, die Abrechnung mit dem eigenen Leben zwischen zwei Freunden. Beide zahlen den Preis für ihre Vergangenheit, ihre Lügen und Verbrechen. Buße, der Abgesang zweier Menschen, deren innere Zweifel sie aufgefressen haben. Mitgefühl mag sich nicht einstellen, eher die Erkenntnis, dass hier zwei gebrochene Männer am Ende ihres Lebens stehen. Verlassen und verraten, weil sie ihre Freundschaft verloren und die Vergangenheit nicht mehr rückgängig machen können. Wieder spielt die verlorene Zeit eine wesentliche Rolle.

Leone lässt nicht mitfühlen, sondern mitleben. "Es war einmal in Amerika" ist großes Identifikationskino auf narrativer Ebene und keinesfalls ein Film mit personifiziertem Erkennungsspotenzial. Keine forcierten Gefühle, sondern die Verschmelzung des Betrachters mit dem pessimistischen Märchen, der Geschichte von Noodles als ein Teil des eigenen Lebens. Diese Sogwirkung ist schlichtweg gigantisch. Trotz einer Länge von dreieinhalb Stunden, die verflochtene nicht einfach zu erfassende Handlung, bleibt man in der Welt der Protagonisten, geht durch verschiedene Zeitepochen und begleitet sie auf ihrem Weg.

Es bleiben auch am Ende Zweifel, ebenso wie der Eindruck, dass Noodles immer noch nicht alles begriffen hat. Das Ende, der Anfang, es entsteht viel Platz, die eigenen Gedanken in Interpretationen zu verwirklichen. Das Erleben steht über dem Verstehen. Die Protagonisten verstehen ihre Vergangenheit genauso wenig, wie es für den Betrachter ebenso unmöglich ist, dieses Werk bis ins letzte Detail zu erfassen. Doch wer versteht das Leben schon in vollem Ausmaß? Deshalb ist es nicht der Sinn, Einzelaspekte hervorzuheben, sich darauf zu versteifen und die gesamtheitliche Wirkung zu vergessen.

Leone fängt den Betrachter mit seinen berauschenden Mitteln. Ennio Morricone liefert mit seinem Panflöten-Score die akustische Ebene, um die beeindruckenden aufgenommenen und montierten Bilder so zu erfassen, dass sie plastisch werden. Das Set-Design ist gigantisch, New York vermittelt in allen Zeitepochen eine trist melancholischen Atmosphäre - die Momente, in denen eine atemberaubende Bild-Ton-Komposition im Ohr und im Auge Tiefenwirkung hinterlässt, mehren sich. Bilder und Klänge für die Ewigkeit, aufgefasst wie die Schlüsselmomente des eigenen Lebens.

Griffig wird die Story aber nicht zuletzt auch wegen Robert De Niro, der wieder einmal und hier besonders deutlich, Method-Acting zelebriert. Reduziertheit umgibt eine konträre Ausdrucksstärke, wodurch die charakterbedingten Selbstzweifel bis ins eigene Mark vordringen und zu Eigen werden.

Am Ende bleibt allerdings wieder nur die Erkenntnis, dass "es war einmal in Amerika" nicht beschrieben, sondern erlebt werden muss. Der Albtraum aller Kritiker, da es unmöglich ist die Wirkung als Ganzes zu erfassen und selektiv darzustellen. Wer sich auf Einzelheiten stürzt, begeht einen Fehler. So bleibt das monumentale Bauwerk, der Abgesang und das Highlight des Gangsterepos - der Mikrokosmos wo das Leben anderer zum eigenen wird. Unfassbar! (10/10)

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