Frauen sind kompliziert - besonders, wenn sie im Teenageralter sind. Eine simple Gefühlsregung kann da mal schnell ausarten in kreative Wunderwelten voller Emotionen, Rätsel, Dramatik und Spannung. Würden die Erwachsenen nur verstehen, welche verästelten Wege die Heranwachsende beschreiten muss...
“MirrorMask” visualisiert das Innenleben einer solchen jungen Dame namens Helena (Stephanie Leonidas) in einer schweren Zeit. Der Auslöser hätte Soap-Potenzial: Die Mutter bricht während einer Zirkusveranstaltung (man hat es mit einer Zirkusfamilie zu tun, was dem Fantasiereichtum des Mädchens nicht ungelegen kommt) zusammen, nachdem ihre Tochter sie gerade ganz böse angefahren hat. Nun sind da Schuldgefühle, während die Mutter im Krankenhaus operiert wird, und diese sind der Auslöser für eine Traumreise durch eine Welt voller Schlüsselsymbolik.
Natürlich ist das eine weitere “Alice im Wunderland”-Variante, angemessen kindgerecht aufbereitet trotz einiger düsterer Gesellen in der Spiegelwelt wie Spinnen mit einem Auge als Körper, Rätsel und Menschenfleisch liebende Sphinxen oder die Entsprechung der klassischen bösen Hexe. Trotz der Freigabe ab 12 dürfte das Gezeigte wohl auch jüngeren Zuschauern zuzumuten sein - wenigstens in Anwesenheit eines Erwachsenen - und selbst ein Prädikat Marke “wertvoll” ist ohne schlechtes Gewissen denkbar. Schließlich ist die Botschaft zwar griffig und eingängig, aber nicht zu eindimensional - pädagogisch der heutigen Norm gegenüber absolut konform.
Kreativ dabei die Umsetzung, zumindest auf den ersten Moment - denn eigene Ideen, sofern man bis auf den Grund schaut, sind schlichtweg kaum vorhanden. Doch sind altbekannte Märchenmuster zumindest stilistisch so stark entfremdet, dass sie wie etwas Neues erscheinen, darunter aber immer den nostalgischen Zauber alter Märchen versprühen. Und schließlich will Dave McKean, der für Story und Regie verantwortlich zeichnet, auch genau diese Reminiszenzen eingebaut wissen; solche an “Alice im Wunderland”, an “Die Unendliche Geschichte”, an Jim Hensons “Labyrinth”.
Obwohl die Schattenwelt zum größten Teil, ja eigentlich so gut wie vollständig computeranimiert ist und dies mitunter ziemlich offensichtlich, ist ein eigener, durchaus funktionierender Charme vorhanden, der einem optisch ähnlichen Film wie “Immortal” noch vollkommen abging. Die Verbeugung vor Jim Henson funktioniert, auch deswegen, weil die nicht immer perfekten CGIs stets mit Selbstbewusstsein vorgetragen werden. Paradebeispiel dafür sind die katzenhaften Sphinxen mit ihren seltsam gemorphten Gesichtern auf einer Spiegelscherbe, wie es die “Basement Jaxx” im Musikvideo zu “Where’s your Head at?” schon vor Jahren hinbekommen haben (dort ebenfalls bewusst karikiert und verzerrt). Doch es funktioniert wie die Puppe an einem Faden. Genauso werden die Computereffekte diesmal eingesetzt und dann mit künstlichen, kubistisch anmutenden Kulissen und Masken gefüttert. Das macht dann im Querschnitt vom Gefühl her eine Mischung aus “Dumbo”, “Vidocq”, den Computerspielen “Monkey Island” und “Beyond Good & Evil” und einem Pink Floyd-Song. Ein Raum voller tickender Uhren, ein Schlüsselkasten mit Hunderten von unterschiedlichen Schlössern, eine lebendig gewordene Skulptur, eine Bibliothek mit fliegenden Büchern und flüssige Schatten, alles plastisch animiert und von farbverfremdenden Filtern überzogen, die dem Ganzen ein traumhaftes Ambiente verleihen - so muss man sich die Welt von “MirrorMask” vorstellen.
Zum Bedauern desjenigen, der sich erzählerische Neuerungen erhoffte, nähert sich die narrative Struktur beinahe der stochastischen Trefferquote einer Standard-Romantikkomödie an. So sicher es ist, dass der Prolog eine unzufriedene Heldin in ihrem realen Leben zeigt, so folgerichtig muss der Epilog eine geläuterte, glückliche Heldin zeigen. Sie hat sich ihren Weg durch die Verzweigungen des Jenseits gebahnt, um mit mehr Selbsterkenntnis wieder im Diesseits zu landen. Nur so kann die Moral klar und deutlich an den Zuschauer weitergegeben werden. Die wirren Fäden der Fantasiereise werden hinten wieder zugebunden wie ein Bonbon von seinem Papier. Dass die letzten Minuten auf der “anderen Seite” derart psychedelisch und abstrakt sind, dass sie kaum ein Kind verstehen kann, ist grundschade, denn während sich Kinder wohl an der verwaschenen Symbolik des letzten Drittels stören könnten, werden Erwachsene ihre Probleme mit dem kindlichen Zuckerüberzug haben, da “MirrorMask” verpackungstechnisch ein Kinder- oder allenfalls ein Familienfilm ist. Überhaupt mag man hier vielleicht überdurchschnittliche Familientauglichkeit postulieren können und damit sagen wollen, dass ein Publikum seinen Spaß haben kann, das von der demographischen Komponente unabhängig zu betrachten ist. Doch so richtig tiefgehend, wirklich essenziell ist die Geschichte dann doch nicht, da hatte “Alice im Wunderland” wirklich die besseren Werkzeuge, um tiefe Löcher zu graben.
Darstellerisch gibt es nicht viel Variation. In der Story ist verankert, dass Helena die Einzige ist, die über ein Gesicht verfügt, und so ist die meiste Zeit über ihrer Darstellerin alleine das Schauspielern vorbehalten. Das macht sie ganz ordentlich, ohne zu glänzen, kann aber vor allem in Sachen Leinwandpräsenz und Charakterstärke Zeichen setzen. Dass sie dabei optisch ungemein stark an Elisha Cuthbert erinnert, sei nur nebenbei erwähnt. Ihre Co-Stars müssen entweder unter klotzigen Masken agieren (Jason Barry) oder sind mit Make Up bedeckt (Gina McKee).
Alles in allem bleibt eine ambitionierte, visuell ungewöhnlich einfallsreiche Selbstfindungsreise durch ein surreales Meer voller verrückter Kreaturen, die ihre Wurzeln im klassischen Märchen gar nicht erst zu verbergen versucht, ebenso wenig wie eventuelle handwerkliche Defizite. Das ist ähnlich charmant wie die Hauptdarstellerin, jedoch vermisst man letztendlich doch einen Ausbruch aus dem ewig gleichen Muster, das sich in diesem Genre auch schon zunehmend um die Plots spannt wie ein goldener Käfig. In den Ansätzen ist es nur angemessen, sich auf Bestehendes zu stützen, doch am Ende sollten dann eigene Zeichen gesetzt werden; dies geschieht hier leider nicht.