Opulentes Blendwerk
David Lynch hat sich in seiner langjährigen Karriere einiges erarbeitet, ist mittlerweile als feste Referenz des anspruchsvollen Mainstream-Kinos institutionalisiert und hat sich als das absolute Lieblingskind für Filmschüler und -psychologen, Kunstkritiker und Traumdeuter etabliert, welche die surrealen Ergebnisse der Lynch'schen Filmwerkstatt als unmissverständliche Einladung zum hemmungslosen heruminterpretieren, -analysieren und -manipulieren auffassen.
Um von Cineasten jedweder Couleur ernst genommen zu werden, gelten für Filmkonsumenten und Rezensenten also ähnliche Gesetze wie z.B. für Gaspar Noè oder Quentin Tarantino: Man MUSS nicht nur alle Filme dieser Herren gesehen haben; man ist auch geradezu verpflichtet, hinterher mit Lobpreisungen und Höchstnoten um sich zu schmeißen.
Denn Lynch ist zweifellos ein Genie, und seine Filme sind hochintelligent: wiedersprechen konventionellen Sehgewohnheiten, bewegen sich in einem ureigenen Zeit-Raum-Kontinuum, in welchem Protagonisten bisweilen willkürlich ausgewechselt werden, weil ohnehin ja alles nur symbolisch für irgend etwas anderes steht; dringen in die Psyche der Zuschauer ein in dem sie mit Metaphern, Symboliken und sonstigen Assoziationsmöglichkeiten überladen sind, und so weiter und so heiter und so fort.
Zweifelsohne sind sowohl "The Lost Highway" als auch "Mulholland Drive" in ihrer geballten visuellen Durchschlagskraft sowohl eine detaillierte und hochklassige Machart als auch eine durch ihre entrückte Darstellungsweise bedeutungsschwanger scheinende Fotografie fesselnde, suggestive Dimension nicht abzusprechen. Dennoch balancieren beide Filme gefährlich auf der Schwelle zwischen Genie und Wahnsinn, kokettieren mit dieser auf einer künstlerischen Ebene mit einem nahezu unverschämt selbstverliebten Anspruch, die auch bei jedem Kritiker (man lese nur die zahlreichen anderen Lobeshymnen dieser Seite oder eine der zahlreichen, obig erwähnten Analysen) meist nur das Gefühl zurück lässt, nicht im Ansatz eine Art finaler Aussage, Message oder gar Logik nachvollzogen haben zu können, was ja auch gar nicht geht, da dies ja vom Regisseur auch keineswegs beabsichtigt ist.
Und was man selbst als Experte nicht kapiert, ist ja bekanntlich mega-intellektuell, progressiv, seiner Zeit voraus, den Konsumenten in seinen Sehgewohnheiten herausfordernd usw. Bevor man also zugibt, als Konsument versagt beziehungsweise nichts auch nur Ansatzweise kapiert zu haben, kapituliert man lieber vor diesen pathetischen Bildfluten und zückt winselnd die Höchstnote als weisse Fahne.
Dies motiviert augenscheinlich die meisten sich zu Lynch-Filmen zu Wort meldenden Film-Connaisseurs zu einer regelrechten Manie, die vergleichbar ist mit jener, mit welcher Neo-Magier David Copperfield mit stetiger Konstanz weltweit die Säle zu füllen vermag: Irgendwann kommt man schon noch dahinter "wie er das macht" (Copperfield) bzw. "was das zu bedeuten hat" (Lynch). Eben jene Kunstconnaisseurs müssen es wohl auch gewesen sein, welche den Neo-"Komponisten" John Cage auf seinen Thron innerhalb der neuen Meister der künstlerischen Undarstellbarkeit hievten und dadurch dafür sorgten, dass sich heutzutage sogenannte hochkultivierte Musikgenießer in Konzertsälen Werken hingeben, in denen minutenlang nicht eine einzige Note gespielt oder aber auch eine Viertelstunde lang arhythmisch, aber strukturiert auf Haushaltsgegenständen herumgetrommelt wird und das ganze dann als die neue Kunst der Moderne abfeiern.
Resümiere also: Kunst ist, was nach viel aussieht, wenig aussagt und ansonsten reichlich gaga erscheint. Insofern ist David Lynch definitiv ein absoluter Künstler und sowohl "Lost Highway" als auch "Mulholland Drive" Referenzwerke, an denen sich jedwede weitere künstlerischen Intentionen aufstrebender Regisseure messen lassen müssten.
Nehmt's mir bitte nicht übel, liebe Lynch-Maniacs, aber ich will doch hoffen, dass sie es eben doch nicht tun, hinterließen doch beide Werke zumindest bei meiner bescheidenen Person im Endeffekt nur das Gefühl filmischer Unbefriedigung, die mit theatralem Gehabe symbolische Inhalte vorzugeben scheint, die letztendlich nicht mal Ansatzweise erfüllt werden.
Anders ausgedrückt: Filme von David Lynch sind so etwas wie ein visualisierter Koitus Interruptus; machen den Konsumenten durch ihre vorgegebene Hintergründigkeit (was für ein Paradoxon!) heiß und hungrig auf den auflösenden Showdown, nur um eben jenen zu verweigern und sich selbstgerecht im eigenen künstlerischen Anspruch zu suhlen.
Vielleicht bin ich ja altmodisch, aber zu wirklich gutem Sex gehört für mich einfach nun mal auch ein Orgasmus. Wahrscheinlicher bin ich aber einfach nur ein kleines Dumerchen; und genau deswegen überlasse ich die Suche nach der Auflösung der Lynch'schen Geisteswelten inklusive ihrer zahllosen Bildmetaphern, Symbolkonstrukten und Trugschlüssen lieber anderen und belasse es beim frevelhaften einmaligen Anschauen beider Kunst/Machwerke, da ich ähnlich den Lynch'schen Filmergüssen auch den Sinn in ewigem Herumdeuten in ihnen, nur um festzustellen, dass der Regisseur doch nichts Eindeutiges mitzuteilen hat, nicht so ganz einsehe. Nichts gegen verwirrendes, den Seh- und Denkgewohnheiten wiedersprechendes Kino; aber da belasse ich's dann doch lieber bei Lynch's ebenfalls David bevornamten Dauerkonkurrenten Cronenberg oder den zahlreichen ehrlichen Trashfilmerlingen, die ihre non-existenten Aussagen nicht mit übertriebenen cinematographischen Aufwand zu kaschieren versuchen.
Um fair zu bleiben: Sicherlich wurden beide Filme auch mit der deutlichen Intention gedreht, die Grenzen des Kinos bzw. seiner Zuschauer auszutesten und somit neu zu definieren, dafür und für die ebenso ausdrucksstarken wie fesselnden Bilder immerhin fünf Punkte, auch auf die Gefahr hin, von nun an als Filmkonsument zweiter Klasse zu gelten.
Falls sich irgendwer nun fragt, warum der selbe Text nun unter beiden Filmen eingetragen ist: Weil es über beide exakt dasselbe zu sagen gibt. Da wir eh gerade beim Lynch-Entwirren sind: Denkt doch mal bitte drüber nach.