Und wieder einmal sind 500 Filmkritiken geschrieben.
Zeit für etwas Muße und einen Rückblick.
Sich einfach mal hinsetzen, in der Schatzkiste der Erinnerungen graben und etwas nach oben befördern, was schon fast vergessen ist.
Auf zu Vieles hat man noch keinen Blick geworfen, zu wenige Filme sieht man immer und immer wieder. Fangen wir also ein paar Erinnerungen an einen Film ein, den, selbst wenn man annimmt, dass das Fernsehen auch keine unendliche Flut von Filmen präsentiert, die meisten Menschen verpassten, sollten sie zur falschen Zeit gezwinkert haben.
Damals…
…irgendwann, es muß so um 1986 oder 87 gewesen, saß ich im besten Teenageralter vor dem großen Fernseher meiner Eltern (mein eigener Fernseher sollte erst Ende 1987 in meinen Besitz kommen) und registrierte mit Erstaunen, dass mir die Tränen wasserfallähnlich über das Gesicht liefen.
Ich hatte gerade zum ersten Mal den Film „Himmel und Hölle“ gesehen.
Es muß purer Zufall gewesen sein, der Film lief spätabends gegen 23h und ich hatte, soweit ich noch weiß, nur wenige Minuten nach Beginn hineingeschaltet.
Gut 90 Minuten später konnte ich nicht nur nicht richtig schlafen, ich stellte auch alle verfügbaren Wecker, um auch ja am nächsten Morgen bei der Wiederholung des Films im Vormittagsprogramm wieder zur Stelle zu sein (demzufolge müssen Ferien gewesen sein).
Ich bin zwar nicht als Zyniker auf die Welt gekommen, aber dass es bei mir wie bei der seligen Sintflut aus den Augen rann, kam schon damals recht selten vor – ein fast schon Novität zu nennender Vorgang.
Was ist das für ein Film, der es schaffte, so etwas bei mir auszulösen?
Ganz sicher bin ich mir da bis heute nicht, denn obwohl ich jahrelang über den Film nachdachte (der Wunsch nach einer Wiederholung wurde mir bis dato nur einmal erfüllt und das ist über 15 Jahre her), bin ich noch immer nicht schlüssig.
„Himmel und Hölle“ oder „State buoni…se patate“, wie dieses italienische Werk im Original heißt, ist ein Film, der sich schlicht und ergreifend einer einfachen Zuordnung entzieht, mag man auch noch so viele Sehgewohnheiten in die Wagschale werfen oder Genreschublädchen öffnen und zweifelnd wieder zuschlagen.
Selbst die Genreeinteilungen in der ofdb geben nur ein ungefähres Bild von diesem Werk wieder, der alles und nichts ist und das auch bockspringend und ständig und nie.
Im Wesentlichen besteht er wohl aus einer Liebesgeschichte, die tragisch endet, dem Leben eines berühmten italienischen Heiligen, dem Kampf zwischen Gut und Böse um die Seele des Menschen, historische Ereignisse und das Ergebnis ist eine seltsame Freude darüber, am Leben zu sein.
Die Handlung beginnt ca. um 1550 und umspannt etwa 20-30 Jahre, die fast unmerklich vergehen.
Kern des Films ist der (tatsächliche) Heilige Filippo Neri, der im Rom des 16.Jahrhunderts in Räumen nahe einer alten Kirche eine Art Waisenhaus unterhält, in welchem er Straßenkinder unterbringt, nach Möglichkeit ernähert und ihnen die Grundbegriffe von Leben und Tod, Gut und Böse beibringt.
Zu Beginn greift er den Jungen Cirifischio auf, der Kirchendiebstahl begangen hat und bringt ihn in seine Herde. Der kleine Dieb ist widerborstig, doch eines Nachts begegnen die beiden einem Herzog und seinem jungen Zögling. Beeindruckt von der Arroganz des Zöglings treffen die Kinder ihn wenige Tage beim Spiel wieder und im Zuge der Auseinandersetzungen entpuppt sich der Junge als Mädchen, als die junge Leonetta, die als minderjährige Liebschaft als Junge getarnt wird, um die Obrigkeit zu täuschen. Neri kann das Mädchen aus den Fängen des Herzogs befreien und zwischen den Kinder entspannt sich eine Liebesgeschichte, die Jahre überdauert.
Als junge Menschen in den Zwanzigern begegnet Cirifischio dem Herzog jedoch wieder und ersticht ihn im Affekt, was ihn an den Galgen bringen würde. Zwangsläufig wird er zum Gesetzlosen und später zu einem der meistgesuchten Banditen Italiens.
Wieder einige Jahre später wird der nun erwachsene Cirifischio auf einer Taufe in Anwesenheit Neris festgenommen und zum Tode verurteilt, Leonetta ist inzwischen Nonnen geworden…
Wer jetzt blindwütig zuteilen will, sieht hier und da natürlich Parallelen zu klassischen Liebesdramen wie etwa „Romeo und Julia“, doch dieser Handlungsstrang macht lediglich ein Drittel der Handlung aus, denn ansonsten beschäftigt sich der Film ausgiebig mit Neris Leben und Werk.
Der Priester, der Unkonventionalität hier ganz neue Dimensionen verschafft, hebt sich deutlich von den Kirchenmännern seiner Zeit ab und beweist die Nähe zu seinen Schäfchen immer wieder aufs Neue. Niemals ein Renegat, sondern gottesfürchtig bis aufs Mark, ist er jedoch lebensnah und vergebend, spielt sich nie als moralische oder religiöse Instanz auf und obwohl er der Hierarchie der Kirche untersteht, unterminiert er sie nie, sondern arbeitet praktisch ungewollt, um Vergebung bittend auf seiner Schiene weiter.
Seine größte Angst und Lebensmaxime ist die Eitelkeit, die größte Sünde, die zum Bösen verführt. Er selbst lebt in größter Armut und Selbstaufopferung, doch stets spricht aus ihm die Lebensfreude und er beweist stets, dass der größte Schatz die Unschuld der Kinder ist, derer er sich annimmt.
Infolge dessen schätzt er sich, seine Person, sein Leben und Werk und seine Verdienste am geringsten ein; er lehnt Beförderungen und Berufungen ab und nimmt auch jegliche Kritik an seinen Handlungen, die den Mechanismen des Vatikans zuwider laufen, für sich an. Auch hier ist ihm die Eitelkeit fern, ein unermüdlicher Arbeiter des Herrn, der das Hier und Jetzt über alles stellt.
Sein Werk ist der Mensch, sein Gegner ist der Teufel, der stets den Menschen versucht.
Und wie es in einer Kinophantasie nun mal so üblich ist, wohnt der Teufel stets im Laden gegenüber dem Waisenhaus, als hätte er die ewige Herausforderung gegen diesen wahrhaft untadeligen Mann angenommen, um sie nie zu gewinnen.
Dabei bedarf es eigentlich keiner großen Tricks, der Teufel tritt stets in menschlicher Gestalt auf, nacheinander als Topfmacher, als Besenbinderin, als Bäckerin, als Bildhauer, als schöne Mohrin und letztendlich als Schneider des Papstes (sic!).
Regisseur Luigi Manni, der auch das Skript verfasste, mischt in diesem Film wahrhaftig alles durcheinander. Wahre Fakten aus dem Leben des Heiligen mischen sich mit Fiktion und künstlerischen Erweiterungen, tatsächliche Figuren mit erdachten und die harte Realität mit den Ausgeburten des Bösen.
Inszeniert ist das alles als eine Art Lebensreigen, in dem die Zeit unmerklich, aber stetig vorbeizieht und nichts niemals endet. Zwar erfolgt ein deutlicher Sprung zwischen Kindheit und Adoleszenz des Paares aber sonst merkt man nur an der steten Ergrauung des Neri das Vergehen der Jahre.
Möglicherweise ist es diese unbeschwerte Endgültigkeit, die den Film so wirksam macht.
Vielleicht ist es aber auch endlich mal ein Film, der selbst religionsfeindliche Menschen einen Hauch vom Wirken der Kirche vermitteln kann, sollte sie sich je auf die ihr zugedachte Rolle besinnen.
Das Wunderbare an Neri ist, dass Manni ihn so darstellt, wie wir uns einen Vertreter der christlichen Kirche wünschen, gottgläubig und realitätsnah zugleich, aufopferungsvoll, humorvoll und doch um den Ernst des Lebens wissend. Nicht strafend, drohend, bestimmend, sondern sich der Fehlerhaftigkeit des Menschen (und damit sich selbst stets bewusst). Und dabei nimmt er niemals den großen Fehler für sich ein, das Beste für den Menschen als Instituion sein zu wollen.
Neri lehrt zwar, aber lernen müssen seine Kinder selbst. Er tut sein Möglichstes und kann nur hoffen, dass sie dereinst auch ihr Möglichstes tun werden, verlangt es aber nicht. Der Priester glaubt stets an die Reinheit und Unschuld der Kinder, sieht die Gefahr im Wesen der Versuchung, nimmt ihnen aber nie die Entscheidung über ihr eigenes Leben ab. Ob man gut oder böse sein soll, muß hier jeder selbst entscheiden.
Und das macht die tragische Love Story vielleicht auch so bedrückend, denn der Mord an dem Herzog stellt sich als Folge des Kontaktes mit dem Teufel heraus, alle weiteren Entwicklungen sind dann irgendwie folgerichtig, doch Cirifischios Aufstieg zum König der Banditen (der zu vielen Frauen ins Bett steigt und auch, wie sich am Ende herausstellt, zum Teufel selbst) ist seine eigene Entscheidung.
Hier gibt es kein bemühtes HappyEnd, keinen Arg, keinen Groll – und, was selbst Don Camillo nicht hinbekommen hat, keine Häme, keine Strafe, kein nachträgliches Besserwissen oder Schuld zuschieben.
Don Filippos Kinder bleiben seine Kinder, wohin ihr Weg sie auch führt und egal, ob er etwas für sie tun kann oder nicht.
Gleichzeitig konterkariert der Film Neris Rolle in der eigenen Kirche, lässt ihn immer wieder Besuch von einem (ebenfalls historisch verbürgten) Kollegen bekommen, Ignatius von Loyola, dem perfekten Gegenentwurf zu Neri, ein buchstabengetreuer Gottesmann im Dienste der Kirche, knochentrocken, ernst, humorlos und missionierend und doch, obwohl er Neri nie bekehren kann und niemals vom richtigen Weg überzeugen (obwohl dieser ihm, natürlich, stets zustimmt und seinen Nicht-Aufstieg in der Kirche als Strafe auf sich nimmt), von dessen lebensbejahender Art auf untypische Art und Weise lebenslang angezogen.
Die Schauspieler, in aller Zurückhaltung, tragen zur positiven Wirkung dieser traurigen Geschichte, in aller Form bei. Johnny Dorelli als Neri ist ein Sympath, wie er im Buche steht, wirkt zwar optisch manchmal eher an einen Spencer/Hill-Missionar gemahnend (deren Quersumme er visuell darstellt), aber immer mit der nötigen Nähe zu den Figuren und den Zuschauern. Leonetta (übrigens in einer Phase dargestellt von Marcello Mastroiannis Nichte) und Cirifischio sind da nur Figuren in der Zeit, aber nie so glatt, wie man es sich von einem Pärchen erwarten könnte.
Die Inkarnationen des Teufels schimmern in aller Pracht, Philippe Leroy gibt den Ignatius mit aller gebotenen Strenge und in einer kleineren Rolle glänzt doch tatsächlich Mario Adorf als Papst, der noch am ehesten Verständnis für den kleinen Mann aufbringt, doch am Lauf der Zeit nichts ändern kann.
Gewürzt wird das alles durch einen herzlichen Humor, so scheinen fast sämtliche Figuren stets in direktem Gegensatz zu dem salbungsvollen Neri zu stehen, sei es nun der widerborstige Dieb, der lebenslustige Teufel, der staubtrockene Priester oder ein immer wiederkehrender Hauptmann, der bei jedem Zusammentreffen mit Neri von diesem versehentlich mit Kot beschmiert wird.
Weiterhin zur wunderbaren Wirkung trägt die Kulisse bei und die besteht aus nichts anderem als dem heutigen Rom, aus düsteren Nebenstraßen, altertümlichen Kirchplätzen, Hinterhöfen, Kammern und Ruinenfeldern aus der Römerzeit, wie man sie heute noch überall finden kann. Nicht prachtvoll, sondern eher schmutzig und ausgebleicht kommt das 16.Jahrhundert herüber und über allem schwebt, man glaubt es kaum, die Musik von Angelo Branduardi, der hier in vielen Szenen die Kinder als Chor singen lässt (und auch in einer kleinen Rolle als introvertiert-schwachsinniger Musiker selbst spielt) und uns mittels des Score auf eine Reise über 400 Jahre in die Vergangenheit schickt. Das mehrfach im Film gespielte „Vanita di Vanita“ (Eitelkeit der Eitelkeit), ist dabei ernsthaft der Schlüssel zum Herzen des Zuschauers, denn es ist genauso schmissig wie tieftraurig und man vergisst die Melodie noch lange danach nicht (ich hab sie tatsächlich nie vergessen, in 20 Jahren nicht).
Das alles ergibt ein Werk, das zwar in keine Schablone passt, aber dabei eins verbreitet wie nichts Gutes: pure Lebensfreude. So einfach wie seine Figuren ist auch seine Botschaft und die geht mitten ins Herz, denn sie ist so ultimativ wie elementar. Wir sind selbst Herr über uns und wir entscheiden, wie und wohin unser Weg uns führt. Alles übrige ist Eitelkeit.
„Himmel und Hölle“ wurde, wie schon angeführt, nur einmal wiederholt, im Jahre 1990.
Es dauerte 15 Jahre, bis ich eine Kopie des Films auftreiben konnte und das war eine Video-CD einer VHS-Aufnahme aus besagtem Jahr der Einheit. Die Bildqualität war mies, der Ton springt oder läuft asynchron zum Bild – aber, oh Wunder, obwohl 15 Jahre vergangen waren, hatte ich keine Szene vergessen, alles war bekannt und die Wirkung hatte nie nachgelassen.
Gut, so spontan, wie zu Teenagerzeiten bin ich nicht mehr, aber dafür glaube ich die Botschaft dieser Geschichte jetzt endlich verstanden zu haben. Und wenn in der Schlußszene mit seinem neuen Kinderchor Neri die Kardinalswürde als Eitelkeit und Unnatürlichkeit ablehnt und in einer Art Vision die noch unschuldigen Leonetta und Chirifischio am Altar beten sieht, dann habe ich immer wieder den Kloß im Hals. Genau wie damals.
Ich kann nur hoffen, dass dieser im Internet wie wild gesuchte Film irgendwo in den ARD-Archiven mal wieder auftaucht und der amtierende Programmdirektor auf eventuell ungeklärte Senderechte herzlich scheißt, denn dann könnte ich endlich ein paar mehr Leute auf diesen Film aufmerksam machen.
Interessant auf jeden Fall, dass von den wenigen, die ihn damals wohl gesehen haben, heute noch Hunderte auf eine Wiederholung hoffen.
Da ist jemandem etwas Wunderbares gelungen.
Und es sei mir vergönnt, diesen kleinen, lustigen und traurigen, irgendwie allumfassenden Film jetzt heilig zu sprechen. (10/10)