Review

Handlung:
Frankreich, 1944: Nach der Landung in der Normandie erhält Captain Miller (Tom Hanks) den Auftrag, Private Ryan (Matt Damon), der drei Brüder im Krieg verloren hat und hinter den feindlichen Linien ist, nach Hause zu bringen. Nach der verlustreichen Schlacht um Omaha Beach ist eine neue Einheit schnell zusammengestellt, und die Männer machen sich auf die Suche nach Private Ryan, quer durch das vom Krieg erschütterte Land...


Kritik:
1998: Das Genre des (Anti-)Kriegsfilms ist mehr oder minder am Boden, bis Steven Spielberg seinen neuen Film „Saving Private Ryan“ in die Kinos bringt. Mit einem Budget von ca. 70.000.000$ inszeniert er den Krieg mit allen technischen Möglichkeiten die das moderne Hollywood-Kino zu bieten hat. Unterstützt von einem Aufgebot absoluter Könner auf ihrem Gebiet, darunter Tom Hanks, Matt Damon, Tom Sizemore und Edward Burns, mit der Musik von John Williams, mit Janusz Kaminski hinter der Kamera und seinem Stammcutter Michael Kahn will er den ultimativen Antikriegsfilm drehen. Mit Erfolg?
Finanziell auf jeden Fall, allein in den USA spielt der Film über 216.000.000$ ein. Bei den folgenden Academy Awards wird der Film fünf mal ausgezeichnet, Spielberg erhält auch eine Trophäe als bester Regisseur. Doch was steckt hinter diesem Film, ist es wirklich der ultimative Antikriegsfilm geworden?
Der Film beginnt mit einer Landungsszene in der Normandie wie sie der Zuschauer noch nicht gesehen hat. Technisch perfekt prasselt ein Inferno aus Blut, Lärm und Tod von der Leinwand und aus den Boxen auf den Zuschauer ein, ohne auch nur irgendetwas am Krieg und am Sterben zu beschönigen. Hier ist der Tod dreckig, der Krieg hässlich, und auch die so häufig als Saubermänner dargestellten amerikanischen Soldaten begehen Kriegsverbrechen und erschiessen Deutsche die sich bereits ergeben haben. Kaminski versetzt den Zuschauer hier in die Rolle eines amerikanischen Soldaten (mit kurzen Zwischenschnitten aus der Sicht der deutschen Bunkerbesatzungen, eigentlich eine absurde Vorstellung im Hinblick auf den Realismus), ein Stilmittel das ähnlich schon bei „Schindlers Liste“ Verwendung fand. Allerdings bleibt die Überlegung, ob es hier nur um Realismus geht, ob Spielberg und Kaminski das Grauen und das Erlebte der Soldaten möglichst glaubhaft verdeutlichen wollen, oder ob dort nicht auch, zumindest teilweise, die Absicht dahintersteckt, dem Konsumenten den Thrill eines Menschen in Todesangst miterleben zu lassen, natürlich unterstützt von der Oscar-prämierten Soundkulisse. Sicherlich, „Der Soldat James Ryan“ rutscht nie ins exploitative Niveau von italienischen Filmen eines Ruggero Deodato ab, ein fahler Nachgeschmack bleibt jedoch bei näherer Betrachtung.
Sobald die grandiose Eröffnungssequenz des Films überstanden ist, beginnt das eigentliche Geschehen. Und hier findet auch ein Bruch statt. Der zweite Teil wirkt wie ein seperater Film, und auch mehr wie ein Abenteuer oder im weitesten Sinne sogar ein Roadmovie vor dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs. Die Mechanismen sind auf alle Fälle ähnlich: Die Einheit durchquert das Land, trifft auf Deutsche, Kampf, reist weiter, trifft auf Deutsche, Kampf, trifft auf Amerikaner, etc. Auch die Mittel sind bereits bekannt: Hart inszenierte Gefechte, oft aus der Sicht eines Amerikaners, Blut, Schweiss und Tod, dazwischen immer wieder Gespräche über Krieg, Soldatentum und das Leben an sich. Doch der Ton ist ein anderer. Die Amerikaner sind plötzlich zu diesen edlen Männern, die für ihr Land und für die Menschen der freien Welt zu sterben bereit sind, geworden, die Deutschen mutieren zu gewissenlosen Monstern die den Amerikanern natürlich unterlegen sind. Es werden im Endeffekt die gleichen Klischees wiederholt, die man aus unzähligen anderen Kriegsfilmen kennt und hasst. Ein Amerikaner will Kinder retten, der unmenschliche Deutsche Scharfschütze erschiesst ihn (und wird dann von seinem amerikanischen Äquivalent mit einem Meisterschuss durch das Zielfernrohr getötet!), die Amerikaner nehmen einen Deutschen gefangen (übrigens der einzige der Gefangen genommen wird, die Deutschen handeln frei nach der take-no-prisoners-Mentalität), er wirkt geläutert, taucht jedoch später wieder auf und kämpft wieder auf der Seite des Feindes (und tötet auch noch den Juden in der Einheit im Kampf Mann gegen Mann durch ein Messer, ein langsamer, qualvoller Tod). Und da er dem Feind schon ein Gesicht gegeben hat, darf er dann auch noch von dem Neuling im Team exekutiert werden, während seine Kameraden flüchten, diese feigen Deutschen. Hier sinkt seltsamerweise auch die technische Qualität des Filmes leicht ab, bleibt aber natürlich auf einem, für die meisten anderen Filme nicht zu erreichenden, hohen Niveau. Der Körper von Mellish ist ein ganz übler Dummy, und auch die Treffer des Scharfschützen passen nicht mit dem Fadenkreuz überein. Dieser zweite Teil des Filmes zieht den kompletten Film ziemlich runter, da er nicht mehr zu diesem Anspruch des ultimativen Antikriegsfilms passt.
Bei den Leistungen der Beteiligten gibt es keine besonderen Überraschungen. Die Regie Spielbergs ist sicher und versiert wie immer, er ist nicht umsonst einer der grössten Regisseure unserer Zeit. Die Kamera vom Kaminski fängt den Krieg in noch nicht zuvor gesehenen Bildern ein und erzeugt rein visuell einen herben Realismus mit ausgebleichten Farben und wackeligen Bildern, sofern man das von dem Standpunkt eines Zivilisten beurteilen kann. Darstellerisch ist auch alles im grünen Bereich, Tom Hanks und Ed Burns stechen mit ihren Leistungen hervor, während Jörg Stadler, der „Steamboat Willie“ spielt, eine eher schwache schauspielerische Leistung bietet, was aber auch durch das negative Bild seiner Rolle kommen kann.
Hat Spielberg nun den ultimativen Antikriegsfilm geschaffen? Man kann die Frage wohl bejahen, wenn man sich nur die erste halbe Stunde anschaut, etwas beeindruckenderes und auch grauenvolleres gab es zu diesem Zeitpunkt wohl nicht. Die restlichen Filmminuten sind aber der Grund, wegen dem man diese Frage mit „Nein“ beantworten muss, da der Film zu diesem Zeitpunkt eine Kehrtwendung macht.
Jedoch hat der Film eine filmhistorische Bedeutung, da er die Renaissance des modernen (Anti-)Kriegsfilmes einleitete. Es folgten Produktion wie „Der schmale Grat“ von Terence Malick, der der bessere Antikriegsfilm ist, „Sound of War – Wenn Helden sterben“ von John Irvin, eine HBO Produktion die sogar ein menschliches Bild der Deutschen zeichnet, „Black Hawk Down“ von Ridley Scott der jedoch nicht mehr ohne weiteres als Antikriegsfilm gewertet werden kann, und viele andere. Hanks und Spielberg realisierten dann in Zusammenarbeit mit HBO die Serie „Band of Brothers“, die wie eine Serienversion von „Der Soldat James Ryan“ wirkt, jedoch grösstenteils ohne diese schreckliche zweite Hälfte.

Fazit: 7/10 wegen des Bruchs im Film.

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