Review

***Diese Review enthält Spoiler***

Die Straße gleitet fort und fort...
Es ist soweit.
Es ist vorbei.
Jahre des Wartens, als Peter Jacksons Filmtrilogie in Produktion war und danach zweimal ein weiteres Jahr Warten auf den jeweils nächsten Teil. Immer wieder gesehen, immer wieder genossen, immer wieder mitgelitten.
Nun ist es da, das letzte Kapitel, der Abschluss, der Sieg, die Trauer, die Abreise, das Ende des Rings.
Wir haben lange genug gewartet, die Geschichte ist nun komplett.

...weg von der Tür, wo sie begann...
Es war eine Herkulesarbeit, das wird jeder, der daran beteiligt war bestätigen und man kann es in allen Medien nachvollziehen, was es bedeutete, von Beutelsend aus die Hobbits in Richtung auf den Ringkrieg loszuschicken.
Aus einer Bedrohung, einer simplen Geschichte von vier Hobbits, die auszogen, einen Ring zu zerstören gebar Tolkien ein machtvolle, weit verzweigte, vielköpfige und verschachtelte Saga, ein Epos von ungeheuren Ausmaßen. Und Peter Jackson hat sein Bestes gegeben, um den Ton dieser Saga und seine Vielschichtigkeit auf Film wiederzugeben.

...weit überland, von Ort zu Ort...
Als Zuschauer, eingeweiht oder nicht, musste man sich in das Ungewisse, das Unbekannte, die Topographie eines nicht existenten Kontinents fallen lassen, auf ein Abenteuer, dessen Ende nicht absehbar war. Was klein Begann, wuchs zu gigantischer Größe, mit jedem Schritt, den die Charaktere weitergingen. Überschaubar bis Bruchtal, dann die Gemeinschaft des Ringes, die Gefährten ausformend und wieder auseinander fallend, dann auf drei Handlungsstränge und viele, viele Nebenfiguren ausufernd, bis zum Schlachtengemälde in epischer Breite mit Zielfotofinish - selbst den Zuschauern wurde dabei viel Arbeit abverlangt, mitzuhalten, mitzudenken, den Faden der Geschichte stets griffbereit - um dafür mit Wundern einer erfundenen Welt belohnt zu werden: Bruchtal, Moria, den Argonaths, Amon Hen, der goldenen Halle, Helms Klamm, dem schwarzen Tor, Minas Tirith. Die Wunder des Sehens nahmen kein Ende, für denjenigen, der mitreisen wollte.

...ich folge ihr, so gut ich kann.
Und wie alle Straßen einmal enden (oder beginnen) musste nun in "Die Rückkehr des Königs" der ewige Konflikt endlich beseitigt, aufgelöst werden. Die Zerstörung des Rings stand im Zentrum und damit hatte Jackson und sein Skriptteam ein nicht unbedeutendes Problem, denn die Zerstörung des Rings ist im Buch zwar der Höhepunkt, aber nicht erzählerisch der Schlusspunkt.
Doch der Reihe nach: während Frodo und Sam ihre Reise in Richtung Mordor fortführen, setzt Jackson wieder am Orthanc ein, bei dem man (wie angekündigt) in der Kinofassung Saruman nicht zu sehen bekommt. Sein Schicksal wird dann wohl in der SEE erklärt, wie aber der Palantir einfach so im überfluteten Orthanc-Tal herumliegen kann, hätte man halbwegs begründen müssen.
Von da an folgt der Film dem Ablauf von Tolkiens Buch im Wesentlichen, wenn sich Peter Jackson in diesem Teil auch noch mehr künstlerische erzählerische Freiheiten genommen hat, was die Details angeht. Dass was der Plot unmißverständlich braucht, ist drin: die Heerschau der Rohirrim, der Weg zu den Pfaden der Toten, die Schiffe der Korsaren, Denethors Wahnsinn, Faramirs Verwundung, der Angriff von Rohan, Theodens Fall, Eowyns legendärer Streich, der Scheiterhaufen, der Sieg, der Marsch aufs schwarze Tor, das letzte Gefecht, während Frodo und Sam erst Kankra begegnen, dann Frodo gefangen genommen und befreit wird, bis zum letzten Marsch zur Sammath Naur.
Dem Tolkienliebhaber werden aber die vielen feinen Unterschiede, die Jackson wohl als Konzession an einen geschlossenen und atemberaubenden dritten Kinofilm gemacht hat, auffallen, wenn nicht sogar (sauer) aufstoßen.

Ich lauf ihr raschen Fußes nach...
Was dabei besonders auffällt, ist das dramaturgische Gedränge, vielleicht auch einfach Intensität zu nennen, mit dem ein Höhepunkt dem nächsten folgt. Die visuell in allen Feinheiten schwelgenden Sets stapeln sich nur so, Minas Tirith ist ein echter Höhepunkt nach der doch recht schlichten goldenen Halle, die Schlachten an sich momentan unübertrefflich.
Aber das Tempo sitzt den Machern deutlich im Nacken, es wird unglaublich auf die Tube gedrückt, was wohl in der später zu veröffentlichen Langfassung (oder Noch-Länger-Fassung) etwas herausgenommen werden kann, um die jeweiligen Feinheiten besser zu betonen.
Um den Fluss nicht zu stören, mutiert Tolkiens Story unter Jackson unterschwellig dahin: Aragorn, Legolas und Gimli machen sich allein auf die Pfade der Toten statt mit einer größeren Gruppe, unter dem Berg gibt es gefährliche Verhandlungen, die Korsarenflotte führen sie mit den Geistern ebenfalls allein.
Währenddessen darbt der Handlungsstrang in Gondor an Personenarmut. Gandalf wird zur Tatenlosigkeit verurteilt, Denethor erscheint (zumindest in diesem Cut) mehr als übergeschnappter Unsympath, dessen Geisteszustand kaum näher erklärt wird. Von dem auf ihn Einfluß ausübenden zweiten Palantin sieht man nichts.
Später gerät die Schlacht auf den Pelennorfeldern mehr zu einer Wiederauflage von Helms Klamm, nämlich zu einer Belagerung. Es wird zwar die Stadt verteidigt, aber eine kämpfende Gondorarmee auf den Feldern spart der Film aus. So bleibt es lediglich den Reitern von Rohan überlassen, in die offene Feldschlacht zu ziehen.
Gandalfs Konfrontation mit dem Hexenkönig fällt seltsamerweise flach, bis die Totenarmee nach reichlich Scharmützel die Orks einfach wegspült.
Das wird im Nachhinein sicher einer der größten Kritikpunkte, denn im Roman schaffen es die Geister gar nicht bis Minas Tirith, sondern helfen lediglich die Flotte zu übernehmen.
Insgesamt macht sich so ein Trend zum Konzentrationsprozeß auf die zentralen Hauptdarsteller bemerkbar. Es gibt keine Gondor-Heerführer zu sehen, die Soldaten fallen wie die Fliegen, Gandalf führt die Menschenarmee praktisch allein von Schattenfell, Jackson hatte mit den bisher bekannten Gesichtern offenbar genug zu tun.

...bis sie sich groß und weit verflicht...
Bei all dem Dauerfeuer wirkt der Film, ähnlich wie "Die zwei Türme" von der Spannungskurve manchmal etwas unausgewogen, denn er bemüht sich um ein Gleichgewicht zwischen mehreren Schauplätzen, insbesondere Frodo und Sam. So überrascht dann auch, daß in einer in der Vorlage inexistenten Schleife (die im Nachhinein nicht sonderlich wichtig ist, sondern nur Gollum etwas in den Vordergrund rücken soll), Sam erst mal diskreditiert wird, ehe es praktisch zur Halbzeitmarke des letzten Teils (!) endlich zur Konfrontation mit Kankra kommt. Die ist neben der Schlacht vor Minas Tirith der erste 100%ige Höhepunkt des Films und perfekt gelungen, führt aber mit der späten Einordnung in die chronologischen Ereignisse dazu, daß die Gefangennahme höllisch knapp ausfallen muß. Vor allem Sams Dilemma, den Ring nehmen zu müssen, kommt zu kurz, zugunsten einer Überraschung für Frodo und die Zuschauer, daß er ihn hat und nicht die Orks.
Die Montages des "Showdowns" schließlich, der Weg der Menschen zum schwarzen Tor und die gleichzeitige mühsame Annäherung an den Schicksalsberg, ist wohl nach der Moria-Episode die elektrisierenste Sequenz, die Jackson je gedreht hat, mit einem Höhepunkt in der Sammath Naur, der schon monumental zu nennen ist.
Was dem Autor ein wenig fehlt, bei allem Pathos, ist Gandalf legendärer Satz des Buches, wenn die Armeen des Schreckens einen Moment innehalten, weil sich Frodo am Schicksalsberg offenbart, aber die buchstäbliche Dramatik dieser Minuten pustet eh jeden Zweifel in alle Winde.

...mit Weg und Wagnis tausendfach...
"Die Rückkehr des Königs" ist definitiv der dichteste der drei Filme und dennoch scheint ihm dank der vielen Cuts zugunsten einer kinotauglichen Überlänge vieles zu fehlen. Denethor, Faramir und Eowyn scheinen ständig etwas zu kurz zu kommen, der Weg zum schwarzen Tor geht zu flott von sich, Frodo und Sam im Turm von Cirith Ungol wirkt geradezu gehetzt, die Tarnepisode als Orks fällt aus, Saruman ist ganz draußen usw.
Gleichzeitig musste Jackson am Ende kürzen, verzichtet auf die Befreiung des Auenlandes (womit die errungenen Ehren die übrigen Hobbits nicht mal zu schätzen wissen) und kürzt die Abschiede auf ein Minimum, wobei trotzdem gut 20 Minuten für das Nachspiel draufgehen.
Das "traurige" Finale an den grauen Anfurten schließlich wirkt berückend und poetisch still, wenn es auch etwas karger als im Buch gehalten wurde, greift aber immerhin noch einmal auf Bilbo zurück und präsentiert Frodos Abreise als eine Art Überraschungseffekt. Trotzdem bleibt Jackson hier wenigstens voll im Soll.
Es wird die Aufgabe der Langfassung sein, diesen Film so zu komplettieren, daß die Preisungen und hohen Ehrungen denn auch gerechtfertigt ist. Momentan hat das Team Monumentales abgeliefert und nichts anderes haben alle erwartet. Es ist ein Rausch von einem Film, nur wird dabei nicht selten vergessen, daß Tolkiens Vorlage kein moderner Fantasy-Action-Stoff ist, sondern ein melancholisch-poetisch-trauriger Abschied in den Kleider der Heroic Fantasy. Das kommt im Film zwar immer wieder durch, wirkt aber gegen die Action manchmal stark abgesetzt. Die Langfassung wird das Endprodukt sicher still, fließender, aber auch volltönender und emotional tiefgründiger machen.

...und wohin dann, ich weiß es nicht!
Die Abenteuer sind zu Ende, das Zeitalter der Elben ist gegangen, das der Menschen ist angebrochen.
Was wurde nun rückblickend aus der aufwändigen Verfilmung eines "unverfilmbaren" Buchs?
Jackson hat daraus die in sich wohl geschlossenste, visuell aufreizenste Filmtrilogie der bekannten Geschichte gemacht, erzählerisch reich, mit hervorragend besetzten und aufgelegten Darstellern und Bildern, die man lange nicht vergessen wird. Er hat die Tolkienpuristen ein bisschen auf der Schiefertafel kratzen lassen, sie aber nicht vollends brüskiert; er hat die Liebhaber bedient und vielen, die weder auf Fantasy oder aufs Bücherlesen (vor allem so dicke Bücher)standen, die Augen geöffnet; er hat den Filmfreaks einen Rausch beschert, der noch lange anhalten wird und er hat sich selbst ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt.
Peter Jackson wird auf ewig der Mann sein, der J.R.R.Tolkiens "The Lord of the Rings" verfilmt hat.
Und wir alle durften von Anfang an dabei sein.
Ich bin sicher, Tolkien wäre gern mit dabei gewesen. (9,5/10)

Details
Ähnliche Filme