Multitalent Oliver Stone („Platoon“, „JFK“) war stets jemand der mit seiner Arbeit aneckte, polarisierte und provozierte. „Midnight Express“, für den er das Drehbuch (Oscar-prämiert!) beisteuerte, steht ganz in der Tradition des umstrittenen Filmemachers. Zusammen mit Regisseur Alan Parker („Mississippi Burning“, „The Life of David Gale”) schuf er hier ein, auf wahren Tatsachen beruhendes, beispielloses Gefängnisdrama, das hierzulande leider recht unbekannt zu sein scheint. Laut Billy Hayes, auf dessen Erfahrungen „Midnight Express“ fußt, übertreibt Stone zugunsten der Dramaturgie hier zwar einiges (was auch dazu führte, dass auf Malta gedreht werden müsste, weil die Türkei verständlicherweise jede Zusammenarbeit ablehnte), ein intensives, glaubwürdiges Erlebnis bleibt der Film in seinen gut zwei Stunden aber trotzdem.
Istanbul, 6. Oktober 1970: Für Billy Hayes (Brad Davis) sollte der Trip in die Türkei lukrativ enden. Bepackt mit zwei Kilogramm Haschisch versucht er sich durch den Zoll zu schmuggeln, um in seiner Heimat den Stoff weiterzuverkaufen. Allein dieser Anfang zeugt Parkers virtuosem Talent, den Zuschauer die Welt um sich zu vergessen und nur noch gebannt dem Geschehen in Istanbul zu folgen. Billys Puls rast, was akustisch gleich direkt in den Film eingebunden wird, er schwitzt aus allen Poren und seine unwissende Freundin wundert sich über sein Verhalten. Übernervös übersteht er die Zollabfertigung und wähnt sich schon in Sicherheit. Doch am Flugzeug angekommen, werden sie von Soldaten erneut und diesmal intensiver durchsucht. Sie finden den Stoff...
Was folgt ist eine beängstigend authentisch anmutende, jahrelange Tortur für Billy, der einen Fehler begann und dafür sein ganzes Leben lang bestraft werden soll. Über die gesamte Laufzeit des Films hinweg hält man Billy von nun an einen Strohhalm hin, um ihm mit der anderen Hand den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Menschenunwürdig wird er schon nach seiner Festnahme behandelt, doch das soll nur ein Vorgeschmack auf das sein, was ihm im Gefängnis erwarten wird.
Billy hat das Pech im falschen Moment erwischt worden zu sein. Die Polizisten brüsten sich mit seiner Festnahme, die Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei läuft schief, weil er eine Chance zur Flucht sieht, sie auch nutzt, nur leider wieder eingefangen wird. Das Gefängnis entpuppt sich als Hölle auf Erden. Das kleinste Vergehen wird mit drakonischer Folter bestraft. Sein erstes Vergehen, das unerlaubte Entwenden einer Decke in einer kalten Nacht, führt ihn für vier Tage in eine lange Bewusstlosigkeit. Wieder bei Sinnen, bemerkt er, dass er nicht der einzige Ausländer im Knast ist...
So hangelt sich Billy von Hoffnungsschimmer zu Hoffnungsschimmer, um irgendwann zu resignieren. Das milde Urteil von vier Jahren feiert sein Anwalt schon als Sieg und so versucht Billy das Beste aus seiner Lage zu machen, sich ruhig zu verhalten und die Zeit abzusitzen. Er lehnt Ausbruchsversuche ab und verlässt sich ganz auf die türkische Justiz. Doch die will, als sein Fall neu aufgerollt wird, ein Exempel statuieren und verurteilt ihn 50 Tage vor seiner Entlassung zu lebenslanger Haft. Machtlos müssen seine Angehörigen mit ansehen, wie Billy seiner letzten Chance auf Freiheit beraubt wird.
„Midnight Express“ ist einer dieser Filme die unbeschönigend alles aufzeigen, was man eigentlich so nicht sehen möchte – Dinge, vor denen man die Augen verschließt. Geradezu genüsslich schlägt der Film in die Magenkuhlen des Publikums und fordert ihm zum Zuschauen auf. Das ist harter Tobak, der hier von Stone und Parker auf den Zuschauer losgelassen worden ist.
Das Gefängnis mit seinen unwürdigen Verhältnissen – vor allem in hygienischer Hinsicht ist ein Ort des Grauens, an dem der zusammengepferchte, menschliche Abschaum der Willkür der Aufseher ausgesetzt sieht. Die Zellen sind dunkel, feucht und schmutzig – die Wächter erbarmungslos. Kaum ein Lichtstrahl dringt zu den Insassen. Einige zerbrechen unter dieser seelischen Martyrium, werden zu apathischen Wracks. Billy Hayes selbst sieht sich hier nicht nur Homosexualität ausgesetzt, sondern muss später zudem noch um seinen Verstand kämpfen. Erschreckend und gleichzeitig Mitleid erweckend ist eine Szene, als er seine zu Besuch erscheinende Freundin bittet ihre Bluse auszuziehen und dabei masturbiert..
Tief blickt „Midnight Express“ hinter die Kulissen der Türkei, die diesen Film, gerade heute während des Bestrebens um den EU-Beitritt, lieber nie gedreht gesehen hätte. Korruption, Verrat, Fremdenhass und das Gesetz des Stärkeren herrscht innerhalb der Mauern. Hoffnung gibt es hier für niemanden. Wer hier nicht sterben will, muss den Midnight Express, das Codewort für Ausbruch, wählen. Die Tatsache, dass alle, abgesehen von den Amerikanern, hier Türkisch sprechen, erhöht die gnadenlos depressive, ausweglose Atmosphäre nur noch.
Die zunehmende Verwahrlosung des Billy Hayes schockiert. Die Entwicklung vom jungen Durchschnittsamerikaner zum tobsüchtigen Mörder und schließlich Geisteskranken, stellt Parker in sehr intensiven Szenen da. Den unglaublich sich mit ihren Charakteren identifizierenden Schauspielern ist hier ein großes Lob auszusprechen. Der später an Aids erkrankende und mit Drogenproblemen kämpfende Brad Davis bekam für seinen Karrierehöhepunkt den Golden Globe und gibt hier in seinen verschiedenen Stadien eine facettenreiche Glanzvorstellung. Der Niedergang seines Geistes wird nur allzu deutlich. Neben John Hurt („Alien“, „Nineteen Eighty-Four”) und Randy Quaid („Days of Thunder”, „Hard Rain”) ist in einer Nebenrolle übrigens auch Albert Pyuns Spezi Norbert Weisser zu sehen.
Fazit:
„Shawshank Redemption“ sieht gegen „Midnight Express“ wie ein Kindergeburtstag aus. Unbeschönigend, anklagend und kompromisslos zeigt das zweifach Oscar-prämierte (Drehbuch und Musik) Drama, wie es in türkischen Gefängnissen aussah (oder aussieht?) und das Recht mit Füßen getreten wird. Alan Parker und Oliver Stone schufen hier ganz großes Kino, bei dem man sich stellenweise zum Hinschauen zwingen muss. Ein intensiverer Knastfilm ist mir zumindest noch nicht untergekommen. Fesselnd, drastisch ehrlich, völlig klischeefrei und hoffnungslos zermürbend, gehört „Midnight Express“ zu den beeindruckendsten Filmstücken die mir je untergekommen sind. Ein sich an das erwachsene Publikum richtendes, unbeschreiblich niederschmetterndes Meisterwerk!